Berlin Verstopfte Praxen: Wird die freie Arztwahl abgeschafft?
Nur noch mit Überweisung zum Facharzt: Die neue Bundesregierung will Patienten mit einem „Primärarztsystem“ steuern, damit Schluss ist mit verstopften Praxen. Deutschlands Landkreisen geht das nicht weit genug, sie stellen den Arztvorbehalt generell infrage. Was kommt auf Kranke zu?
In kaum einem Land gehen die Leute so oft zum Arzt wie bei uns. Das verschlingt Unsummen, sorgt für Terminnot und ist oft nicht notwendig. Die neue Bundesregierung will dem ein Ende setzen.
Ist das sinnvoll? Kann das gutgehen? Oder braucht es gar noch weitergehende Lösungen? Die wichtigsten Fragen und Antworten für Patienten:
Wer heute zum Orthopäden, Neurologen oder Psychiater möchte, kann direkt einen Termin buchen. Vor 16 Jahren hat die damalige Große Koalition die Pflicht weitgehend abgeschafft, beim Hausarzt eine Überweisung für den Facharzt zu besorgen.
Nach einer Studie der OECD aus dem Jahr 2020 gehen die Bürger in Deutschland etwa 10 Mal pro Jahr zum Arzt oder Facharzt. Zahnarzttermine sind nicht eingerechnet. Der internationale Durchschnitt liegt bei 6,6. Die Schweden kommen mit 2,6 Terminen pro Jahr aus. Deutschland sei „Spitzenreiter“ bei den Arzt-Patienten-Kontakten, stellt der Spitzenverband der Krankenkassen (GKV) fest, zugleich hätten viele Versicherte Probleme, einen Arzttermin zu bekommen.
Ein Unding, findet Klaus Reinhardt, selbst Hausarzt und Präsident der Bundesärztekammer (BÄK). „Dass sich jeder auf Kosten der Allgemeinheit aussucht, was ihm am besten passt, das ist weltweit einzigartig, aber nicht fair und definitiv nicht mehr länger leistbar und bezahlbar“, sagte er kürzlich im Interview mit unserer Redaktion.
Im Koalitionsvertrag von Union und SPD heißt es: „Zu einer möglichst zielgerichteten Versorgung der Patientinnen und Patienten und für eine schnellere Terminvergabe setzen wir auf ein verbindliches Primärarztsystem bei freier Arztwahl durch Haus- und Kinderärzte.“ Ausnahmen soll es bei der Augenheilkunde und der Gynäkologie und für chronisch Kranke geben, zum Beispiel über Jahresüberweisungen.
Und weiter: „Die Primärärzte oder die von den Kassenärztlichen Vereinigungen betriebene Rufnummer 116 117 stellen den medizinisch notwendigen Bedarf für einen Facharzttermin fest und legen den dafür notwendigen Zeitkorridor (Termingarantie) fest.“ Gelinge dies nicht, „wird der Facharztzugang im Krankenhaus ambulant (...) ermöglicht.“
Die erhofften Einsparungen beziffert die Koalition auf zwei Milliarden Euro pro Jahr. Das wäre ein substanzieller Beitrag, um die Krankenkassenbeiträge zu stabilisieren.
