Serie zum Kriegsende 1945 Ein riskantes Spiel am Verhandlungstisch in Aurich
Serie „Tage des Übergangs – das Kriegsende 1945 in Ostfriesland“: Widersprüchliche Befehle bringen Auricher Stadtkommandanten in Bedrängnis. Am Verhandlungstisch entspinnt sich ein riskanter Poker.
Aurich - Nach Hitlers Selbstmord am 30. April 1945 entschied sich die neue Führung von Reich und Wehrmacht, in absehbarer Zeit bedingungslos zu kapitulieren. Während die Kapitulation auf der Führungsebene vorbereitet wurde, erhielten Soldaten und Zivilisten die Aufforderung, unbedingt weiterzukämpfen. Am 1. Mai 1945 wurde Großadmiral Karl Dönitz zum Nachfolger Hitlers ernannt und Oberkommandierender der Wehrmacht. Am 5. Mai 1945 trat die bedingungslose Kapitulation in Nordwestdeutschland in Kraft.
Dönitz, ein fanatischer Nazi, versuchte den Ablauf der Dinge in den letzten so aussichtslosen Kriegstagen noch zu beeinflussen. Die deutsche Militärführung, das Oberkommando der Wehrmacht (OKW), veranlasste daraufhin die Umsetzung dementsprechender Pläne. Im großen Zusammenhang des Kriegsverlaufs hatten sie wenig Bedeutung, für Ostfriesland jedoch bekamen sie entscheidendes Gewicht und beeinflussten maßgeblich die Ereignisse.
Frieden mit den einen, Kampf gegen die anderen
Die Idee war, kurz gesagt, ein begrenzter Friedensschluss mit den Briten, Kanadiern und US-Amerikanern, um den Kampf gegen die Rote Armee der Sowjetunion fortsetzen zu können. Möglichst viele Deutsche seien so noch vor der Roten Armee zu retten und in Gebiete zu evakuieren, die von den Westalliierten besetzt waren.
Das OKW unter Karl Dönitz, vormals Oberbefehlshaber der Reichsmarine, war in Schleswig-Holstein stationiert und aus dieser Perspektive ist der folgende Plan zu sehen. Verbände der Wehrmacht sollten aus den noch kontrollierten Gebieten im Nordwesten abgezogen, im südlichen Schleswig-Holstein gesammelt und an die „Ostfront“, also nach Mecklenburg verlegt werden.
Befehl: Vormarsch der Briten und Kanadier verhindern
Um Zeit für Verhandlungen über Dönitz‘ Plan zu gewinnen, sollten Ersatzverbände der Kriegsmarine den Vormarsch der Briten und der Kanadier im Nordwesten verzögern, während die regulären Verbände der Wehrmacht über Weser und Elbe nach Osten transportiert werden sollten. Größere Kampfhandlungen sollten vermieden werden. Lokale Kapitulationen waren untersagt. Das OKW wollte die Kontrolle über diesen Prozess behalten. Es war Teil dieses Plans, dass der Befehl, den Krieg weiterzuführen, für die Ersatzeinheiten der Marine und die Zivilbevölkerung bestehen blieb, während der Abzug der Wehrmacht aus den westlichen Gebieten organisiert und die bedingungslose Kapitulation verhandelt wurde.
Inwieweit sein Plan tatsächlich einen Teil der Ziele erreichen konnte, ist unklar. Ob er überhaupt sinnvoll für die Bevölkerung war, ist umstritten. Womöglich ging es nur um die Eitelkeit eines Oberkommandierenden, der die Kontrolle behalten wollte und am Aufbau eines Mythos für die Nachkriegszeit interessiert war. Denn mit seinen Anweisungen verlängerte er das Leiden noch weiter und bezahlte das Leben der einen mit dem Tod der anderen.
Die Folgen für Ostfriesland
Schon am 2. Mai wurde klar, dass dieser Plan nicht lange ausgeführt werden konnte. Am 3. und 4. Mai erfolgten Verhandlungen über eine bedingungslose Kapitulation aller deutschen Truppen in Nordwestdeutschland, in den Niederlanden und in Dänemark mit Field Marshall Bernard Montgomery in der Lüneburger Heide. Am Freitag, 4. Mai, um 18.30 Uhr wurde die Kapitulation unterzeichnet und trat am 5. Mai 1945, morgens um 8 Uhr in Kraft.
