Osnabrück Verheizt an der Ostfront: Als junger Soldat in einen aussichtslosen Kampf geworfen
Ende 1942 brach bei Stalingrad die Ostfront zusammen. Mittendrin: Ein 21-jähriger Gefreiter aus der Nähe von Osnabrück, dessen Name in die lange Liste der Vermissten einging. Wer der junge Theodor war – und wie er in einer aussichtslosen Schlacht starb.
Es ist ein kurzer, formeller Text, den das Amtsgericht Bad Iburg bei Osnabrück am 14. Februar 2024 herausgab; es geht um eine sogenannte Aufgebotssache: Der „Verschollene“ Friedrich Theodor Stavermann, „zzt. unbekannten Aufenthalts“, wird aufgefordert, sich bis zum 1. Juli zu melden, ansonsten könne er für tot erklärt werden, heißt es schnörkellos. Was dann im Juli auch per Beschluss geschieht, als Todeszeitpunkt wird der 31. Dezember 1945 festgestellt.
Denn Theodor Stavermann meldete sich nicht. Er gilt seit Ende 1942 als an der Ostfront vermisst. Und die Antragstellerin, seine Schwägerin Margret Stavermann, kannte ihn überhaupt nicht: Als der Zweite Weltkrieg endete, war sie noch keine acht Jahre alt, und sie heiratete Theodors Bruder Friedrich – tatsächlich hießen beide Brüder Friedrich, weshalb Theodor bei seinem zweiten Vornamen gerufen wurde – erst 1978.
Wer war der Mann, der nun, nach mehr als 80 Jahren, ganz offiziell tot ist? Unsere Recherchen führen uns in Wohnzimmer, in Archive, zum Roten Kreuz und in ein einstiges Kriegsgebiet, das heute wieder eines ist. Und Schritt für Schritt ergeben die Puzzleteile ein Bild.
Theodor Stavermann wird am 21. September 1921 in Oesede geboren, heute ein Teil von Georgsmarienhütte, nahe Osnabrück. Theodor ist katholisch, ein durchschnittlicher Berufsschüler, mit 18 schließt er seine Ausbildung zum Maschinenschlosser ab. Er ist ledig; ob er eine Freundin hatte, weiß niemand. Bei Klöckner in Osnabrück arbeitet er bis Januar 1942 – in jenem Monat kommt er noch auf 75,5 Stunden und verdient 90 Reichsmark und 83 Pfennige, brutto. Dann geht es für den 20-Jährigen in den Krieg, offenbar direkt von seinem Arbeitsplatz aus. Am 13. Januar wird er eingezogen.
Das geht aus den wenigen übrig gebliebenen Dokumenten aus Theodors kurzem Vorkriegsleben hervor, die Margret Stavermann auf ihrem Wohnzimmertisch in Bramsche ausbreitet. „Das ist alles, was ich finden konnte“, sagt die 87-Jährige. Die Papiere stammen aus dem Nachlass ihres 2017 verstorbenen Mannes. Es ist eine ausgesprochen nüchterne Zusammenstellung: Lehrvertrag, Lohnabrechnungen, Bescheinigungen der Versicherungsanstalt Hannover. Dokumente, die man halt aufhebt, weil man sie vielleicht irgendwann irgendwo vorlegen muss. Außerdem ein Leistungsabzeichen des Jungvolks, das nie aufgenäht wurde.
Ein Foto ist nicht dabei. Aber wir finden eine Feldpostnummer, über die wir herausbekommen, welcher Einheit Theodor angehörte – und was mit ihr geschehen ist.
Im Januar 1942 wird der Gefreite Stavermann der 306. Infanteriedivision zugeteilt, 580. Regiment. Die Einheit ist im besetzten Belgien im Küstenschutz eingesetzt – ein vergleichsweise ruhiger, ungefährlicher Posten. Bis zum 21. Oktober 1942: Da erfolgt der Befehl, die 306. eiligst zu einer Angriffsdivision umzubauen und an die Ostfront zu schicken. Dort ist die Schlacht um Stalingrad in vollem Gange, die Wehrmacht erleidet hohe Verluste, im Hinterland des Kampfgebiets gibt es kaum noch Reservetruppen. Und es verdichten sich Hinweise auf eine bevorstehende Großoffensive der Roten Armee.
Anders gesagt: An der Ostfront brennt es lichterloh, und Einheiten wie die 306. Division sollen die Feuerwehr sein. Als Stavermanns Regiment am 26. November 1942 im belgischen Gent in Züge verladen wird, ist die deutsche 6. Armee in Stalingrad bereits eingeschlossen. Auch Margret Stavermanns Vater ist dort, als Soldat in der eingekesselten Stadt. Auch er wird später nicht zurückkehren.
