Vor 80 Jahren Kanadische Soldaten kämpften im Weltkrieg – auch in Aurich
Serie „Tage des Übergangs – das Kriegsende 1945 in Ostfriesland“, Teil 1: Die Erinnerungskultur und der Weg in unsere Region.
Aurich - Etwa 6000 Kilometer weit entfernt von zu Hause kämpften 1944 und 1945 kanadische Soldaten in Europa gegen Nazi-Deutschland. Sie kamen aus Orten wie Halifax/Nova Scotia, Montréal/Québec, Winnipeg/Manitoba oder Regina/Saskatchewan. Auch sie und ihre Familien in den Weiten Kanadas waren bedroht durch die Eroberungen von Nazi-Deutschland auf der einen, und dem Kaiserreich Japan auf der anderen Seite. Sie kämpften aufgrund der traditionellen Verbindung ihres Landes mit Großbritannien, aber sie kämpften auch in der Überzeugung, ein besseres und menschliches Zusammenleben zu verteidigen und die Menschen Westeuropas von der Schreckensherrschaft der NS-Diktatur zu befreien. In der Erinnerung des Landes nehmen diese Ereignisse noch heute eine wichtige Rolle ein.
Kanada produzierte für die Alliierten in großem Umfang Rüstungsgüter, leistete einen großen Beitrag bei der Ausbildung von Soldaten zahlreicher Länder, und spielte eine wichtige Rolle bei der Organisation, Ausstattung und Durchführung von Geleitzügen über den Atlantik. Etwa zehn Prozent der damaligen Bevölkerung von 11 Millionen waren in den kanadischen Streitkräften des Zweiten Weltkriegs organisiert. 42.000 Kanadier starben im Krieg, über 11.000 davon im Nordwesten Europas zwischen dem D-Day, 6. Juni 1944, und dem VE-Day („Victory in Europe“) am 8. Mai 1945.
Orte prägten sich in Erinnerung ein
In die kollektive kanadische Erinnerung haben sich eine Reihe von Orten und Begriffen eingeprägt, die mit dieser Zeit verbunden sind, in der alliierte Truppen unter dem Oberkommando des US-amerikanischen Generals Dwight D. („Ike“) Eisenhower Westeuropa eroberten und für die Demokratie sicherten: Allen voran natürlich der D-Day am 6. Juni 1944, als Soldaten der 3rd Canadian Infantry Division und der 2nd Canadian Armoured Brigade den Strandabschnitt „Juno“ in der Normandie stürmten, und die Fallschirmjäger des 1st Canadian Parachute Batallion die alliierte Landungszone nach Osten absicherten.
Es folgte der wochenlange Kampf um die Stadt Caen. In der Entscheidungsschlacht bei Falaise im August 1944 fiel es Kanadiern und Polen zu, den Versuch zu unternehmen, die aus dem Kessel fliehenden Deutschen an der noch bleibenden Lücke aufzuhalten („Falaise Gap“). Im sehr schnellen Vormarsch der kommenden zwei Wochen befreiten die kanadischen Soldaten viele begeisterte Franzosen und Belgier und investierten viel Mühe darin, deutsche Truppen in französischen Häfen am Ärmelkanal („channel ports“) zu besiegen.
Harte und verlustreiche Kämpfe
Von September bis November 1944 kam es im Mündungsgebiet der Schelde zwischen Belgien und den Niederlanden zu sehr harten und verlustreichen Kämpfen, in denen hauptsächlich kanadische Soldaten dafür sorgten, dass Antwerpen, der mit Abstand größte Hafen, die entscheidende Rolle in der Organisation des alliierten Nachschubs spielen konnte („Battle of the Scheldt“).
Im Februar 1945 trafen die kanadischen Soldaten unter Field Marshal Bernard („Monty“) Montgomery am Niederrhein auf vorbereiteten und hartnäckigen Widerstand, der unter hohen Verlusten gebrochen wurde („Rhineland battles“). Aus dem April 1945 und den ersten Maitagen blieb den Kanadiern die Befreiung der Niederlande („Liberation“) und deren Versorgung mit Lebensmitteln nach dem „Hongerwinter“ im Gedächtnis („Operation Manna“ und „Operation Faust“).
„The Canadian Summer“
Und gerne wird auch erinnert an die abenteuerliche Geschichte des Vormarsches des 1st Canadian Parachute Batallion vom Rhein bis nach Wismar an der Ostsee, um sowjetischen Truppen möglichst schnell den Weg nach Schleswig-Holstein zu versperren. In diese Zeit fällt auch die Eroberung des Weser-Ems-Gebietes durch kanadische Truppen, in der nationalen Erinnerung Kanadas ein eher nachrangiger Schauplatz.