In Ostfriesland, dem westlichsten Teil des betreffenden Gebietes, wurde Dönitz‘ Plan in die Tat umgesetzt und in den entscheidenden Tagen des Übergangs vom 1. bis zum 5. Mai hatten seine Vorgaben ganz wesentlichen Einfluss auf die Ereignisse vor Ort.
Gordischer Knoten für Auricher Befehlshaber
Für Dönitz‘ Plan war es entscheidend, dass Soldaten und Zivilisten so lange den Krieg weiterführten, bis eine von ihm eingeleitete zentral organisierte Kapitulation diesen beendete. Daher war an eine Aufhebung der im Herbst 1944 erteilten Festungsbefehle für Aurich nicht zu denken. Gleichzeitig sahen seine inoffiziellen, nur auf höheren Ebenen des Militärs bekannten Anweisungen vor, jegliche größeren Kampfhandlungen mit den Westalliierten zu vermeiden.
Diese Bedingungen brachten den Kommandanten der Stadt Aurich, Kapitän zur See Eberhard Jaehnke, in eine schwierige Lage, als die Soldaten der 3rd Canadian Infantry Division nach der Eroberung von Leer auf Aurich vorrückten: Kein Rückzug. Keine Kapitulation. Keine größeren Kampfhandlungen. Wie sollte er diesen Bedingungen gleichzeitig entsprechen? Wann genau Jaehnke davon erfuhr, ist unklar. Allerdings waren in den Vorgaben auch Spielräume enthalten, die ihm entgegen aller öffentlich bekannten Informationen auch Verhandlungen ermöglichen konnten, wenn er dadurch Zeit gewann. Als ihm dann am Morgen des 4. Mai von Zivilisten in einer eigenmächtigen Aktion die Meldung überbracht wurde, es bestehe ein Ultimatum der Kanadier, bis um 12 Uhr in Verhandlungen einzutreten, dürfte der Druck, der auf ihm lastete, riesig gewesen sein.
Was den Angriff auf Aurich schließlich stoppte
Was an diesem 4. Mai in Aurich geschah, ist auf der einen Seite minutengenau rekonstruiert (siehe Rudolf Nassua, Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Aurich, 2005) und oft berichtet worden. Aber es blieben Lücken in der Überlieferung dieser dramatischen Stunden. Denn es ist bisher kaum bekannt, dass es Jaehnkes eindringliche Mitteilungen an seine Vorgesetzten in der Kriegsmarine waren, die den kanadischen Angriff schließlich stoppten. Kanadische Quellen geben einige interessante Einblicke darauf.
In der offiziellen kanadischen Kriegsgeschichte steht deutlich (Stacey, The Victory Campaign, 1960), dass der kanadischen Armee am 4. Mai gegen 13 Uhr befohlen wurde, den Angriff auf Aurich auf Wunsch der deutschen Delegierten bei Field Marschall Bernard Montgomery einzustellen. Es wird hervorgehoben, dass es einen solchen Befehl in dieser Form nur für die 3rd Canadian Infantry Division gab. Dieser Haltebefehl für die kanadischen Truppen, hervorgerufen durch die Intervention des Oberkommandos der Wehrmacht beim britischen Oberbefehlshaber war außergewöhnlich, speziell auf Aurich bezogen, und für die Vorgänge vor Ort ein entscheidender Faktor.
Kein Kontakt mehr zum Oberbefehlshaber
Der kanadische General vor Aurich, Brigadier James A. Roberts, schreibt in seinen Memoiren „The Canadian Summer“ (erschienen 1981), dass Wilhelm Harms („the German colonel“) berichtet habe, die Truppen in Aurich hätten keinen Kontakt zu ihrem Oberbefehlshaber General Erich Straube, verantwortlich für alle deutschen Truppen zwischen Weser und Ems. Dies erscheint realistisch, waren die Verhältnisse im Allgemeinen sowieso chaotisch, und die Führungsstäbe waren mit der Organisation des Transportes der Wehrmachtseinheiten über die Weser nach Osten beschäftigt und hatten Ostfriesland verlassen.
