Hannover  Drastische Kampagne der Diakonie: Warum TV-Star Eckart von Hirschhausen plötzlich so gealtert ist

Stefan Idel
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Von Stefan Idel
| 08.05.2025 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Eckart von Hirschhausen - so wie man ihn kennt. Für eine Kampagne sieht er jetzt alt aus. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd
Eckart von Hirschhausen - so wie man ihn kennt. Für eine Kampagne sieht er jetzt alt aus. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd
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Immer mehr Menschen werden pflegebedürftig. Zugleich steigen die Kosten rasant. Die Diakonie in Niedersachsen startet jetzt eine besondere Kampagne und hat klare Forderungen an die Politik.

Er ist einer der bekanntesten Moderatoren im deutschen Fernsehen: Eckart von Hirschhausen, Arzt und Gründer der Stiftung „Gesunde Erde, gesunde Menschen“. Doch auf den Plakaten der Diakonie ist er um Jahre gealtert, kommt nur mit einer Gehhilfe vorwärts. „Auch du brauchst Pflege; irgendwann“, lautet der Slogan.

Die Aktion wird von der Diakonie in Niedersachsen noch einmal erweitert um die Kampagne mit dem Titel „Pflege braucht kein Mensch!“. Es gibt Informationen via Social Media und Flyer in den Pflegeeinrichtungen. Die Diakonie mahnt eine zügige Reform der Pflegeversicherung an. Hohe Kosten und Personalmangel würden die pflegerische Versorgung gefährden. „Die Hütte brennt“, sagt Diakonie-Chef Hans-Joachim Lenke.

Im Gesundheitsbereich gebe es derzeit kein drängenderes Problem als die Finanzierung der Pflege. Konzepte für eine Reform lägen seit Jahren vor. Um die Pflegeversicherung auf finanziell sichere Beine zu stellen, sollten nach Ansicht der Diakonie für die Beitragsberechnung alle Einkommensarten einbezogen werden – also neben den klassischen Arbeitseinkommen auch Einkommensarten wie Kapitalerträge und Mieteinnahmen.

Die neue Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) müsse die Pflegereform auf Platz 1 ihrer To-Do-Liste setzen, so Lenke. Für Pflegebedürftige sowie für die Lebenspartner sei die Pflege längst zur Armutsfalle geworden, ergänzt Diakonie-Bereichsleiterin Andrea Hirsing. Immer mehr könnten das Geld für die notwendigen Leistungen nicht mehr aufbringen. Wer im Pflegeheim lebe, müsse in Niedersachsen im Durchschnitt schon jetzt rund 2.870 Euro aus eigener Tasche zahlen.

Aus der eigenen Rente sei das kaum möglich. Denn diese liege bei Männern durchschnittlich bei 1.800 Euro pro Monat; Frauen erhielten 2023 im Schnitt rund 1.340 Euro. Die riesige Lücke sei offensichtlich. Rund 26.700 Betroffene in Niedersachsen müssten „Hilfe zur Pflege“ – also Sozialhilfe – beantragen. Dann bliebe ihnen monatlich noch 152 Euro. Ein Friseurbesuch würde dann schon zum Luxus, erklärt Hirsing.

Sven Schumacher, Vorsitzender des Niedersächsischen Evangelischen Verbandes für Altenhilfe und Pflege (NEVAP), macht auf weitere Probleme aufmerksam. So müssten viele Heime inzwischen Pflegebedürftige abweisen, weil sie komplett belegt seien oder das Personal fehle.

Zwei Drittel aller Träger hätten ihre Angebote bereits reduziert. Etliche ambulante Pflegedienste würden am Wochenende keine Touren mehr fahren. Schumacher: „Das System ist in einer bedenklichen Schräglage.“ Kerstin Hoffmann (58), Leiterin einer Tagespflegeeinrichtung in Hildesheim, weist darauf hin, dass viele pflegende Angehörige am Ende ihrer Kräfte seien.

Mehr als 620.000 Menschen in Niedersachsen gelten als pflegebedürftig. Dem stehen etwa 106.000 Plätze in den rund 2.000 niedersächsischen Pflegeheimen gegenüber. Knapp 100.000 Beschäftigte arbeiten in den Pflegeheimen; etwa 46.000 in den ambulanten Pflegediensten zwischen Ems und Elbe. Nach Schätzungen der Diakonie werden bis 2030 weitere 13.000 Kräfte benötigt werden, um die pflegerische Betreuung zu gewährleisten.

Mit ihrer Kampagne kämpft die Diakonie gegen die Verdrängung des Themas in der öffentlichen Debatte an. Lenke appelliert an die Politik, die Verbreiterung der Beitragsmöglichkeiten „ideologiefrei“ zu prüfen. Zugleich lädt der Diakoniechef niedersächsische Politikerinnen und Politiker zu Hospitationen in Pflegeeinrichtungen oder -diensten ein. Angehörige von Pflegebedürftigen dürften die Postkarten mit dem Slogan „Pflege braucht kein Mensch“ gern nutzen, um der Politik „auf die Nerven“ zu gehen.

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