München Besuch beim DRK-Suchdienst: Wie das Rote Kreuz bis heute Kriegsschicksale aufklärt
Rund 1,2 Millionen Deutsche gelten 80 Jahre nach Kriegsende noch als vermisst. Der Suchdienst des Roten Kreuzes bekommt dazu immer noch tausende Anfragen im Jahr – ein Besuch im Archiv in München.
Regale dicht an dicht, einige voller Pappschachteln, andere dicht gepackt mit Ordnern, in wieder anderen stapeln sich Holzschuber mit tausenden vergilbten Karteikarten: Im Archiv des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) sieht es ziemlich genau so aus, wie man es sich vorstellt. Es beherbergt einen Teil der deutschen Geschichte, zu dem wohl jede Familie im Land irgendeinen Bezug hat. Hier lagern, abgeheftet, geordnet und katalogisiert, die oft kurzen Leben von Millionen Menschen, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg als vermisst galten. Und teils bis heute gelten.
Weshalb der Suchdienst auch 80 Jahre nach dem Ende des Kriegs in Europa gut zu tun hat. Mehr als 7100 Anfragen nach Weltkriegsvermissten gab es allein im vergangenen Jahr, berichtet Maximilian Fixl, Fachbereichsleiter „Nachforschungen und Schicksalsklärungen Zweiter Weltkrieg“ am Standort München. Es sei vor allem die Kindergeneration, die sich heute an den Dienst wendet, sagt Fixl. Weil sie die Ungewissheit beenden wollten, weil ihre Eltern nie über den Krieg gesprochen hätten, weil es vielleicht auch nach wie vor offene rechtliche Fragen gebe.
Zum Beispiel vor vier Jahren, als es um eine neue Entschädigungsregelung für verschleppte deutschstämmige Rumänen ging und die Zahl der Anfragen sprunghaft anstieg. Schon öfter sei vorhergesagt worden, dass es „irgendwann keine mehr geben wird – aber das Interesse ist nach wie vor da und groß“, sagt Fixl. In 43 Prozent der Fälle habe man helfen können.
50 Millionen Karteikarten zu Vermisstenfällen finden sich im Archiv, dazu offizielle Dokumente, Gutachten, Lagerakten, Fotos, Briefe; insgesamt 4,2 Aktenkilometer an menschlichen Schicksalen. Zusammengetragen im Wesentlichen in den ersten Nachkriegsjahren. Die erste Bundesregierung hatte die Bevölkerung zur Mithilfe aufgerufen, Heimkehrer wurden befragt, Angehörige reichten Fotos ein und tun das sogar heute noch. Allein die gedruckten Vermissten-Bildverzeichnisse füllen ein ganzes Regal, es sind 200 Bände.
Es war eine gigantische Aufgabe unter anfangs erschwerten Bedingungen, sagt Archivar Alfred Satter. Papier war nach dem Krieg Mangelware, der Druck der Bildverzeichnisse ein Kraftakt, das DRK auf Sachspenden angewiesen. Irgendwann habe der US-Konzern IBM die Arbeit enorm erleichtert, indem er dem Suchdienst sogenannte Holorit-Maschinen zur Verfügung stellte – frühe Computer, die mit Lochkarten arbeiteten. Vielleicht diente es der Gewissensberuhigung des IBM-Vorstands, denn mit derselben Technik hatten die Nazis zuvor auch Konzentrationslager verwaltet.
Es bleibt dennoch Puzzlearbeit, ein Schicksal aufzuklären, und die fängt schon beim Namen an: Handelt es sich beim vermissten „Mayer“ um dieselbe Person, die in einer Rückkehrerbefragung als „Meyer“ und in einer sowjetischen Kriegsgefangenenakte als „Meier“ geführt wurde? „Ohne Geburtsdatum“, sagt Satter, „geht kaum was bei der Suche“.
Und auch mit Geburtsdatum kann die Recherche Monate in Anspruch nehmen; auch heute, trotz fortschreitender Digitalisierung der Bestände. Könnte es Hinweise auf Kriegsgefangenschaft in Akten aus russischen Archiven geben, die der Dienst in den 90er-Jahren bekam? Darum kümmern sich russischsprachige Mitarbeiter, die sich durch die oft handschriftlichen Unterlagen wühlen. Könnte man noch in kommunalen Archiven fündig werden? Da gilt es dann anzufragen – und zu hoffen, dass potenziell hilfreiche Akten nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist nicht vernichtet worden sind.
Oder vielleicht liegt auch bereits ein DRK-Gutachten zu dem Fall vor – aber ist das überhaupt noch auf Stand? Diese Gutachten wurden ab Ende der 60er-Jahre für jene Fälle verfasst, bei denen die Suchoptionen als erschöpft galten. Eine Art vorläufiger Schließung der Akte, denn neue Erkenntnisse waren damals kaum mehr zu erwarten, erklärt Fixl. Manch ein Angehöriger musste sich dann beispielsweise mit der Einschätzung zufriedengeben, dass die vermisste Person „mit hoher Wahrscheinlichkeit gefallen“ sei.
Womöglich gebe es hier und da immer noch ungesichtete Bestände aus Kriegszeiten, etwa in anderen früheren Sowjetrepubliken oder in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens, sagt Fixl. An die heranzukommen, hänge aber wesentlich von der politischen Lage ab. Und den eigenen Kapazitäten. Gleichwohl kann eine neue Suchanfrage auch im vorhandenen Bestand zu neuen Erkenntnissen führen – weil man etwa auf eine Querverbindung zu einem anderen Fall stößt.
1,2 Millionen Vermisstenfälle sind bis heute ungeklärt. Dem Fachbereich in Sachen Weltkriegsvermisste wird die Arbeit also so schnell nicht ausgehen. Nur womöglich die Mittel. Denn bislang ist die Finanzierung dieser Aufgabe nur noch bis 2028 gesichert – und eine neue Bleibe braucht die Abteilung auch noch, der Mietvertrag für die Etage in einem Verwaltungsgebäude im Süden Münchens läuft aus.
Schön wäre es, so Fixl, wenn die Weiterarbeit zumindest bis 2030 gewährleistet werden könnte. „Gerade jetzt, wo die Erlebnisgeneration bald nicht mehr da sein wird“, sei der Suchdienst eine Anlaufstelle, die „den familiären Zugang“ noch wahre. Enkel oder Urenkel fänden so einen weniger abstrakten Zugang zu diesem Teil der Geschichte. „Zumal heute teils an derselben Stelle gekämpft wird, an der Opa damals verschwunden ist“, sagt Fixl.
Auch vor diesem Hintergrund erreichen den Suchdienst Anfragen nach Opas Kriegsschicksal. Und vielleicht findet sich in all den Regalen, Schachteln und Ordnern eine Antwort.