Aus dem Infanteristen ist zu diesem Zeitpunkt mittlerweile der Grenadier Stavermann geworden, sein Regiment ist nun ein Grenadierregiment. Was wohl nichts mit besserer Bewaffnung, besonderer Ausbildung oder ähnlichem zu tun hat: Diese Umbenennungen werden zu jener Zeit im gesamten Heer vorgenommen. Vielleicht, um den Gegner zu täuschen; wahrscheinlicher aber zur Hebung der Moral. „Grenadier“ klingt kampfkräftiger.
Hat er in dieser Zeit mal nach Hause geschrieben? Vermutlich. Ob sich im Nachlass seiner Eltern auch Feldpostbriefe befanden, lässt sich heute kaum mehr ermitteln. Um das Erbe habe es Streit zwischen den Geschwistern gegeben, berichtet Margret Stavermann; ihr Mann habe sich darüber mit seinen Schwestern überworfen. Friedrich Stavermann selbst hat keine Briefe seines Bruders hinterlassen. Nicht auszuschließen, dass Theodors Schreiben, wie so viele Feldpostbriefe, womöglich im Lauf der Zeit schlicht verloren gegangen sind.
Vielleicht hätten seine Briefe jene Stimmung wiedergegeben, über die der Pionier Friedrich Jakob Schruff, ebenfalls Angehöriger der 306. Infanteriedivision, in seinen 1995 als Buch erschienenen Erinnerungen schrieb. Im Spätherbst 1942 nimmt die Verlegung der Division von Belgien an die Ostfront Wochen in Anspruch, Wochen, die den Männern aufs Gemüt drücken. „Auf dem Transport herrschte trübe Stimmung in den Waggons. Man gedachte immer wieder der schönen Tage der Besatzung in Belgien und Frankreich“, hält Schruff, der 1987 starb, später fest. Und: „In Brest-Litowsk wurde unsere Stimmung nicht besser, hing doch fast an jedem Mast ein Erhängter.“ Schruff berichtet auch von Partisanenangriffen, denen die Truppen eines vorausfahrenden Zuges zum Opfer gefallen sein sollen.
Kurz vor Weihnachten 1942, am späten Abend des 20. Dezember, etwa gegen Mitternacht, trifft der im Kampf völlig unerfahrene Stavermann mit seiner Einheit am Bahnhof Morosowskaja ein, rund 200 Kilometer westlich von Stalingrad. Zu Fuß, später mit Bussen, geht es in der Kälte, in tiefem Schnee und unter ständigen Luftangriffen sowjetischer Kampfflugzeuge sofort weiter Richtung Frontlinie. Nach Norden, wo der Feind mittlerweile steht. Von einem Durchbruch zum eingekesselten Stalingrad ist da längst keine Rede mehr. Als Stavermann aus dem Zug steigt, hat er nur noch Stunden zu leben.
Hat ihr Mann eigentlich nie von seinem vermissten Bruder gesprochen? Nein, sagt Margret Stavermann, die im Mai 88 Jahre alt wird. Ihr Mann Friedrich sei sehr verschlossen gewesen. „Er hat überhaupt nie viel erzählt“, sagt sie, „und über seine Familie im Grunde gar nichts“. Von Theodor erfuhr sie erst, als sie nach dem Tod ihres Mannes Post von einer Investmentfirma bekam, bei der das Ehepaar mal ein wenig Geld angelegt hatte. Das Unternehmen habe Dokumente über die Familienverhältnisse angefordert.
Die eingesandte Sterbeurkunde habe sie „überhaupt nicht interessiert“, sagt Stavermann: Die Firma wollte Informationen über weitere Angehörige, wegen etwaiger Erbschaftsansprüche. Denn ihr Mann hatte kein Testament hinterlassen. Und so beschäftigte Theodor nach mehr als 80 Jahren das Amtsgericht in Bad Iburg.
Theodor kommt am 22. Dezember 1942 mitten in der Hölle des Kriegs an. Die Front befindet sich in voller Auflösung, nachdem wenige Tage zuvor starke Verbände der Roten Armee über den zugefrorenen Don vorgestoßen sind – die Großoffensive hat begonnen. Die in diesen Tagen stückweise eintreffenden Teile der 306. Division sollen die gerissenen Lücken stopfen, die unerfahrenen Soldaten die gewaltige Übermacht aufhalten. Einzelne Abteilungen wurden in den Kämpfen sofort aufgerieben, schreibt der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) später.
