Osnabrück  Schlacht von Slivice: Warum es Tage nach der Kapitulation noch zu Kämpfen in Tschechien kam

Maik Nolte
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Von Maik Nolte
| 12.05.2025 17:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Tschechische Widerstandskämpfer in Prag: der dortige Aufstand endete am 8. Mai 1945, die Kämpfe gegen die Deutschen noch nicht. Foto: imago/CTK Photo
Tschechische Widerstandskämpfer in Prag: der dortige Aufstand endete am 8. Mai 1945, die Kämpfe gegen die Deutschen noch nicht. Foto: imago/CTK Photo
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Am 12. Mai 1945 war der Krieg seit Tagen vorbei, Deutschland hatte kapituliert. In Tschechien kamen dennoch wohl mehr als tausend Menschen in einem Gefecht ums Leben – weil deutsche Befehlshaber sich nicht an die Vorgaben der Kapitulation hielten.

„Das ganze Nest muss brennen“, soll Waffen-SS-Befehlshaber Carl Friedrich von Pückler-Burghauss gesagt haben, als er die Niederschlagung des Aufstands in Prag plante. Der war am 5. Mai 1945, kurz vor dem absehbaren Kriegsende, ausgebrochen; in der tschechischen Hauptstadt lieferten sich Besatzer von Wehrmacht und SS, bewaffnete Widerständler und übergelaufene deutsche Hilfstruppen schwere Gefechte. Während im französischen Reims die Kapitulation der deutschen Wehrmacht bereits auf dem Tisch lag, kamen in Prag noch Tausende Menschen um. 

Und sie sollten nicht einmal die letzten sein, die im Kampf gegen den NS-Terror starben. In Tschechien, das sich NS-Deutschland 1939 als „Protektorat Böhmen und Mähren“ einverleibt hatte, kam es zu weiteren blutigen Kämpfen: Am 11. und 12. Mai 1945 schossen beim Dorf Slivice Deutsche, Tschechen, Amerikaner und Sowjets aufeinander – weil die Reste einer deutschen Armee sich nur den Amerikanern ergeben wollten. Eine außerhalb Tschechiens kaum bekannte und ziemlich sinnlose Schlacht.

Der Hintergrund: Beide Kapitulationsurkunden, sowohl die am 7. Mai in Reims als auch die einen Tag später in Berlin-Karlshorst unterzeichnete, sahen eine Einstellung der Feindseligkeiten am 8. Mai um 23.01 Uhr vor (0.01 Uhr nach Sommerzeit). Diese Frist hatte die deutsche Seite ausgehandelt, eigentlich wollte sie vier Tage erreichen. Sie sah den Zeitpuffer als zwingend notwendig an, um angesichts der zusammenbrechenden Kommunikation entsprechende Befehle überhaupt an die Truppen übermitteln zu können. 

Zumindest war das der offizielle Beweggrund. Der andere, nicht so offen geäußerte: Die Reichsregierung unter Hitler-Nachfolger Karl Dönitz wollte möglichst vielen Soldaten und Zivilisten möglichst viel Zeit verschaffen, um sich noch nach Westen durchzuschlagen. Nicht nur aus Furcht vor der Rache der Sowjetarmeen für die deutschen Verbrechen in ihrem Land. Sondern auch, weil einige hohe Militärs immer noch davon träumten, zusammen mit den Westalliierten den Kampf gegen Moskau fortzusetzen.

Zu ihnen zählte auch der frisch zum Generalfeldmarschall beförderte Ferdinand Schörner. Als die deutschen Truppen in Prag am 8. Mai schließlich aufgaben, befahl er seiner in Tschechien stehenden Heeresgruppe, zu den amerikanischen Linien zu marschieren. Der stramme Nazi Schörner war berüchtigt dafür, seine eigenen Soldaten reihenweise hinrichten zu lassen, sollten es ihnen in seinen Augen an „Tapferkeit“ mangeln; aber den Rotarmisten wollte auch er lieber nicht in die Hände fallen.

Also machten sich Reste seiner Armeen auf den Weg nach Westen – obwohl die Alliierten in der Kapitulationsurkunde klipp und klar festgelegt hatten, dass alle deutschen Einheiten zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der Kapitulation an Ort und Stelle zu verbleiben haben. Dennoch marschierten nun geschätzt 70.000 Wehrmachts- und SS-Soldaten sowie Zivilisten durch Tschechien. Auf ihren Fersen Partisanen, die die Besatzer nach all den Verbrechen keineswegs einfach so davonkommen lassen wollten. Als Beispiel sei nur die Vernichtung des Dorfes Lidice genannt, die deutsche Vergeltung für das Attentat eines Tschechen auf den Holocaust-Planer Reinhard Heydrich.

Vermutlich setzten die deutschen Befehlshaber darauf, dass die Amerikaner die gesetzte Frist nicht allzu eng sahen. Was sie wohl nicht ahnten: Quer durch Tschechien verlief eine von den Alliierten vereinbarte Demarkationslinie. Wer sich zum Zeitpunkt der Einstellung der Kampfhandlungen östlich davon befand, hatte sich demnach der Roten Armee zu ergeben. Und als die Deutschen am 9. Mai diese Linie erreichten, verweigerten die US-Verbände den Übertritt.

Die Truppen unter dem Kommando des SS-Mannes Pückler-Burghauss steckten nun fest: Der Weg in die amerikanische Gefangenschaft war versperrt, die Rote Armee rückte heran, und die Partisanen rüsteten sich zum Angriff. Der begann am 11. Mai, nachdem es Berichte über Morde der Deutschen an Zivilisten gegeben hatte. Im Verlauf des Tages stießen erste sowjetische Verbände zu den Partisanen, und US-Artillerie feuerte über die Demarkationslinie hinweg auf die deutschen Stellungen. 

Einem Großteil der Deutschen scheint es in diesen Tagen trotz der geschlossenen „Grenze“ gelungen zu sein, sich irgendwie abzusetzen. Der verbliebenen Truppe blieb angesichts der Ausweglosigkeit der Lage nichts anderes übrig, als sich zu ergeben. Pückler-Burghauss kapitulierte am 12. Mai und erschoss sich anschließend, rund 6000 Mann gerieten am Ende in sowjetische Gefangenschaft – und die Partisanen gingen noch tagelang auf die Suche nach versprengten Deutschen. Auch dabei wird es Tote gegeben haben; wie viele, ist unklar. 

Für die Schlacht bei Slivice zählten tschechische Historiker 38 getötete Widerstandskämpfer und 100 ums Leben gekommene Rotarmisten. Zur Zahl der getöteten Deutschen gibt es keine verlässlichen Zahlen, meist ist die Rede von rund 1000 Toten. Nachgezählt hat zu diesem Zeitpunkt wohl niemand mehr. 

Einen problemlosen Weg über die Demarkationslinie fand übrigens ausgerechnet Oberbefehlshaber Schörner: Er überflog sie mit einem Kurierflugzeug und landete in Österreich, in Zivil und mit einer erklecklichen Summe Bargeld. Geholfen hat es ihm wenig: Die Amerikaner lieferten ihn umgehend an die Sowjetunion aus.

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