Der offene Kommunikationsweg für Jaehnke ging über seinen Vorgesetzten in der Marine, den Seekommandanten Ostfriesland, Konteradmiral Kurt Weyher in Norden-Tidofeld, über die bestehenden Nachrichtenverbindungen zu den vorgesetzten Dienststellen der Kriegsmarine und von dort ins Oberkommando.
Ein Ausweg aus widersprüchlichen Befehlen
Dies war der Ausweg für Jaehnke, aus dieser für ihn unmöglichen Situation und seinen widersprüchlichen Befehlen zu entkommen. Und so konnte er der ausschlaggebenden Weisung, größere Kampfhandlungen zu vermeiden, noch entsprechen. Denn er selbst hatte vor Ort nicht die Möglichkeiten, dies zu garantieren. Vor Aurich wurde noch gekämpft und sowohl die Auricher Abgesandten als auch die kanadische Delegation unter Brigadier Roberts waren dadurch gefährdet, und damit das gesamte Anliegen, durch Verhandlungen Zeit zu gewinnen und das Eintreten des kanadischen Ultimatums zu verhindern.
So konnte das OKW von der Lage in Aurich wissen und die Intervention bei Montgomery veranlassen. Näheres dazu ist leider nicht bekannt. Das OKW jedenfalls muss zu einem bestimmten Zeitpunkt davon überzeugt gewesen sein, dass die Angelegenheit sehr dringend war und nicht lokal gelöst werden konnte.
Hoher Druck am Verhandlungstisch
Kapitän zur See Jaehnke erfuhr auf diesem Weg auch von den laufenden Verhandlungen zwischen Dönitz und Montgomery. Brigadier Roberts hatte allerdings noch keine Kenntnis davon. Es ist weiterhin davon auszugehen, dass Jaehnke ebenfalls von dem Haltebefehl für die Kanadier wusste, welcher ja zu seiner Unterstützung erfolgt war. Jaehnke wusste in den Verhandlungen also wesentlich mehr als der Kanadier. Er durfte sich dies nur nicht anmerken lassen. Gleichzeitig durfte Jaehnke den anwesenden Aurichern nicht erzählen, dass der Befehl zum Widerstand nur noch eingeschränkt galt. In der Rückschau wird klar, unter welchem besonderen Druck die Verantwortlichen gestanden haben müssen. Friedrich van Senden berichtete eindrücklich, wie sehr er Angst hatte vor Kampfhandlungen in den letzten Stunden vor dem offiziellen Kriegsende am Morgen des 5. Mai. Er hat von den Weisungen der Armeeführungen nichts gewusst.
Für unser heutiges Verständnis der damaligen Situation ist eine Kenntnis der besonderen Rahmenbedingungen in den wenigen Tagen unter Dönitz‘ Befehl von grundlegender Bedeutung. Das gilt ebenso für die Intervention des OKW und deren Auswirkungen. Diese ergänzenden Aspekte machen die historische Situation vielschichtiger und zeigen deutlicher als bisher, wie kompliziert und unsicher es für die damals handelnden Personen war, in jenen Tagen des Übergangs Anfang Mai 1945.
Teil 5 der Serie erscheint online bei den ON am 1. Mai: Schießen und Sterben bis zur letzten Minute.
Zum Autor
Meint Agena ist Lehrer für Geschichte und Englisch am Gymnasium Ulricianum Aurich. Die Arbeit als Historiker ist für ihn Berufung und Leidenschaft. Es fasziniert ihn, ganz genau hinzusehen und den Versuch zu unternehmen, fremdes und widersprüchliches Handeln von Menschen der Vergangenheit zu verstehen. Geschichte sieht er als ein gutes Gespräch der Gesellschaft über die Vergangenheit, in dem der nachvollziehbare und respektvolle Austausch im Vordergrund steht. Über die Erfahrungen von Menschen im Ersten und Zweiten Weltkrieg und die heutige Erinnerungskultur hat er bereits mehrere Artikel veröffentlicht. Die Geschichten über den Zweiten Weltkrieg vor Ort haben den gebürtigen Auricher seit seiner Jugend begleitet. Der Anstoß für die aktuelle Beschäftigung mit dem Kriegsende in Ostfriesland war der Besuch eines Vortrages im Jahr 2023.