Serie Ende 2. Weltkrieg  Ein hitziges Treffen in der Auricher Blücher-Kaserne

Meint Agena
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Von Meint Agena
| 29.04.2025 13:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Deutsche Soldaten am 5. Mai 1945 nach der Kapitulation auf dem Weg zu ihrer Sammelstelle, kurz vor dem Betreten der Auricher Blücher-Kaserne. Foto: © Library and Archives Canada
Deutsche Soldaten am 5. Mai 1945 nach der Kapitulation auf dem Weg zu ihrer Sammelstelle, kurz vor dem Betreten der Auricher Blücher-Kaserne. Foto: © Library and Archives Canada
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In der Serie „Tage des Übergangs – das Kriegsende 1945 in Ostfriesland“ erinnert sich General James Alan Roberts an seine Erlebnisse in Ostfriesland. Wie er einen deutschen General fassungslos machte.

Aurich - Am 20. April 1945, nach der erfolgreichen Befreiung der östlichen Niederlande durch die kanadische Armee, überquerte Brigadier James Alan Roberts, Kommandeur der 8th Canadian Infantry Brigade bei Nieuweschans die Grenze. Am Morgen des 2. Mai überquerte die 8th Brigade bei Leer die Ems und rückte zügig bis nach Hesel vor. „Nördlich von Hesel“, so berichtet Roberts in seinen Memoiren „The Canadian Summer“ (erschienen 1981), „ging es nur noch schwer voran. Wir wussten, dass wir gegen einen sehr gemischten Haufen feindlicher Truppen kämpften, von denen die meisten sehr junge Soldaten der Marinenachrichtenschule in Aurich waren.“

Angriff auf Leer. Überquerung der Ems in Sturmbooten am 28. April 1945. Foto:© Library and Archives Canada
Angriff auf Leer. Überquerung der Ems in Sturmbooten am 28. April 1945. Foto:© Library and Archives Canada

Als Roberts am Abend des 3. Mai in einem Bauernhaus in Ulbargen den nächsten Tag plante, wurden seine Gedanken noch von seinen Erfahrungen als Kommandeur einer Aufklärungseinheit geprägt, die im Sommer zuvor in Frankreich und Belgien gekämpft hatte und sehr schnell vorgestoßen war. An den mühsamen Vormarsch seiner Infanteriebrigade der vergangenen Tage, der auch so weitergehen würde, dachte er in jenen Momenten wohl nicht.

Die Delegation aus Aurich und ein Ultimatum

Den gesunden Schlaf, auf den er als Teil einer guten Vorbereitung gehofft hatte, bekam er auch nicht. Denn er wurde, wie in Aurich gut bekannt, von den Auricher Bürgern Friedrich van Senden und Heinrich Alberts aufgesucht, die ihn baten, sich offen zu zeigen bezüglich einer Kapitulation und kampflosen Übergabe der Stadt.

Roberts suchte in jenem Gespräch nach einer Lösung, die einerseits auf die eröffneten Möglichkeiten eingehen konnte, andererseits aber den verabredeten und befohlenen Aufmarsch der 3rd Canadian Infantry Division vor Aurich nicht durch spontanes und eigenmächtiges Handeln durcheinanderbrachte. Er wählte daher einen Weg, vom dem er recht sicher war, dass sein Vorgesetzter Major General Ralph Keefler diesen akzeptieren würde. Daher das Ultimatum an die Auricher, dass spätestens um 12 Uhr Abgesandte bei den Kanadiern sein müssten; früh genug, um die tatsächlichen kanadischen Planungen nicht zu stören.

Ein Plan wird geschmiedet

Ebenso hatte er sich ohne Rücksprache Freiheiten genommen, um die Auricher unter Druck zu setzen und damit eine Kapitulation wahrscheinlicher zu machen. Der kanadische Aufmarsch würde um 12 Uhr nicht abgeschlossen und die Artillerie, etwa 70 Feld- sowie etwa 30 mittlere und schwere Geschütze, würde nicht in einer geeigneten Position sein. Der Einsatz von etwa 20 zur Verfügung stehenden Jagdbombern vom Typ „Typhoon“ war bisher noch gar nicht eingeplant gewesen, sondern würde erst bei deutlichem deutschen Widerstand angefordert werden. Der massive Einsatz von Waffen würde nicht ohne weitere Entwicklung kurz nach 12 beginnen, sondern erst nach Abschluss der Vorbereitungen und abhängig vom tatsächlichen Widerstand, doch die Deutschen sollten von einer unmittelbaren Bedrohung ausgehen. Darauf kam es an. Es sollte dabei helfen, die tatsächliche Bombardierung, und sei sie einige Stunden später, zu verhindern.