Die Überlebenden der ersten Angriffe stoßen bei Nischni Astachow, einem winzigen Dorf etwa 100 Kilometer nördlich des Bahnhofs Morosowskaja, auf den Rest der 306. Division – darunter vermutlich auch Stavermanns Regiment, das noch dabei ist, Abwehrstellungen zu errichten, als am 22. Dezember die sowjetischen Panzer kommen und die Truppen überrollen. Pionier Schruff berichtet von Verwundeten, die in einem Dorf zurückgelassen werden mussten und in den in Brand geschossenen Häusern umkamen. „Nur wenige Soldaten“, schreibt das DRK, „konnten am Abend im Schutz der Dunkelheit entkommen“. Und noch weniger schaffen es zurück nach Morosowskaja.
Mehr als 1000 Soldaten der Division werden allein nach diesem Dienstag vermisst, das 580. Regiment hat es besonders schwer getroffen. Unter den Vermissten: der Gefreite Theodor Stavermann, der erst wenige Wochen zuvor 21 Jahre alt geworden war. Im Wehrmachtsbericht heißt es am nächsten Tag nur: „Bei erneuten vergeblichen Angriffen zwischen Wolga und Don und in Stalingrad erlitten die Sowjets hohe Verluste.“
Zehn Wochen später, im Februar 1943, bekommt Theodors Vater Heinrich Stavermann ein Schreiben, das heute im Stadtarchiv von Georgsmarienhütte liegt. „Die Kompanie bedauert, Ihnen mitteilen zu müssen, daß ihr Sohn der Gefr. Theodor Stavermann seit den Abwehrkämpfen zwischen Don und Donez am 21. und 22. Dezember vermißt wird“, schreibt der Kompaniechef, ein Hauptmann Riedel. Es könne aber auch sein, dass Theodor versprengt sei, in einem Lazarett liege oder in Gefangenschaft geraten sei, heißt es weiter.
Es ist der Versuch, zumindest etwas tröstlich zu klingen, bevor es bürokratisch wird: Für den Fall, dass die Familie etwas von ihrem Sohn höre, werde sie gebeten, „der Einheit umgehend davon Kenntnis zu geben, damit die Personalpapiere mit dem richtigen Vermerk ausgefüllt an die zuständige Stelle geschickt werden können“. Der Krieg will korrekt verwaltet werden. Und für den Fall, dass sie nichts hören? Habe Theodor „in treuer Pflichterfüllung sein Leben für Führer, Volk und Vaterland gegeben. Heil Hitler“ – mit dieser Standardfloskel schließt der Hauptmann sein Schreiben.
Kriegsgefangenschaft, das klingt zumindest nach einem Hoffnungsschimmer, dass Theodor noch am Leben sein könnte. Und so greift wenige Wochen darauf ein Schwager Theodors, Bernhard Thörner, zur Schreibmaschine. Er bittet den Türkischen Halbmond, eine Schwesterorganisation des Roten Kreuzes, um Nachforschungen zu dessen Schicksal. „Ich nehme an, dass er sich in russischer Kriegsgefangenschaft befindet“, schreibt Thörner.
Das Schreiben findet sich in den Unterlagen, die Theodors Bruder Friedrich hinterlassen hat. Einen Eingangsstempel oder ähnliches hat es nicht – womöglich ist der Brief nie abgeschickt worden. Es lässt sich auch nicht mehr klären, warum er sich an die türkische Organisation wandte.
Acht Jahrzehnte später beauftragt Margret Stavermann einen Anwalt damit, die Informationen zusammenzutragen, die sie für die Investmentfirma braucht. Er wendet sich an die Wehrmachtauskunftsstelle des Bundesarchivs, das mitteilt: Theodor werde „seit dem 22.12.1942 in Nishni Astachoff, Großer Donbogen, vermisst“. Eine amtliche Todesmeldung habe nicht ermittelt werden können. Das Archiv verweist auf ein Gutachten des DRK aus dem Jahr 1971. Dort hatte man sich mit dem Schicksal des Gefreiten bereits befasst.
Der Suchdienst des Roten Kreuzes begann schon bald nach Kriegsende damit, die mehr als 20 Millionen vermissten Deutschen zu registrieren und Informationen zusammenzutragen. Die Mitarbeiter durchforsten Archive, befragen ehemalige Kameraden, bitten Angehörige um Fotos. Und tatsächlich haben sie auch eines von Theodor Stavermann in ihren Akten. Ein ernst blickender junger Mann, bereits in Uniform – es muss aus dem Jahr 1942 stammen.
