Serie Ende 2. Weltkrieg Der Mann, der Aurich verschonte
Die Serie „Tage des Übergangs – das Kriegsende 1945 in Ostfriesland“ beschäftigt sich mit General James Alan Roberts, der die Kapitulation Aurichs entgegennahm. Wer war der Mann in der Uniform?
Aurich - In Ostfriesland ist James Roberts bekannt als der kanadische General, der 1945 hier den Krieg beendete und durch persönliches Engagement Aurich vor dem geplanten Angriff der kanadischen Armee bewahrte. Wer aber war der Mann, der eine so wichtige Rolle in der Geschichte Ostfrieslands einnimmt? Was für ein Leben hatte er hinter sich, als er in jenen entscheidenden Maitagen nach Ostfriesland kam? Und wie verlief sein Lebensweg nach seiner Rückkehr aus dem Krieg? Die Ereignisse in und um Aurich machten nur wenige Tage in einem langen und bewegten Leben aus, und waren dennoch prägend, für beide Seiten.
Seine Memoiren veröffentlichte James Roberts 1981 unter dem Titel „The Canadian Summer. The Memoirs of James Alan Roberts“, ein Buch mit 250 dicht bedruckten Seiten. Ungefähr zehn Prozent davon beschreiben seine Erinnerungen an Ereignisse im Umfeld von Aurich, dieses kleinen Handelsortes und Verwaltungssitzes in Nordwestdeutschland, in der Mitte einer Halbinsel an der Nordsee. Sie sind eingebettet in einen spannenden Lebensweg.
Eishockey- und Baseballfan
James Alan Roberts wurde am 19. August 1907 in Toronto, Kanada, geboren. Er wuchs auf zusammen mit einem jüngeren Bruder, einer jüngeren Schwester und einem älteren Stiefbruder aus der ersten Ehe seiner Mutter. Sein Vater war Arzt und diente im Ersten Weltkrieg in der britischen Armee. 1925 verließ James die Schule und arbeitete als Angestellter einer Versicherung in Kanada und in den USA. Er mochte diese Arbeit eigentlich nicht, aber sie ermöglichte ihm ein gesichertes Einkommen während der Weltwirtschaftskrise. Er liebte Eishockey und Baseball und spielte in mehreren Amateurmannschaften.
1933 trat er als Reserveoffizier der kanadischen Miliz bei. James Roberts heiratete seine erste Frau, Helen, 1934. Die Ehe blieb kinderlos. 1938 trat er in die kleine Firma seines Stiefbruders Stewart in Großbritannien ein. Diese widmete sich der Herstellung und dem Verkauf von Softeis („Snow Cream“), musste nach ersten Erfolgen den Betrieb allerdings im Sommer 1939 aufgrund des Kriegsausbruchs einstellen.
Eintritt in die Armee
1940 trat James Roberts in die kanadische Armee ein und wurde 1941 nach Großbritannien verlegt. Er wurde als kommandierender Offizier einer Aufklärungseinheit ausgebildet und verfasste das offizielle Handbuch für alle Einheiten dieser Gattung in der kanadischen Armee. Mit seiner Einheit, „The 12th Manitoba Dragoons“, kam er Anfang Juli 1944 in die Normandie, einen Monat nachdem die ersten kanadischen Bodentruppen den ihnen für den D-Day zugewiesenen Strandabschnitt, Codename „Juno“, gestürmt hatten.
Er kämpfte in der Schlacht um Caen und in der Kesselschlacht bei Falaise. Nach dem Zusammenbruch der deutschen Truppen in der Normandie Ende August 1944 bildeten The 12th Manitoba Dragoons die Speerspitze des Vormarsches des 2nd Canadian Corps durch Frankreich und Belgien bis zur Mündung der Schelde. Dort wurde er zum Brigadegeneral befördert und wurde Kommandeur der 8th Canadian Infantry Brigade, einer Einheit der 3rd Canadian Infantry Division.
Hinter feindlichen Linien
Diese Brigade kämpfte im Februar und März 1945 am Niederrhein und befreite im April Teile der östlichen Niederlande und Westfriesland. Ende April 1945 wurde die 3rd Division, unter dem Kommando von Major General Ralph H. Keefler, ostwärts verlegt, um die Eroberung Nordwestdeutschlands zu unterstützen. Hier, in Aurich / Ostfriesland, kontaktiert von besorgten und engagierten Bürgern, versuchte Brigadier Roberts, hinter feindlichen Linien und mit großem persönlichen Risiko, einen Waffenstillstand zu verhandeln, um die Stadt in den letzten Stunden des Krieges am 4. Mai 1945 vor dem geplanten Angriff der kanadischen Armee zu bewahren.
Und hier endete für James Roberts am 5. Mai 1945 der Weltkrieg. An diesem Tag wurde ihm außerdem befohlen, General Erich Straube, den deutschen Befehlshaber im nördlichen Weser-Ems-Gebiet, zur offiziellen bedingungslosen Kapitulation gegenüber dem 2nd Canadian Corps nach Bad Zwischenahn zu begleiten. Am nächsten Tag traf er Journalisten der führenden Tageszeitungen Kanadas und war so selbst ein Teil der Berichterstattung über das Kriegsende: Victory in Europe.
