Hannover/London „Die Freiheit täglich neu verdienen“: So blickt der Enkel eines Kriegshelden auf den 80. Jahrestag der Befreiung
Im Niedersächsischen Landtag ist eine Ausstellung mit Porträts von Kriegsveteranen zu sehen. Zur Eröffnung kam auch Henry David Montgomery. Welche Erinnerungen hat er an den berühmten Großvater?
Er markierte die entscheidende Wende im Kampf gegen Nazi-Deutschland: der sogenannte D-Day am 6. Juni 1944 in der Normandie (Frankreich). Vor allem britische, französische und amerikanische Soldaten riskierten ihr Leben für die Befreiung Europas.
Oberbefehlshaber der britischen Bodentruppen bei der alliierten Landung in der Normandie war Bernard Law Montgomery (1887-1974). Als Sieger über Erwin Rommels Panzerarmee in Afrika avancierte „Monty“, so sein Spitzname, zum populärsten britischen Heerführer. Nun war sein Enkel Henry David Montgomery, Third Viscount Montgomery of Alamein, erstmals in Deutschland – zur Eröffnung einer Ausstellung im Niedersächsischen Landtag.
Welche Botschaft brachte der 71-Jährige mit?
„Wir müssen uns die Freiheit täglich neu verdienen“, zitierte Montgomery sinngemäß den legendären US-Präsidenten und General Dwight D. Eisenhower (1890-1969). Die heutige Generation habe die Pflicht, alles zu tun, damit die Schrecken des Krieges nicht vergessen und die Errungenschaften der freiheitlichen Demokratie bewahrt werden.
„Vor elf Jahren begann ich, mich mit den Veteranen zu beschäftigen, ihre Geschichten zu hören und mich in gewisser Weise an der Erinnerungskultur zu beteiligen“, erzählt Montgomery im Gespräch mit dieser Redaktion. Viele der Überlebenden konnten erst später über die schrecklichen Erlebnisse sprechen. Zum 70. Jahrestag des D-Day fuhr Montgomery erstmals zum Treffen in die Normandie. Seitdem ist er regelmäßig dabei.
Welche Erinnerungen hat er an den berühmten Großvater? „Nach dem Kriegsende war er körperlich und geistig erschöpft“, weiß Montgomery. Der Kriegsheld habe oft über die Verluste der Alliierten im Kampf gegen die Nazi-Herrschaft gesprochen und darunter sehr gelitten. Dennoch habe sein Opa Verantwortung übernommen für den Wiederaufbau Deutschland. „Er war sehr viel älter als ich und litt schon unter Gedächtnisverlust“, erinnert sich Montgomery.
Vor der Ausstellungseröffnung im Landtag nahm der Brite in Lüneburg an einem Workshop anlässlich des Kriegsendes vor 80 Jahren mit Hunderten von Studenten aus etlichen europäischen Ländern teil. „Es gibt mir ein großes Gefühl der Hoffnung, dass junge Menschen die Flamme der Freiheit weitertragen“, sagt er.
Als „gefährlich und besorgniserregend“ bezeichnet der gelernte Landwirt im Gespräch das Erstarken rechtspopulistischer Parteien. Das sei kein deutsches Phänomen, sondern passiere in ganz Europa. Montgomery spricht von einem „Weckruf“. Die Gesellschaften im Westen seien „faul und selbstgefällig“ geworden und würden Demokratie und Freiheit als selbstverständlich ansehen. Das sei keineswegs so.
Mehr als 100 Porträts von ehemaligen Soldaten hat der hannoversche Fotograf Janko Woltersmann (57) bei seinen Besuchen der Veteranentreffen anlässlich des D-Days gemacht. Ausgesuchte Schwarz-Weiß-Bilder finden sich in der Ausstellung „80 Jahre – Tage der Befreiung“. Besonders eindrücklich sei das Porträt von Mervyn Kersh, der auch bei der Befreiung eines Konzentrationslagers dabei war.
Er sei inzwischen 100 Jahre alt – genau wie der Holocaust-Überlebende Alfred Weinberg, der 1945 aus dem KZ Bergen-Belsen befreit wurde und heute in Leer (Ostfriesland) lebt. Die Ausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt des Cameo Kollektiv sowie der Hannoversch-Britischen Gesellschaft und ist in Kooperation mit dem Historischen Museum Hannover entstanden. Zur Eröffnung war auch der stellvertretende britische Botschafter in Berlin, Kieran Drake, gekommen.
„Unser heutiges Leben in Demokratie und Freiheit verdanken wir den mutigen Soldaten der Alliierten“, betonte Landtagspräsidentin Hanna Naber. „Auch ihnen sind wir es schuldig, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gegen all die zu verteidigen, die diese Prinzipien angreifen – sei es von innen oder von außen.“ Henry David Montgomery bedauerte, dass er nicht länger bleiben konnte. Er reiste zu seiner Mutter. Die lebt heute in Oslo und ist 98 Jahre alt.