Osnabrück  Ergreifend – der neue Magdeburger „Polizeiruf 110: Widerfahrnis“

Frank Jürgens
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Von Frank Jürgens
| 04.05.2025 17:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Unfallopfer Sarah (Mareike Sedl) kämpft im Krankenhaus um ihr trauriges Leben. „Polizeiruf 110: Widerfahrnis“ am Sonntag, 4. Mai um 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD Mediathek. Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard
Unfallopfer Sarah (Mareike Sedl) kämpft im Krankenhaus um ihr trauriges Leben. „Polizeiruf 110: Widerfahrnis“ am Sonntag, 4. Mai um 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD Mediathek. Foto: MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard
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Der neue Magdeburger „Polizeiruf 110: Widerfahrnis“ mit Claudia Michelsen überzeugt als erschütternde Tragödie einer identitätslosen Frau. Das sind die Gründe.

Ein nächtlicher Unfall mit Todesfolge an einer einsamen Landstraße bei Magdeburg ruft Kriminalhauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) auf den Plan. Bei der ersten Begutachtung der Leiche kommt es zu einer Überraschung. Die Leiche lebt! Das Opfer kann zwar schnell ins Krankenhaus eingeliefert werden. Allerdings hängt das Leben der Frau am seidenen Faden.

Eine erste Spur führt Brasch zu der Sexarbeiterin Dorota (Iza Kala), die am Rand der Landstraße in einem sogenannten „Lovemobil“ ihrem Job nachgeht. Seltsamerweise war sie noch kurz vor dem Unfall mit dem Opfer in ein kurzes Gespräch verwickelt, kann aber sonst nichts weiter zu dem Fall beitragen. Immerhin findet Braschs junger Kollege Günther Márquez (Pablo Grant), der auch das Handy der Frau gefunden hat, weitere Hinweise zur Identität der Unbekannten.

Offenbar hat das Unfallopfer in den letzten zwei Monaten bei der alleinerziehenden Mutter Berna (Rona Özkan) zur Untermiete gewohnt. Doch Berna kennt auch nur den Vornamen ihrer Untermieterin, die sich einfach nur als Sarah (Mareike Sedl) vorgestellt hat. Obwohl Kriminalrat Uwe Lemp (Felix Vörtler) alles andere als begeistert davon ist, dass Brasch in einem Fall von Fahrerflucht ermittelt, für den die Mordkommission gar nicht zuständig ist, lässt er sie gewähren. Dabei geht es Brasch offenbar weniger um die Lösung des Falls als vielmehr um das Schicksal der unbekannten Frau, die jetzt im Koma liegt und mit dem Tod ringt.

„Wenn sie jetzt stirbt, dann ist es so, als habe es sie nie gegeben“, fasst Brasch ihre Motivation, sich mit absoluter Hingabe in diesen Fall reinzuknien, zusammen. Während sie alles gibt, um dem geheimnisvollen Schicksal der Unbekannten auf die Spur zu kommen, entrollt sich vor den Augen der Zuschauer die eindringlich gespielte Tragödie einer vom Leben arg mitgenommenen Frau, wie man sie in dieser ergreifenden Intensität nur selten zu sehen bekommt.

Episodenhauptdarstellerin Sedl gelingt im neuen Magdeburger „Polizeiruf 110: Widerfahrnis“ eine Charakterstudie, die an die Nieren geht. Die Suche nach der Identität dieser Sarah, eine wortkarge, verschlossene und von tiefem Schmerz getriebene Frau macht den eigentlichen Reiz dieses Krimis aus, der eigentlich nur am Rande ein Krimi ist. Sedl, die vor allen Dingen als Theaterschauspielerin tätig ist, hat sich dieser Rolle nach eigenen Angaben systematisch und mit einer neuen Technik, dem „Source Tuning“ genähert, das auf „körperliche Intelligenz“ setzt. Das Ergebnis ist tatsächlich preisverdächtig.

Aber auch die Art und Weise, wie Regisseur Umut Dağ dieses Drama nach dem Drehbuch von Zora Holtfreter und Lucas Thiem inszeniert, ist beachtenswert. In geschickt miteinander verschachtelten Rückblenden vermischen sich Gegenwart und Vergangenheit, ohne dass man als Zuschauer befürchten muss, den Faden zu verlieren. Im Gegenteil. Dağ gelingt es, einen emotionalen Sog aufzubauen, dem man sich als Zuschauer nur schwer entziehen kann. So raffiniert, wie hier in Szene gesetzt, erlebt man Rückblenden nur selten.

Leider wird die Produktion dieser sehr sehenswerten „Polizeiruf“-Produktion von einem tragischen Todesfall überschattet. Márquez-Darsteller Pablo Grant starb kurz nach den Dreharbeiten völlig unerwartet an den Folgen einer Thrombose. Der Schauspieler, der sich auch als Musiker Dead Dawg einen Namen gemacht hat, wurde nur 26 Jahre alt.

Auch der ursprünglich geplante Ausstrahlungstermin für Anfang des Jahres wurde von der Realität überschattet. Wegen der zeitlichen Nähe zu dem furchtbaren Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt wurde die Ausstrahlung um ein Vierteljahr verschoben.

„Polizeiruf 110: Widerfahrnis“. Das Erste, Sonntag, 04. Mai, 20.15 Uhr und in der ARD Mediathek.

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