Richter in Auricher Kriegsverbrecherprozess
3rd Canadian Infantry Division („The D-Day Division“) war die erste kanadische Einheit, die Deutschland wieder verließ und am 15. Mai 1945 zurück in die Niederlande verlegt wurde, um auf die Heimfahrt nach Kanada zu warten. Dort in den Niederlanden verbrachten die kanadischen Soldaten eine wundervolle Zeit, eine Zeit, die als „The Canadian Summer“ in die kanadische und niederländische Geschichte einging. Die Befreiung („Liberation“) von Krieg und Unterdrückung und die nun folgenden Sommermonate waren der Beginn einer sehr starken und ganz besonderen Beziehung zwischen diesen beiden Nationen.
Als verantwortlicher Offizier seiner Brigade überwachte James Roberts die Rückführung seiner Soldaten und wartete auf den Zeitpunkt, an dem er selbst ein Schiff nach Kanada besteigen konnte. Anfang Dezember 1945 wurde er jedoch unerwartet zurück nach Deutschland befohlen, um als Richter an Kanadas größtem Kriegsverbrecherprozess teilzunehmen. Angeklagt war Kurt Meyer, Kommandeur der 12. SS-Panzerdivision („Hitlerjugend“), verantwortlich für die Hinrichtung kanadischer Kriegsgefangener in der Normandie. Dieser Prozess fand in Aurich statt, da die Blücher-Kaserne („The Maple Leaf Barracks“) inzwischen ein Zentrum der kanadischen Besatzungsmacht, der „Canadian Army Occupation Force“, geworden war. Diese war zwischen Juli 1945 und Mai 1946 in Aurich stationiert.
Rückkehr nach Kanada und zweites privates Glück
James Roberts traf im April 1946 wieder in Kanada ein und verließ den aktiven Dienst der kanadischen Armee. Er fing als Vertriebsvorstand bei einem großen Textilhersteller an und trat der Exportvereinigung „Canadian Exporters Association“ bei. 1947 ließ er sich scheiden und heiratete seine zweite Frau, May. Diese, und ihren Sohn Alfie, hatte er im Sommer 1945 in den Niederlanden kennengelernt. James und May wurden zusammen Eltern von zwei Töchtern, Wendela und Bianca, und eines Sohnes, Peter.
Von 1951 bis 1956 war James Roberts Kommandeur einer Einheit der kanadischen Miliz. 1953 verließ er den Textilhersteller und machte sich als unabhängiger Marketingberater selbstständig. Darüber hinaus war er ein aktives und einflussreiches Mitglied der neugegründeten Hilfsorganisation „Canadian Association for Retarded Children“ (heute „Inclusion Canada“).
Hohes Amt in der NATO
Nach diesen Jahren in der freien Wirtschaft kehrte James Roberts in den öffentlichen Dienst Kanadas zurück. 1957 trat er in die Partei „Progressive Conservatives“ ein. 1958 wurde er zum Staatssekretär im kanadischen Handelsministerium ernannt. Von 1964 bis 1968 war er Stellvertretender Generalsekretär der NATO. Danach war er bis 1972 kanadischer Botschafter in der Schweiz.
Dort blieb er mit seiner Frau während der ersten Jahre des Ruhestandes. Sie liebten das Skifahren in den Alpen und dort schrieb er 1979 und 1980 auch seine Memoiren. Später zogen sie nach England. James Alan Roberts starb am 19. Februar 1990, im Alter von 82 Jahren.
Die Soldaten der First Canadian Army hatten einen wesentlichen Anteil am Sieg über Nazi-Deutschland. Sie befreiten tausende verschleppte Zwangsarbeiter, alliierte Kriegsgefangene und Insassen in Konzentrationslagern. Sie brachten Freiheit, Menschlichkeit und Demokratie mit Waffengewalt und unter Einsatz ihres Lebens in den Norden der Region Weser-Ems. Sie trugen entscheidend dazu bei, hier die Grundlagen einer zukünftigen deutschen Demokratie zu schaffen. Somit gehört ihnen ein wichtiger Platz in der Geschichte Aurichs und der gesamten Region.
Zum Autor
Meint Agena ist Lehrer für Geschichte und Englisch am Gymnasium Ulricianum Aurich. Die Arbeit als Historiker ist für ihn Berufung und Leidenschaft. Es fasziniert ihn, ganz genau hinzusehen und den Versuch zu unternehmen, fremdes und widersprüchliches Handeln von Menschen der Vergangenheit zu verstehen. Geschichte sieht er als ein gutes Gespräch der Gesellschaft über die Vergangenheit, in dem der nachvollziehbare und respektvolle Austausch im Vordergrund steht. Über die Erfahrungen von Menschen im Ersten und Zweiten Weltkrieg und die heutige Erinnerungskultur hat er bereits mehrere Artikel veröffentlicht. Die Geschichten über den Zweiten Weltkrieg vor Ort haben den gebürtigen Auricher seit seiner Jugend begleitet. Der Anstoß für die aktuelle Beschäftigung mit dem Kriegsende in Ostfriesland war der Besuch eines Vortrages im Jahr 2023.
Teil 3 der Serie folgt am 29. April: Die Erinnerungen des kanadischen Generals an das Kriegsende 1945 in Aurich.