Major General Ralph Keefler (rechts), kommandierender General der 3rd Canadian Infantry Division, am 2. Mai 1945 zusammen mit seinem Vorgesetzten, dem Befehlshaber des 2nd Canadian Corps, Lieutenant General Guy Simonds (Mitte), in Hesel auf dem Weg zur Besprechung über den Angriff auf Aurich. Foto: © Library and Archives Canada
Major General Ralph Keefler (rechts), kommandierender General der 3rd Canadian Infantry Division, am 2. Mai 1945 zusammen mit seinem Vorgesetzten, dem Befehlshaber des 2nd Canadian Corps, Lieutenant General Guy Simonds (Mitte), in Hesel auf dem Weg zur Besprechung über den Angriff auf Aurich. Foto: © Library and Archives Canada

Am folgenden Mittag, 4. Mai, traf die Delegation aus Aurich in Roberts vorgezogenem Kommandoposten an der Reichsstraße 72 in Bietzefeld ein. Roberts und Keefler kamen sehr schnell zu dem Ergebnis, dass Roberts den Auricher Kommandanten, Kapitän zur See Eberhard Jaehnke, in der Blücher-Kaserne aufsuchen sollte, um diesen in Folge des aufgebauten Drucks und seiner aussichtslosen Situation zur bedingungslosen Kapitulation zu bringen.

Auf einmal keine Rede mehr von Kapitulation

Um kurz vor eins ging es los. Der Marsch durch die deutschen Linien blieb Brigadier Roberts in sehr lebendiger Erinnerung. Er und seine drei kanadischen Begleiter waren darauf angewiesen, dass Oberstleutnant Harms, einer der Abgesandten, ihnen einen Weg durch die deutschen Sprengfallen zeigte. Kurze Zeit später stellte sich ihnen ein wütender und nervöser deutscher Leutnant mit dicker Hornbrille in den Weg, der ihre Mission missbilligte und den es nur noch mehr aufbrachte, als plötzlich in einiger Entfernung auch noch kanadisches Gewehrfeuer zu hören war. Alles Erdenkliche hätte passieren können, doch Harms und Roberts durch seinen Dolmetscher konnten beruhigen, und es ging gut.

Die Kaserne in Leer, aufgenommen am 1. Mai 1945. Sichtbar sind die Zerstörungen vom Luftangriff am 19. April. Leer. Foto: © Library and Archives Canada
Die Kaserne in Leer, aufgenommen am 1. Mai 1945. Sichtbar sind die Zerstörungen vom Luftangriff am 19. April. Leer. Foto: © Library and Archives Canada

Seine Begegnung mit Kapitän zur See Jaehnke begann in sehr angespannter und formal korrekter Atmosphäre. Inhaltlich jedoch verlief das Gespräch nicht wie erwartet. Jaehnke wollte gar nicht über eine Kapitulation Aurichs sprechen und verwies auf laufende Verhandlungen auf der Ebene der Oberkommandos, von denen Roberts noch nichts wusste. Roberts war außerdem ohne Kenntnis des Haltebefehl des britischen Oberkommandos für die Truppen vor Aurich, der um Punkt 13 Uhr auf Bitten des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) beim Hauptquartier der 3rd Canadian Infantry Division eingegangen war. Dieser hatte ihn nicht mehr rechtzeitig erreicht. Nun war er es, dem durch unvollständiges Wissen eine klare Verhandlungsführung erschwert wurde.

Eine heftige und hitzige Diskussion

Es half ihm jedoch, dass die anwesenden zivilen Vertreter Aurichs von den Äußerungen des Kommandanten entsetzt waren und erhitzt auf Jaehnke einredeten. So konnte Roberts selbstbewusst verkünden, er sei nicht gekommen, um hier Diskussionen miterleben zu müssen. Allerdings bot er dann doch an, zu bleiben, und die Ergebnisse seines eigenen Klärungsversuches abzuwarten.

