Jade  Ausgebüxter Baumstachler „Daisy“ verletzt acht Hunde – mit Hunderten Stacheln

Melanie Hanz
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Von Melanie Hanz
| 14.05.2025 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Einer der fünf Baumstachler im Jaderpark: Die Tiere stammen aus den USA und Kanada und sind hervorragende Kletterer. Ihre Nahrung besteht aus Rinde, Knospen, Baumnadeln, Wurzeln, Blättern und Früchten. Foto: Foto: Jaderpark
Einer der fünf Baumstachler im Jaderpark: Die Tiere stammen aus den USA und Kanada und sind hervorragende Kletterer. Ihre Nahrung besteht aus Rinde, Knospen, Baumnadeln, Wurzeln, Blättern und Früchten. Foto: Foto: Jaderpark
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Fühlt sich der Baumstachler in die Enge getrieben, wehrt er sich mit spitzen Stacheln. Das bekamen jetzt acht Hunde schmerzhaft zu spüren.

Er sieht so niedlich und plüschig aus – doch wenn er sich in die Enge getrieben fühlt und keine Fluchtmöglichkeit mehr sieht, wehrt er sich mit seinen spitzen Stacheln mit Widerhaken gegen seine Angreifer. Der Baumstachler lebt in Nordamerika und Kanada – doch auch in Tierparks und Zoos in Deutschland ist er zu sehen.

Wie schmerzhaft und gefährlich der Kontakt mit dem harmlos aussehenden Tier ist, mussten Anfang Mai mehrere Hunde des Hundeschutzhofs „Nordseeschnuten“ in der niedersächsischen Gemeinde Jade an der Nordseeküste erfahren. Der Schrecken und vor allem auch die Stacheln sitzen noch immer tief.

„Die Nacht des Schmerzes – als Daisy mit 30.000 Stacheln zuschlug“ haben die Betreiber des Tierschutzhofs für behinderte Hunde ihren Beitrag auf Facebook betitelt. Darin schildern sie, was sie in der Nacht vom 1. auf 2. Mai erlebt haben. Ein – noch – unbekanntes Tier war in der Nacht ums Haus gewandert und von den Hunden bemerkt worden. Die rannten los und stellten das Tier.

„Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich unser sicherer Zufluchtsort in ein Schlachtfeld. Die ersten Hunde rannten panisch und vor Schmerzen schreiend wieder ins Haus, andere orientierungslos durch den Garten. Jeder von ihnen sah aus, als wäre er direkt in einen riesigen Kaktus gelaufen. Diese Situation konnten wir im ersten Moment überhaupt nicht zuordnen. Doch relativ schnell war klar: Das hier war kein einfacher Zwischenfall. Das war ein medizinischer Notfall.“ So schildert der Nordseeschnuten-Vorsitzende Marco Nolte-Ernsting das Geschehen.

Noch in der Nacht musste eine Tierärztin kommen und sieben Hunden unter Narkose die Stacheln ziehen. „Teilweise hunderte Stacheln pro Hund“, sagt Nolte-Ernsting. Er und seine Frau sind noch immer fassungslos. Und noch sind nicht alle Stacheln gefunden – weitere OPs stehen an, denn die mit Widerhaken bewehrten Stachelspitzen wandern im Hundekörper und können böse Entzündungen verursachen.

Dass ein achter Hund ebenfalls verletzt ist, stellte sich erst am Tag darauf heraus: „Die kleine Hündin hatte sich unterm Bett versteckt. Sie traut sich nicht mehr hinaus“, sagt Nolte-Ernsting.

Erst am Tag danach entdeckte Nolte-Ernsting auch den Übeltäter: Er saß in einem Ahornbaum auf dem Gelände. Er habe zunächst gar nicht gewusst, was das für ein Tier sei, so der Tierschützer. Anhand der Stacheln fanden er und die Tierärztin heraus, dass es sich um einen Baumstachler handelt. Eine Nachfrage im Jaderpark ergab, dass dort bereits seit September ein Baumstachler vermisst wird. Tierpark-Mitarbeiter fingen das Tier dann ein. Dass es sich tatsächlich um die ausgebüxte „Daisy“ handelt, ergab dann das Auslesen des Chips.

Nur weil der Baumstachler ein so guter Kletterer ist, sei er wohl auch aufs Grundstück gelangt, sagt Nolte-Ernsting. „Unser Gelände ist rundherum so eingezäunt, dass keine Wildtiere hinein- und keine Hunde hinausgelangen“, betont er. In der Nacht, als er zu seinen vor Schmerz schreienden Hunden gelaufen sei, habe er nur ein mittelgroßes Tier mit wild peitschendem Schwanz flüchten sehen. Er habe es für ein Stachelschwein gehalten.

Auch am Baumstachler hat das Geschehen Spuren hinterlassen: Bisse an Schwanz und Flanke mussten vom Tierarzt versorgt werden, berichtet Frank Ahrens, der Zoologische Leiter des Tierparks Jaderberg, auf Nachfrage. „Das Tier gewöhnt sich nun langsam wieder ein“, sagt er.

Baumstachler, die bis zu 90 Zentimeter lang und 15 Kilogramm schwer werden können, seien keineswegs aggressive Tiere. Bei Gefahr fliehen sie und suchen Schutz auf Bäumen, so Ahrens. Doch offensichtlich waren die Hunde schneller und stellten den Baumstachler. „Er musste sich gegen sieben Hunde wehren und hat um sein Leben gekämpft“, sagt er.

Auch im Jaderpark herrscht Betroffenheit über den Vorfall. „Das ist ganz dumm gelaufen – sowohl für die Hunde als auch für den Baumstachler“, sagt der Zoologische Leiter. Die Tierarztkosten für die Hunde werde natürlich der Tierpark übernehmen. Dafür gebe es eine Haftpflichtversicherung, so Ahrens. Dass Tiere aus dem Jaderpark ausbüxen, sei eine sehr seltene Ausnahme.

„Wir müssen Sorge tragen, dass die Gehege so gesichert sind, dass kein Tier weglaufen kann“, sagt er. Das sei mit dem Baumstachler leider einfach passiert, „aus Unachtsamkeit eines Mitarbeiters“. Drei waren ausgebüxt, zwei wurden gefunden – der dritte blieb verschwunden. Zunächst habe man noch gehofft, das Tier im Park wiederzufinden, später gab es noch einige Sichtungen in der Umgebung. Doch „Daisy“ einzufangen, gelang nicht.

Dass der Jaderpark inzwischen die Begleichung der Tierarztkosten zugesagt hat, erleichtert Nolte-Ernsting und den Verein Nordseeschnuten. „Das stand nicht von Anfang an fest“, berichtet er. Er hofft, dass auch die weiteren Mehrkosten etwa für die Pflege der verletzten Hunde ausgeglichen werden. Enttäuscht ist er vom Verhalten der Verantwortlichen im Jaderpark. „Bisher hat keiner mal nachgefragt, wie es uns geht, wie es den Hunden geht, oder ob man etwas tun könne. Das ist schon traurig.“

Nicht nachvollziehen kann der Tierschützer, dass nie offiziell gemeldet wurde, dass ein Baumstachler aus dem Tierpark weggelaufen ist. „Was wäre denn los gewesen, wenn zum Beispiel ein Kind das Tier irgendwo entdeckt hätte und dann von Stacheln gespickt worden wäre?“, fragt er. Denn: „Den Baumstachler kennt hier doch keiner und weiß auch nicht, was passieren kann, wenn er sich bedroht fühlt.“

Dieser Artikel erschien zuerst in der Ostfriesen Zeitung in Leer.

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