Osnabrück „Wiegala“: Mit diesem Lied begleitete Ilse Weber die Kinder in die Gaskammer
Die jüdische Dichterin und Krankenschwester Ilse Weber schrieb im KZ Theresienstadt das Schlaflied „Wiegala“. 1944 wurde die gesamte Kinderkrankenstube nach Auschwitz deportiert. Ilse Weber begleitete die Kinder freiwillig bis in den Tod.
„Wiegala, wiegala, weier, der Wind spielt auf der Leier. Er spielt so süß im grünen Ried, die Nachtigall, die singt ihr Lied.“ So lautet die erste Strophe von „Wiegala“, das Ilse Weber im Konzentrationslager Theresienstadt komponiert und textet.
Die 1903 in Mähren, im heutigen Tschechien geborene Ilse Herlinger verfasst schon als junges Mädchen jüdische Märchen, Gedichte und Theaterstücke für Kinder. 1930 heiratet sie Willi Weber. Sie bekommen schon bald zwei Söhne, Hanuš und Tomáš. Als Hitler-Deutschland 1938 durch das Münchener Abkommen das Sudetenland erhält, wird dort das Leben der jüdischen Bevölkerung schwierig.
Kurz danach schreibt Ilse Weber an eine Freundin in Schweden: „An allem sind wir Juden schuld! Wo bleibt da die Logik? Aber Hass braucht keine Logik.“ Zu dieser Freundin schickt sie 1939 schweren Herzens ihren erstgeborenen Sohn Hanuš, um ihn in Sicherheit zu bringen. Sie wird ihn nie wiedersehen. 1942 kommen sie, ihr Mann und der jüngere Sohn Tomáš in das Konzentrationslager Theresienstadt.
Angesichts des Leids und Elends richtet sie dort mit ganz viel Liebe eine Kinderkrankenstube ein. Sie pflegt und heilt Körper und Seele der kleinen Patienten. Mit Musik, Gesang und Gedichten, die sie nachts schreibt. Hier entstehen auch die Lieder „Wiegala“ und „Ich wandre durch Theresienstadt, das Herz so schwer wie Blei. Bis jäh mein Weg ein Ende hat.“
Das jähe Ende kommt im Oktober 1944, als die gesamte Kinderkrankenstube nach Auschwitz deportiert wird. Ilse Weber begleitet die Kinder und ihren Sohn Tomáš freiwillig. Direkt nach der Ankunft werden sie in die Gaskammern geschickt. Augenzeuge berichten, dass alle zusammen das Lied „Wiegala“ gesungen haben, auch weil durch das tiefe Atmen beim Singen der Tod schneller eintritt.
Ihr Mann und ihr Sohn Hanuš in Schweden überstehen den Holocaust. Vater und Sohn treffen sich in Prag wieder. Willi Weber stirbt 1974. Hanuš wird Journalist beim Tschechischen Rundfunk. Nach dem Prager Frühling 1968 und dessen Niederschlagung geht er zurück nach Schweden und überlebt seinen Vater um 47 Jahre.
Da das Ehepaar vor der Deportation alle Texte und Notenblätter von Ilse eingemauert hatte, bleibt ihr gesamtes Werk erhalten, auch dieses schöne Gedicht: „Ich sitze an deinem Lager und seh deinem Schlummer zu, du schläfst mit rosigen Wangen, nichts stört deine süße Ruh.“ Mehr Gedichte und Briefe aus Theresienstadt bietet das 2008 erschienene Buch: „Ilse Weber. Wann wohl das Leid ein Ende hat.“