Die Bundesärztekammer. „Wir unterstützen das sehr“, sagte BÄK-Präsident Klaus Reinhardt. „Ein Primärarzt könnte bei mehrfach Erkrankten die komplexe Versorgung koordinieren, aber wir müssen wegkommen von der Doppelt- und Dreifach-Versorgung unkoordiniert und nebeneinanderher.“
Er sei überzeugt: „Eine wirklich smarte Patientensteuerung könnte helfen, die knappen ärztlichen Ressourcen viel effizienter zu nutzen und auch die Kosten insgesamt spürbar zu senken.“
Die gesetzlichen Krankenkassen. „Es wäre gut, wenn hausärztliche Praxen die vollständige Koordination der medizinischen Versorgung der Versicherten übernehmen würden“, sagte deren Vize-Vorständin Stefanie Stoff-Ahnis. Durch eine zielgerichtete Patientensteuerung könnte kranken Menschen besser geholfen und die Zahl unnötiger Arztbesuche reduziert werden. „Beides ist notwendig.“
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). „Aktuell würde das dazu führen, dass die hausärztlichen Praxen sich doppelt so viele Patienten anschauen müssten wie bisher“, sagte deren Chef Andreas Gassen. „Wir würden das System der hausärztlichen Praxen überfordern.“
Außerdem würden sich logistische Fragen stellen: „Wenn Menschen in einem Flächenland eine hausärztliche Praxis aufsuchen müssen, die 50 Kilometer südlich entfernt ist und dann eine fachärztliche Praxis aufsuchen, die 50 Kilometer nördlich entfernt ist, dann müssen sie vorher getankt haben. Sonst wird das schwierig.“
Die Deutsche Stiftung Patientenschutz, die sich insbesondere um ältere Patienten und Pflegebedürftige kümmert: „Es wird dazu führen, dass wir jetzt zwei Mal warten dürfen. Einmal beim Hausarzt und das nächste Mal beim Facharzt“, so die Befürchtung des Vorsitzenden Eugen Brysch.
Deutschlands Landkreisen. „Künftig werden immer weniger Ärztinnen und Ärzte immer mehr Menschen versorgen müssen. Die künftige Bundesregierung sollte deshalb ruhig auch den Mut haben, über noch weitergehende Schritte nachzudenken“, sagte DLT-Präsident Achim Brötel im Gespräch mit unserer Redaktion.
Und er wird konkreter: „Gerade aus Skandinavien könnten wir da noch vieles lernen. Ich würde sogar so weit gehen, den Arztvorbehalt insgesamt infrage zu stellen. In Skandinavien sieht man den Arzt nur, wenn die erfahrene Pflegefachkraft oder Arzthelferin im Empfangsbereich nicht von selbst weiterhelfen kann. Warum trauen wir uns nicht, über ein solches Modell auch in Deutschland zumindest einmal nachzudenken?“
Zur Erläuterung nennt er große Erkältungswellen. „Die Leute sitzen dann in vollen Wartezimmern und husten sich gegenseitig an, während sie auf den Arzt warten.“ Das sei auch dann so, wenn es vielleicht nur um ein Alltagsrezept geht. „Ließe sich das nicht auch wesentlich effizienter gestalten? Und: Warum sollen eigentlich Krankenhäusern nicht sehr viel mehr auch ambulante Leistungen erbringen und dann abrechnen dürfen?“, fragt der Landkreistagspräsident.
Das liegt nun vor allem in der Hand der neuen Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU), die am Mittwoch von Karl Lauterbach (SPD) übernahm. Die Abgeordnete und Juristin ist nicht vom Fach. Aber dass bei der Gesundheitsversorgung unbequeme Reformen anstehen, ist allen klar.
Bei ihrer Vorstellung sagte Warken, sie wolle den Menschen in den Mittelpunkt rücken und nicht das ihn umgebende System. Ihre konkreten Vorschläge für ein Primärarztsystem werden jedenfalls mit Hochspannung erwartet.
Von Landkreistagspräsident Brötel bekommt die Novizin im Gesundheitsministerium eine Warnung mit auf den Weg: Eigentlich jeder fordere seit langem eine praktischere Versorgung. „Am Ende scheitert es dann aber daran, dass schlicht Pfründe verteidigt werden und die Menschen bei alledem schließlich in die Röhre gucken“, sagt er.
Und ergänzt: „Ich würde mir deshalb wirklich wünschen, dass wir unser Gesundheitssystem sehr viel mehr am echten Bedarf der Patientinnen und Patienten ausrichten anstatt an den Interessen der Lobbyvertreter mit der lautesten Stimme.“