Berlin  Satiriker beklagt Verbotskultur: „Vor was haben wir in Deutschland eigentlich nicht Angst?“

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 01.05.2025 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Klassenkampf im Dienste des Muxismus: Jan Henrik Stahlberg und Tilman Vellguth in einer Szene der Kinosatire „MuxmäuschenstillX“. Foto: Mux Filmproduktion / Carolin Hauke
Klassenkampf im Dienste des Muxismus: Jan Henrik Stahlberg und Tilman Vellguth in einer Szene der Kinosatire „MuxmäuschenstillX“. Foto: Mux Filmproduktion / Carolin Hauke
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Die Werbe-Clips für seinen Film „MuxmäuschenstillX“ haben dem Satiriker Jan Henrik Stahlberg gerade einen Rechtsstreit eingehandelt. Trotzdem votiert er für angstfreie Satire, die sich den Humor nicht vorauseilend selbst verbietet. Ein Interview.

Nach über 20 Jahren spielt Jan Henrik Stahlberg noch einmal den gewaltbereiten Weltverbesserer Mux. Im Kinofilm „MuxmäuschenstillX“ (Start: 1. Mai 2025) geht Mux nach Ostdeutschland, um die Abgehängten und Ausgegrenzten zur Revolte gegen den Neoliberalismus anzustiften. Schon die Werbe-Clips zum Film stießen auf Widerstand: Die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann ging juristisch gegen einen „Mux“-Spot vor, für den einer ihrer Talk-Auftritte mittels KI verfremdet wurde. Über den Rechtsstreit und über die Grenzen der Satire haben wir mit Jan Henrik Stahlberg gesprochen.

Frage: Herr Stahlberg, nach über zwei Jahrzehnten setzen Sie Ihren Film „Muxmäuschenstill“ fort. Vielleicht starten wir mit einem „Was bisher geschah“. Wer war noch mal Herr Mux, der Antiheld Ihrer „Muxmäuschenstill“-Filme?

Antwort: Im ersten Film war Mux ein Ex-Philosophiestudent mit dem Lebensmotto: „An meinem Wesen soll die Welt genesen“. Mux fühlt sich im Recht und verfolgt in Selbstjustiz Falschparker und Ladendiebe. Bis ihn ein Temposünder überfährt. Nach 20 Jahren im Koma wacht er jetzt wieder auf und ist der Mann der Stunde. Wir merken ja alle, wie die Welt sich verändert hat. Alles fühlt sich ungerechter an, schärfer, gespaltener. Im Koma hat Mux ein Manifest entworfen, den Muxismus. Damit ruft er jetzt zur Revolution.

Frage: Mux kämpft diesmal gegen den Neoliberalismus. Im Anliegen ist er womöglich nah bei Ihnen. In der Methode hoffentlich nicht. Mux greift auch zur Waffe. Warum diese gefährliche Ambivalenz der Figur?

Antwort: Ich finde das gar nicht gefährlich. Ich muss kein Nazi sein, um einen Nazi zu spielen. Sobald es um Satire geht, fällt es uns Deutschen schwer, den Unterschied tu begreifen. Sofort fragen alle, worüber man lachen darf. Tucholsky hat das schon vor 100 Jahren beantwortet: Über alles.

Frage: Trump macht den reichsten Menschen der Welt zum Chef-Deregulierer. Was kann eine Neoliberalismus-Satire noch entlarven, wenn Interessenskonflikte nicht mehr verheimlicht, sondern zur Schau gestellt werden?

Antwort: Gegenfrage: Sitzen wir nicht im Glashaus? Unser nächster Bundeskanzler war bei Blackrock nicht als Pförtner angestellt. Der war der Aufsichtsratschef und zählt sich als Millionär zur Mittelschicht. Trump-Bashing finde ich nicht so spannend. Dass alle sich aufregen, gehört zu seinem Spiel. Er will der Stinkefinger sein, den all die Abgehängten dem Establishment zeigen. Berlusconi hat das schon vor Jahrzehnten so gemacht. Wir sollten uns nicht über Trump aufregen, sondern über Merz.

Hier sehen Sie den Trailer von Jan Henrik Stahlbergs „MuxmäuschenstillX“:

Frage: Im Koma hat Mux 20 Jahre Debatte verpasst. Wenn man ihn als alten, weißen Mann kritisiert, versteht er gar nichts. Sie selbst sind 54. Hat das Gefühl, aus der Zeit zu fallen, auch eine biografische Komponente?

Antwort: In Deutschland gibt es 173 Gender-Professuren – und nur eine für Elitenforschung. Ich habe auch gar nichts dagegen, dass wir erforschen, was Männer und Frauen unterscheidet. Aber wir haben auch etwas gemeinsam: Wir alle tauschen Lebenszeit in Arbeitszeit um – und können immer schlechter davon leben. 40 Prozent der Deutschen schaffen es gerade so bis zum Monatsende. Ob wir nun schwarz oder weiß sind, schwul oder Mensch mit Behinderung, wir sollten gucken, wie wir unsere gemeinsamen Interessen gegen die Mächtigen verteidigen. Das Geld, das wir erarbeiten, landet nicht bei uns.

Frage: Für diese Utopie der Versöhnung ist Ihr Humor aber ganz schön brachial.

Antwort: Brachial wirkt mein Humor höchstens wegen des Kontrasts. Wir leben in unglaublich biederen Zeiten. Satire muss übertreiben, aber sie hat immer einen humanistischen, idealistischen Kern. Sie geht von der Sehnsucht nach einer gerechteren Gesellschaft aus – und sie wirkt vielleicht umso brachialer, je größer die Enttäuschung über die Wirklichkeit ist.

Frage: „MuxmäuschenstillX” ist schon vor der Premiere angeeckt: Die FDP-Frau Marie-Agnes Strack-Zimmermann ist gegen einen Clip vorgegangen, für den Sie einen ihrer Talk-Auftritte per KI verfälscht haben. Konnten Sie das Missverständnis inzwischen versöhnlich aus der Welt schaffen?

Antwort: Also gut, was wir Strack-Zimmermann in den Mund legen, ist wirklich brachial. Musste aber auch sein, da ihre Aussagen es in keiner Weise an Drastik vermissen lassen. Der Konflikt war kein Missverständnis und wir haben uns auch nicht versöhnt. Aber unsere Anwälte haben sich darauf geeinigt, den Spot deutlich als KI zu kennzeichnen. Auf unseren eigenen Portalen hatten wir das von Anfang so gemacht.

Frage: Der Autor und Satiriker Marc-Uwe Kling fordert in einer Petition ein Verbot von Deepfakes – auch für Satire. Klings Sorge ist, dass sonst auch böswillige Fakenews durch den Deckmantel der Satire gedeckt wären. Ist da was dran?

Antwort: Eine Kennzeichnung von KI-generierten Bildern würde das doch verhindern. Dann sieht man, dass ein Witz vorliegt und kann darüber streiten, ob er witzig ist oder nicht. Wir können natürlich alles verbieten. Vielleicht sollten wir auch Stimmimitatoren im Radio verbieten. Wer weiß, ob die am Ende nicht so gut sind, dass die Hörer den falschen Franz Beckenbauer für den echten halten. Ich verstehe das Problem von Marc-Uwe Kling nicht. Woher kommt diese Verbotskultur? Aus der ganzen Debatte höre ich immer nur ein Wort heraus: Angst. Vor was haben wir in Deutschland eigentlich nicht Angst?

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