Georgsmarienhütte Verheizt, vermisst, vergessen: Der Schrecken des Krieges kommt auf dünnem Papier
80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Theodor Stavermann für tot erklärt. Im zweiten Teil der Serie erfahren wir mehr über sein Schicksal: im Archiv der Stadt Georgsmarienhütte.
Theodor Stavermann war gerade einmal 20 Jahre alt, als er zur Wehrmacht eingezogen wurde. 1942 verließ er seine Heimat Oesede, heute ein Stadtteil von Georgsmarienhütte. Er kehrte nie wieder heim. Jahrzehntelang galt der junge Soldat als verschollen, bis ihn seine Schwägerin gut 80 Jahre nach Ende des Krieges für tot erklären ließ.
Was ist heute noch über den jungen Mann zu erfahren, der für den „Führer“ in den Krieg zog und nie wiederkam? Wie sehr kann man sich einem Schicksal 80 Jahre später noch nähern? Welche offiziellen und inoffiziellen Unterlagen über ihn haben die Zeit überdauert?
Inge Becher kann helfen. Sie ist die Leiterin des Museums Villa Stahmer und zuständig für das Archiv der Stadt Georgsmarienhütte. Hier wird die Geschichte der Stadt und ihrer Menschen konserviert und vor dem Vergessen bewahrt. Auch die von Theodor Stavermann, dem Soldaten, der nicht mehr heimkehrte aus dem Krieg? Tatsächlich! Becher schreibt unserer Redaktion, sie sei einmal in den Keller hinabgestiegen und habe da einiges gefunden …
Auf vergilbtem Papier lagern dort die in Tinte festgehaltenen Schicksale von beinahe 300 Soldaten. 200 von ihnen sind tot, der Rest galt als vermisst. Zumindest das Schicksal Theodor Stavermanns will diese Recherche, so weit es geht, aufdecken.
Dass Becher überhaupt fündig wurde, ist ein Glücksfall: Georgsmarienhütte bestand ehemals aus sechs Gemeinden. Der Geburtsort Stavermanns, der heutige Stadtteil Oesede, war eine davon. Und nur von dieser einen Gemeinde liegen der Historikerin noch die Unterlagen aus Kriegstagen vor. Aus den anderen Ortschaften sind Dokumente und Erinnerungen wohl für alle Zeit verloren.
Im Rathaus Georgsmarienhütte breitet Becher mit behandschuhten Fingern vorsichtig die Dokumente aus; ein falscher Handgriff und das hauchdünne Durchschlagspapier würde reißen.
Es sind Einblicke in die Schicksale junger Männer, die die Historikerin nebeneinander aufreiht; Schreiben, die Eltern und Ehepartner in großer Ungewissheit zurückließen oder für endgültige Klarheit sorgen.
Wenn ein Wehrmachtssoldat verstarb oder vermisst wurde, wurde die entsprechende Mitteilung von einem vorgesetzten Offizier an die Behörden in dessen Heimatort gesandt. Die örtlichen Vertreter des NS-Staates hatten die Aufgabe, die Benachrichtigung abzutippen und an die Angehörigen weiterzuleiten.
Einigen der Schreiben, die Historikerin Becher im Archiv gefunden hat, sind Fotos der vermissten Soldaten beigefügt. Zu sehen sind Männer in Uniform am Anfang ihres Erwachsenenlebens. Bei dem Schreiben an Familie Stavermann aus dem Frühjahr 1943 fehlt genau das – ein Foto. Theodor bleibt bei dieser Recherche auch weiterhin ein Phantom.
Auf den 11. Februar 1943 ist der Brief datiert, in dem sich ein Kompanie-Chef an Theodors Vater richtete: „Wehrter Herr Stavermann“, steht dort in groben Lettern geschrieben, „Die Kompanie bedauert, Ihnen mitteilen zu müssen, daß ihr Sohn der Gefr. Theodor Stavermann seit den Abwehrkämpfen zwischen Don und Donez am 21. und 22.12.42 vermißt wird.“
Es bestehe die Möglichkeit, dass er bei einem anderen Teil der Truppe untergekommen, in einem Lazarett oder in russischer Kriegsgefangenschaft sei. Die späte Benachrichtigung Monate nach Theodors Verschwinden erklärt der Kompaniechef damit, dass man noch immer mit der Rückkehr des Soldaten gerechnet habe. Es folgen einige bürokratische Hinweise, bevor der Kompaniechef mit den Worten schließt:
„Für den Fall, daß Ihr Sohn überhaupt nicht mehr zurückkehren sollte, bedauert die Kompanie lebhaft das tragische Geschick Ihres Sohnes, der in der Kompanie geachtet und beliebt in treuer Pflichterfüllung sein Leben für Führer, Volk und Vaterland gegeben hat und versichert Sie der herzl. Anteilnahme. Sein Andenken wird jederzeit wach gehalten werden. Heil Hitler.“
Es sind nüchterne Worte, die nicht nur die Verblendung eines Vorgesetzten deutlich werden lassen. Das Schreiben ließ die Familie in der Heimat mit der Gewissheit zurück, dass alles ungewiss ist am Schicksal ihres Sohnes.
Mehr ist für unsere Redaktion in der Heimat Theodor Stavermanns nicht zu dessen Schicksal zu erfahren. Aber immerhin: Das Schreiben gibt erste Hinweise auf die Kompanie, in der er eingesetzt war und auf Kämpfe, in die Theodor verwickelt worden sein könnte.
Es sind Hinweise, die zu Schlachten führen werden, bei denen tausende Menschen ihr Leben ließen - und die den Untergang Nazideutschlands einläuteten. Offenbar mittendrin, wenn auch nur sehr kurz: Theodor Stavermann aus Oesede.
Welche weiteren Puzzleteile wir finden werden und wohin sie führen, lesen Sie am Samstag ab 8 Uhr an dieser Stelle.