Hamburg Mehr Disziplin als Liebe – wie Kinder in der Nachkriegszeit erzogen wurden
Viele ehemalige Verschickungskinder leiden bis heute unter den Erfahrungen aus ihrer Kindheit. Johannes Richter erklärt, welches Bild vom Kind in der Nachkriegszeit vorherrschte, wie in den Heimen erzogen wurde – und warum staatliche Kontrollen versagten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1990er Jahren wurden Millionen Kinder in Erholungsheime und Kinderheilstätten geschickt. Welche Strukturen herrschten dort, wie war der Blick auf das Kind?
Dazu haben die Professoren Johannes Richter und Sarah Meyer von der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie geforscht. Im Interview erzählt Richter, warum es zu so vielen Missständen kommen konnte und warum sie so lange unbemerkt blieben.
Frage: Herr Richter, welches Bild von Kindern bestimmte die Nachkriegszeit?
Antwort: Es herrschte ein stark autoritäres Verständnis vom Erziehung. Kinder galten nicht als eigenständige Persönlichkeiten mit Rechten oder emotionalen Bedürfnissen, sondern als Objekte von Erziehung. Kindlicher Eigensinn, individuelle Ausdrucksformen, auch so etwas wie Scham oder Rückzug, wurden in der Regel nicht ernst genommen oder überhaupt nicht wahrgenommen.
Frage: Wie wirkte sich dieses Kinderbild auf den Umgang mit den Kindern in Verschickungsheimen aus?
Antwort: Es ging nicht darum, ihre Bedürfnisse zu sehen, sondern darum, sie zu disziplinieren. Die großen Heime waren Massenbetriebe mit organisatorischem Druck. Kinder mussten funktionieren. Das Personal war häufig nicht ausreichend pädagogisch geschult. Viele Erzieherinnen hatten selbst autoritäre Erziehung erlebt und gaben das weiter. Empathie war nicht Teil des Systems – sie passte auch gar nicht zu den institutionellen Abläufen.
Frage: War das, was in den Heimen passierte, Ausdruck des allgemeinen Erziehungsstils der Zeit?
Antwort: Teile davon spiegelten sicher den damaligen Zeitgeist wider. Auch in vielen Familien wurde autoritär erzogen – das war gesellschaftlich weit verbreitet. Aber im Heim kam eine zusätzliche Dimension dazu: die Institution selbst. Kinder waren dort völlig auf sich gestellt, es gab keine vertraute Bezugsperson. Das machte die Erfahrung viel radikaler. Und es war eine geschlossene Struktur – Eltern konnten kaum sehen, was dort wirklich passierte.
Frage: War es damals gesellschaftlich akzeptiert, Kinder für Wochen zur Verschickung zu geben – teils noch vor der Einschulung?
Antwort: Ja, das war weitgehend Konsens. Viele Eltern empfanden die Verschickung sogar als etwas Gutes – vor allem Familien, die sich keinen Urlaub leisten konnten. Es hieß ja, das Kind wird gestärkt, kommt ans Meer oder in die Berge. Dass die Trennung für die Kinder eine enorme emotionale Belastung sein konnte, wurde selten bedacht. Hinzu kam ein starkes Vertrauen in medizinische Autoritäten. Wenn der Arzt sagte, das Kind brauche eine Kur, wurde das selten infrage gestellt.
Frage: Gab es denn Eltern, die mit den Erziehungsmethoden dort nicht einverstanden waren?
Antwort: Ja, die gab es, und zwar schon früh. In den Unterlagen finden sich Beschwerden ab 1945. Da schreiben Eltern, dass ihre Kinder geschlagen wurden oder dass die Briefe, die sie bekamen, offensichtlich zensiert waren. Aber solche Beschwerden wurden oft nicht ernst genommen. Die Eltern galten schnell als überempfindlich oder als Querulanten. Trotzdem zeigen diese Fälle: Es war nicht so, dass alle damit einverstanden waren, wie in den Heimen mit Kindern umgegangen wurde. Viele haben durchaus gespürt, dass da etwas nicht stimmt – nur durchdringen konnten sie damit kaum.
Frage: Und wie war die Kontrolle von staatlicher Seite?
Antwort: Die war insgesamt schwach. Die jugendamtliche Aufsicht wurde erst ab den 1950er-Jahren aufgebaut – gegen erheblichen Widerstand, vor allem von konfessionellen Trägern. Kontrollen waren selten und meist angekündigt, sodass sich die Einrichtungen darauf vorbereiten konnten. Bei den Kontrollen ging es auch nicht um das Kindeswohl. Bauliche Fragen wie Brandschutz standen dabei im Mittelpunkt.
Frage: Wie sicher sind wir heute davor, dass sich solche Dynamiken nicht wiederholen?
Antwort: Wir bilden uns ja unheimlich viel darauf ein, dass wir heute Schutzkonzepte haben – und das stimmt auch, in vielen Einrichtungen werden die umgesetzt. Aber angesichts der aktuellen Personalsituation, gerade in den Kitas, bin ich mir nicht sicher, ob das nicht manchmal einfach nur eine formale Hülle ist. Wenn das Personal völlig überlastet ist, wenn eine Fachkraft für zu viele Kinder verantwortlich ist, dann geht der Blick für das einzelne Kind schnell verloren. Dann wird wieder nur organisiert – nicht hingeschaut.