Bad Rothenfelde  Nach 58 Jahren: Wie aus diesen Verschickungskindern Freundinnen wurden

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 11.05.2025 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
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Als Kinder wurden Renate Schwederski-Börs und Martha Bilzer zur Kur in ein Heim nach Bad Rothenfelde geschickt. Sie verloren sich aus den Augen – bis ein Foto die beiden Frauen 58 Jahre später wieder zusammenbringt. Über das Glück einer zweiten Begegnung.

„Entschuldigen Sie, dass wir so laut lachen, aber diese Geschichte ist einfach zu gut!“ Das ruft Renate Schwederski-Börs dem Nachbartisch zu, bevor sie sich wieder zu ihrer Freundin Martha Bilzer dreht. Die beiden Frauen, beide 79 Jahre, sitzen an einem kleinen Tisch im Haus St. Elisabeth – ein Haus für Seniorenerholung in Bad Rothenfelde in Niedersachsen. Es ist jener Ort, wo sie als Kinder mehrere Wochen verbracht haben.

Auf einer weißen Decke vor ihnen liegen schwarz-weiß Fotos. Schwederski-Börs nimmt ein Bild in die Hand. „Guck mal, da bist du mit den langen Zöpfen”, sagt sie. Bilzer beugt sich zu ihrer Freundin, streicht ihr über den Arm und nimmt das Foto in die Hand. „Rechts in der Ecke bist du, oder?”  

Was für andere ein altes Gruppenfoto ist, ist für die beiden Frauen ein bedeutendes Stück Erinnerung – und ein unglaublicher Zufall: Denn dieses Foto hat sie nach Jahrzehnten wieder zusammengeführt.

Die beiden gehören zu den Millionen sogenannten Verschickungskindern. Zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den 1990er-Jahren wurden in Deutschland schätzungsweise zehn Millionen Kinder zur Kur geschickt – oft wegen Unter- oder Übergewicht, wegen Infekten oder einfach, weil sie als „blass“ galten. Sechs bis acht Wochen lang lebten sie in Heimen, getrennt von ihren Eltern, oft hunderte Kilometer von zu Hause entfernt. Auch Bad Rothenfelde war ein solcher Ort.

Am 13. September 2013 blickt Renate Schwederski-Börs in Bad Rothenfelde in einem Vortrag auf eben diese Zeit zurück. Sie weiß, wovon sie redet. Insgesamt viermal wurde die gebürtige Kölnerin als Kind zur Kur geschickt.

Martha Bilzer, schon immer historisch interessiert, kommt zur Veranstaltung. Alte Fotos aus ihrer eigenen Verschickungszeit hat sie mitgebracht. Nach der Veranstaltung geht sie auf Schwederski-Börs zu. „Und da hat Renate mein Bild auf ihrem Schoß“, sagt Bilzer. „Ich dachte, ich werde verrückt“,

Bilzer holt ihr Foto aus der Tasche. Die beiden halten ihre Abzüge nebeneinander – und erkennen sich nach 58 Jahren auf den Bildern wieder. „Gegen unsere Wiedervereinigung war die Deutsche Einheit gar nichts“, sagt Schwederski-Börs im breiten Kölsch.

Sie lacht laut auf und fasst Bilzer an den Händen, die herzhaft mitlacht. Kurz blicken die beiden Frauen zum Nebentisch. Dort hat man aufgeschaut zu den beiden Frauen, die sich Lachtränen aus den Augenwinkeln wischen. 

70 Jahre ist es her, dass die beiden das Haus St. Elisabeth zuletzt betreten haben. 1955 waren sie hier zur Kur – damals wurde das Haus noch von Franziskanerinnen geführt. Heute betreibt die Caritas hier ein Haus für Seniorenerholung.

Die beiden Freundinnen sitzen in einem der ältesten Räume des Hauses mit spitz zulaufenden Fenstern, einige Bewohner trinken Kaffee. „War das damals auch der Speisesaal?“, fragt Schwederski-Börs. „Der Raum war doch größer“, sagt Bilzer und schaut sich um. Es habe sich zu viel verändert, kaum etwas erkennen die Frauen wieder. 

Schwederski-Börs erinnert gern zurück an ihre Zeit in dem ehemaligen Verschickungsheim. In Köln lebte sie mit zehn Personen auf engstem Raum, gespielt wurde in den Trümmern der Domstadt. Sie war zu dünn, als sie nach Bad Rothenfelde kam. „Hier hatte ich mein erstes eigenes Bett, das verteidige ich bis heute”, sagt sie. 

Bilzer hat ganz andere Erinnerungen. Sie wurde aus dem nur zehn Kilometer entfernten Kloster Oesede nach Bad Rothenfelde geschickt, im Jahr zuvor war sie schwer krank und mehrere Wochen im Krankenhaus. „Eine Erzieherin zog mir an meinen Zöpfen, als ich mich wehrte, hat sie mich eingesperrt”, sagt sie. 

Aneinander erinnern können sich die beiden Frauen kaum. „Wäre Martha mir auf der Straße begegnet, hätte ich sie nicht erkannt“, sagt Schwederski-Börs und schüttelt den Kopf. Doch als sie sich bei der Veranstaltung fast sechs Jahrzehnte später gegenüberstanden, war sofort klar: Diese Begegnung sollte kein flüchtiger Moment bleiben. „Wir haben ja nicht 58 Jahre aufeinander gewartet, um uns wieder zu trennen“, sagt Bilzer und schaut ihre Freundin an.

Heute verbindet die Frauen eine enge Freundschaft. Da ist Schwederski-Börs, die Quirlige. Sie gestikuliert mit beiden Händen, erzählt in breitem Kölsch von ihrem Leben: von ihrer Arbeit bei der Stadt Köln, von ihrem Kind, ihrem Sternenkind, von Dieter, ihrem zweiten Mann.

Und da ist Bilzer, ruhig und aufmerksam. Eine, die lieber zuhört als redet. Die Bücher liebt, in ihrem Geburtsort lebt, ehrenamtlich in der Bibliothek hilft, Kinder großgezogen und in der Grundschule gearbeitet hat.

Regelmäßig besuchen sie sich, ihre beiden Männer verstehen sich gut. Und natürlich telefonieren sie miteinander. „Martha ist eine echte Stütze, sie ist meine beste Freundin”, sagt Schwederski-Börs. 

Als sie das St.-Elisabeth-Haus verlassen, steht die Sonne schräg über dem Kurpark. Der Regen hat gerade aufgehört. Die beiden Frauen umarmen sich kurz. Schwederski-Börs schlägt den Weg nach rechts ein, Bilzer geht nach links.

„Dann besuchen wir euch das nächste Mal“, ruft Bilzer noch. „Das ist wohl eine Drohung!“, ruft Schwederski-Börs lachend zurück – und winkt.

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