Lubang „Ich werde nicht kampflos aufgeben“: Für Japaner Hiroo Onada war der 2. Weltkrieg erst 1974 zuende
Ein japanischer Soldat verpasste das Ende des Zweiten Weltkriegs – und kämpfte fast 30 Jahre lang weiter. Wie konnte das passieren?
Kriegsende 1945: Nach der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg noch nicht vorbei. Erst nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki unterzeichnete das Japanische Kaiserreich am 2. September 1945 die Kapitulationserklärung. Dass der Zweite Weltkrieg zu Ende war, bekamen allerdings nicht alle Soldaten sofort mit. Einige versprengte Japaner kämpften jahrelang auf eigene Faust weiter.
Noch im Juni des Jahres 1951 wurden 16 japanische Soldaten evakuiert, die auf der kleinen Pazifikinsel Anatahan gestrandet waren. Wie die Zeitung „Pacific Stars and Stripes“ am 27. Juni des Jahres 1951 berichtete, wollten sie zuerst nicht glauben, dass der Krieg wirklich zu Ende ist und widersetzten sich anfangs allen Evakuierungsversuchen.
Die „Oakland Tribune“ schrieb am 21. Mai 1960 über den Soldaten Bunzo Minagawa, der sich bis Mai 1960 auf Guam versteckt gehalten hatte. Wenige Tage nach Minagawa ergab sich laut „Pacific Stars and Stripes“ vom 8. Juni 1960 dann auch dessen Vorgesetzter, der Sergeant Masashi Ito.
Der Japaner Hiroo Onoda gab erst 1974 auf, nachdem sein ehemaliger Vorgesetzter ihm den Befehl dazu gegeben hatte, endlich die Waffen niederzulegen. Auf der kleinen philippinischen Insel Lubang, wo er von seinen Leuten abgeschnitten war, hielt er sich fast 30 Jahre lang im Dschungel versteckt und führte seinen eigenen Guerillakrieg gegen die Inselbevölkerung.
Gefunden und über das Kriegsende informiert hat ihn schließlich ein japanischer Student, der 1974 auf Weltreise war, und ihn gezielt gesucht hatte – neben einem Pandabären und dem Yeti, kein Witz. Hiroo Onoda berichtet in seiner Autobiografie „No Surrender – My Thirty-Year War“ (übersetzt lautet der Buchtitel in etwa: „Niemals aufgeben – Mein dreißigjähriger Krieg“) detailliert, wie es so weit kommen konnte.
„Niemals aufzugeben“ sei seine Order gewesen, schreibt Onoda. Er habe zu sich selbst gesagt: „Ich werde es tun. Selbst wenn ich keine Kokosnüsse mehr habe und Gras essen muss.“ Doch der Guerillakrieg, für den Leutnant Onoda mit seinen Männern noch im Dezember 1944 auf die kleine philippinische Insel geschickt worden war, forderte schnell seinen Tribut. Die japanischen Soldaten wurden nach und nach aufgerieben, bis schließlich nur noch ein vierköpfiger Trupp übrig blieb, der sich im Dschungel verstecken konnte.
Am Ende des Jahres 1945 warf schließlich eine Boeing B-17 Flugblätter über dem Urwald ab, die das Ende des Krieges verkündeten. Zudem rief General Tomoyuki Yamashita darin in einem schriftlichen Befehl dazu auf, dass alle noch versteckten japanischen Soldaten die Kampfhandlungen einzustellen hätten und kapitulieren sollten. Onoda zufolge glaubten die versprengten Japaner allerdings, hierbei handele es sich um eine Kriegslist und setzten ihren Kampf fort.
Im Laufe der Jahre kamen mehrere Suchtrupps auf die kleine Insel Lubang, die mit Megaphonen und Flugblättern versuchten, den Leutnant und seine Männer zur Aufgabe zu überreden. Doch diese trauten den Mitteilungen nicht und steckten weiterhin Reisfelder in Brand und beschossen die Trupps, von denen sie vermuteten, es seien feindliche Soldaten.
Als am 19. Oktober 1972 Onodas letzter Kamerad Kinshichi Kozuka in einem Feuergefecht mit der philippinischen Polizei verstarb, schwor sich der Leutnant, wie er in seiner Autobiografie schreibt: „Ich werde nicht kampflos aufgeben.“
Erst dem japanischen Studenten Norio Suzuki gelang es 1974 auf seiner Weltreise, Kontakt zu dem Einzelkämpfer im Dschungel aufzunehmen. Hiroo Onoda gab aber erst am 9. März 1974 auf, nachdem ihm sein ehemaliger Vorgesetzter Major Yoshimi Taniguchi, der inzwischen Buchhändler geworden war, eingeflogen wurde und ihm den direkten Befehl dazu gab.
Obwohl der japanische Leutnant nach Kriegsende noch mehrere Menschen getötet und etliche verletzt hatte, wurde er vom philippinischen Präsidenten Ferdinand Marcos begnadigt. Zurück in Japan wurde Onoda zwar als Held gefeiert, doch gelang es ihm nicht, sich in die moderne japanische Nachkriegsgesellschaft einzugliedern. 1975 wanderte er nach Brasilien aus. Später gründete er in Japan die Schule „Onoda Shizen Juku“. Er verstarb am 16. Januar 2014 in Tokio an Herzversagen.
Der ehemalige japanische Premierminister Yoshihide Suga sagte Reportern der britischen Zeitung „The Guardian“ mit einem Augenzwinkern: „Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie sehr ich beruhigt war, dass der Krieg wirklich zu Ende ist, da Herr Onoda nach Japan zurückkehrte.“