Vater Heinrich hatte 1947 und 1950 einen Suchauftrag beim DRK erstellt, an dessen Ende das erwähnte Gutachten aus dem Jahr 1971 steht, als der Fall vorläufig zu den Akten gelegt wurde. Eine lange Bearbeitungszeit, aber es war auch alles andere als leicht, Soldatenschicksale zu klären – insbesondere derer, die auf sowjetischem Gebiet vermisst wurden. „Das Ergebnis aller Nachforschungen“, heißt es darin, „führte zu dem Schluß, daß Theodor Stavermann mit hoher Wahrscheinlichkeit am 22. Dezember 1942 bei den Kämpfen in und um Nishnij Astachow gefallen ist.“
Es gebe „keinen Hinweis dafür, daß der Verschollene in Gefangenschaft geraten ist“, heißt es weiter. Und: Viele Soldaten, die die unmittelbaren Kämpfe überlebten, hätten „während des Rückzugs durch das tiefverschneite, deckungslose Gelände den Tod gefunden, ohne daß es von Kameraden gesehen wurde“.
Dieses „deckungslose Gelände“ kennt Karl-Heinz van Gerven aus dem nordrhein-westfälischen Straelen gut. Der Mitgründer des Vereins Russland Kriegsgräber ist mehrfach zu den Schlachtfeldern im Süden Russlands gereist, auf der Suche nach Kriegsopfern. Van Gervens Vater gehörte wie Theodor Stavermann dem 580. Regiment an, auch er gilt seit den Kämpfen des 22. Dezember 1942 als vermisst.
„In dieser Gegend“, sagt der heute 89-Jährige, „gibt es kilometerweit nichts, kein Haus, nicht mal einen Telegrafenmasten“. Viele der dort gestorbenen Soldaten seien schnell verscharrt oder erstmal liegengelassen worden, und Gräber wurden kaum je markiert. Wer in dieser dünnbesiedelten Region die Überreste von Soldaten sucht, muss auf Hinweise von Anwohnern hoffen.
Und darauf, dass die Leichen nicht geplündert wurden. Fundstücke von Schlachtfeldern sind bei westlichen Sammlern begehrt, berichtet Kerstin Ullrich. Auch die Münsteranerin reiste in die früheren Kampfgebiete der Ostfront, auf der Suche nach ihrem vermissten Großvater, der ebenfalls in der 306. diente. In Kiew habe sie noch in den 2000ern Straßenhändler gesehen, die alle möglichen Hinterlassenschaften von Soldaten verkauften – „Stahlhelme, Patronen – und auch Erkennungsmarken“.
Man bekommt sie auch heute noch bei Militariahändlern, sogar bei Ebay. Wenn aber die Marke am Toten nicht mehr zu finden ist, ist es so gut wie unmöglich, ihn zu identifizieren.
Van Gerven fand viele Tote, auch bei Nishni Astachow, aber nur bei wenigen war auch die Marke noch vorhanden. Von der russischen Botschaft wurde er für sein Engagement ausgezeichnet: Er konnte die Schicksale von 1388 Rotarmisten klären. Wie viele deutsche Soldaten er insgesamt gefunden hat, kann er nicht mehr genau sagen – es wird eine ähnliche Größenordnung gewesen sein, sagt van Gerven. Der Name Stavermann sage ihm allerdings nichts. Falls Theodor in der Steppe gestorben ist, fernab von Ortschaften, sei die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass er je gefunden werde.
Kerstin Ullrich konnte das Schicksal ihres in Gefangenschaft geratenen Großvaters letztlich klären, mit viel Glück und noch mehr Fleißarbeit. Ein Aktenvermerk in einem der in den 90ern geöffneten Moskauer Archiven brachte den entscheidenden Hinweis, dass ihr Großvater kurz vor Kriegsende in einem Gefangenenhospital im Donbass starb. Alles in allem habe die Suche 20 Jahre gedauert, sagt die promovierte Historikerin.
Von Theodor Stavermann gibt es keine solche Akte, zumindest fanden sich keine in den Beständen, die das DRK aus russischen Archiven bekam. Von ihm blieb nur sein Name im Gedenkbuch des deutschen Soldatenfriedhofs in Charkiw, den der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge 1998 in der ukrainischen Stadt eingerichtet hat. Rund 48.000 Soldaten, die in den Kämpfen in der Ukraine und im Süden Russlands gestorben sind, wurden im Lauf der Jahre hierhin umgebettet.
Auch an Vermisste wie Theodor Stavermann wird dort erinnert, und sollten seine Überreste je gefunden werden, würde er hier seine letzte Ruhestätte finden. Der Volksbund legt Wert darauf, dass Soldaten bei ihren Kameraden beigesetzt werden.
Groß ist die Hoffnung allerdings nicht, schon gar nicht vor dem Hintergrund der politischen Lage. Das genaue Schicksal des Gefreiten Theodor Stavermann, der nur 21 Jahre alt wurde, wird aller Voraussicht nach nie vollständig aufzuklären sein. Sicher ist nur: Offiziell ist er nun tot. 80 Jahre nach Ende des Krieges, in den er geschickt wurde; einer von zig Millionen, die den Herrschaftswahn der Nazis mit ihrem Leben bezahlten.