Brigadier James Alan Roberts, 3rd Canadian Infantry Division, im Winter 1944/45. Foto: Library and Archives Canada
Brigadier James Alan Roberts, 3rd Canadian Infantry Division, im Winter 1944/45. Foto: Library and Archives Canada

Als das Gespräch dann am frühen Abend wieder aufgenommen wurde, verlief es kurz und recht einseitig. Roberts verkündete, der geltende Waffenstillstand solle aufrechterhalten werden bis zum Eintreten der offiziellen Kapitulation am nächsten Morgen, und er würde dann um Punkt 10 Uhr wiederkommen.

Am nächsten Tag die nächste Überraschung

Auch der nächste Tag, der 5. Mai, brachte so seine Überraschungen für Brigadier Roberts. Zuerst merkte er, dass er sich nur schwer auf diesen neuen Zustand, ohne Krieg, einstellen konnte. Dann wurde ihm mitgeteilt, dass er es sein würde, der den deutschen Befehlshaber der Region Weser-Ems, General Straube, zur offiziellen Kapitulation nach Bad Zwischenahn begleiten müsse, da dieser sich an jenem Morgen in Norden bei Konteradmiral Weyher aufhalte und auf seinem Rückweg durch Aurich käme. Und es überraschte ihn bei der Ankunft in Aurich doch sehr, dass er Kapitän zur See Jaehnke nicht antraf. Dieser sei abberufen worden, teilte ihm der Adjutant wortkarg mit. Und einen Tag später wurde Roberts das Gerücht zugetragen, dass Jaehnke sich erschossen habe. Dieses Gerücht entsprach, wie die Auricher wissen, nicht der Wahrheit.

Roberts wartete am Mittag des 5. Mai 1945 auf dem Gelände der Blücher-Kaserne in Aurich auf General Straube, am ersten sonnigen Tag nach geraumer Zeit, genoss sein Lunchpaket, und beobachtete die einmarschierenden Kompanien deutscher Soldaten, die sich, wie von den Kanadiern befohlen, in der Kaserne unter der Kontrolle eigener Offiziere sammelten.

Antwort bringt deutschen General aus der Fassung

Von der Zeit mit General Straube blieb ihm ein kurzer Dialog im Gedächtnis. Plötzlich habe Straube wissen wollen, was er, Roberts, eigentlich beruflich mache. Die Antwort, dass er vor Kriegsbeginn mit Eiscreme gehandelt habe, setzte Straube sichtlich zu.

So endete für Brigadier James Alan Roberts der Zweite Weltkrieg in Ostfriesland. Roberts richtete das Hauptquartier seiner Brigade in Holtrop ein und verbrachte die folgenden Tage vor allem mit Besprechungen, Siegesparaden und Gedenkgottesdiensten. Schon am 15. Mai 1945 wurde die 3rd Canadian Infantry Division in die Niederlande verlegt. Die wenigen Tage in Deutschland waren sehr prägend gewesen.

Später, in den Jahren 1964 bis 1968, hatte James Roberts erneut mit Deutschland zu tun, in seiner Funktion als Stellvertretender Generalsekretär der NATO. Doch welche Sicht er, der Kriegsveteran, auf dieses neue, demokratische Deutschland hatte, das erwähnt er in seinen Memoiren nicht.

Teil 4 der Serie erscheint online am 30. April bei den Ostfriesischen Nachrichten: „Der letzte Plan – die merkwürdigen Weisungen des Großadmiral Dönitz und ihre Auswirkungen auf Aurich.

Zum Autor

Meint Agena ist Lehrer für Geschichte und Englisch am Gymnasium Ulricianum Aurich. Die Arbeit als Historiker ist für ihn Berufung und Leidenschaft. Es fasziniert ihn, ganz genau hinzusehen und den Versuch zu unternehmen, fremdes und widersprüchliches Handeln von Menschen der Vergangenheit zu verstehen. Geschichte sieht er als ein gutes Gespräch der Gesellschaft über die Vergangenheit, in dem der nachvollziehbare und respektvolle Austausch im Vordergrund steht. Über die Erfahrungen von Menschen im Ersten und Zweiten Weltkrieg und die heutige Erinnerungskultur hat er bereits mehrere Artikel veröffentlicht. Die Geschichten über den Zweiten Weltkrieg vor Ort haben den gebürtigen Auricher seit seiner Jugend begleitet. Der Anstoß für die aktuelle Beschäftigung mit dem Kriegsende in Ostfriesland war der Besuch eines Vortrages im Jahr 2023.

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