Die Sommermonate 1945 nach dem Kriegende haben eine ganz besondere Bedeutung, denn in ihnen feierten Niederländer und Kanadier den Sieg und den Beginn einer neuen besseren Zeit: The Canadian Summer. Er legte den Grundstein für die bis heute bestehende ganz besondere Beziehung dieser beiden Nationen.
Kanada hat eine lebendige Erinnerungskultur, welche die Rolle des Landes im Zweiten Weltkrieg in den Mittelpunkt stellt und das Gedenken an die Opfer und an das gemeinsam Erreichte an den Jahrestagen des D-Day und des Kriegsendes aufrechterhält. Dazu gehören sowohl zentrale staatliche Gedenkfeiern als auch die von Verbänden und Einwohner getragenen Veranstaltungen überall im Land.
Wichtige Gedenkorte in der Normandie und in den Niederlanden
Der wichtigste Anlaufpunkt und Gedenkort für Kanadier auf den Spuren ihrer Vorfahren in Europa ist das kanadische Museum „Juno Beach Centre“ in der Normandie. Die zweite wichtige Station befindet sich in den Niederlanden. Auf dem Programm steht dann häufig ein Besuch in Wageningen bei Arnheim, wo im Hotel De Wereld am 5. Mai 1945 die Kapitulation unterzeichnet wurde, und vor dem die Flame of Freedom („Fackel der Freiheit“) brennt, welche die Erinnerung an Frieden und Freiheit wachhält und alljährlich während des Großereignisses am 4. und 5. Mai bei Staffelläufen in alle Gegenden der Niederlande gebracht wird.
Zahlreiche Veranstaltungen gibt es auch an den Kriegsgräberstätten, den Canadian War Cemetaries, wie etwa in Holten, zwischen Hengelo und Deventer (Entfernung nach Ostfriesland etwa 200 Kilometer). Dort liegen unter vielen anderen auch jene kanadischen Soldaten, die bei den Kampfhandlungen in Ostfriesland im April und Mai 1945 ums Leben kamen.
Der NS-Staat war besiegt, der Krieg aber noch nicht beendet
Die Kanadier erreichten den Nordwesten kurz vor Ende des Krieges. Der NS-Staat war besiegt, aber der Krieg noch nicht beendet. Mit Eroberung, Ausbeutung, Unterdrückung, Zerstörung und Massenmord überzogen Deutsche jahrelang die Menschen in Europa und darüber hinaus. Doch die Allianz der Gegner war schließlich stärker.
Am 23. März 1945 überquerten alliierte Soldaten nördlich des Ruhrgebiets den Rhein, am 11. April erreichten amerikanische Truppen in der Nähe von Magdeburg die Elbe. Der militärische Sieg im Nordwesten Deutschlands war errungen, aber der Krieg ging weiter.
Am 8. April eroberten kanadische Truppen Meppen und stießen von dort aus, unterstützt von alliierten Verbänden wie der 1st Polish Armoured Division, nördlich und nordöstlich Richtung Ostfriesland und Weser vor. Nachdem die Kanadier Mitte April die östlichen Niederlande befreit hatten, standen zwei weitere Divisionen bereit, um die Eroberung des nördlichen Teils des Weser-Ems-Gebietes zu unterstützen.
Am 28. April 1945 begann der Angriff auf Leer
Die 3rd Canadian Infantry Division, geführt von Major General Ralph Keefler, eroberte zuerst das Rheiderland und begann am 28. April mit dem Angriff auf Leer („Operation Duck“). Am 29. April war die Innenstadt erobert, am 30. April die Vororte. Das Ziel war Emden. Während die 9th Brigade der Division unter Brigadier John Rockingham entlang der Ems vorrückte, war der eigentliche Angriff auf die Stadt aus dem Raum Aurich heraus geplant. Zu diesem Zweck sollte Aurich erobert werden. Die 8th Brigade unter Brigadier James Roberts sollte Brückenköpfe über den Ems-Jade-Kanal bilden, die 7th Brigade unter dem Befehl von Brigadier Thomas Gibson sollte die Stadt Aurich erobern. Obwohl zahlreiche gesprengte Brücken und Kreuzungen sowie der durchnässte Untergrund das Fortkommen behinderten, ging es stetig voran. Am 1. Mai waren die kanadischen Truppen in Hesel, am 2. Mai in Bagband, am 3. Mai in Großefehn. Am 4. Mai rückten sie entlang der Reichsstraße 72 auf Aurich vor, bei Eintreten der Waffenruhe waren sie bei Schirum, und zwischen Holtrop und Wiesens.
Diese Ereignisse bilden die Vorgeschichte für jene Begebenheiten in und um Aurich, welche die Erinnerung bis heute prägen.
Zum Autor
Meint Agena ist Lehrer für Geschichte und Englisch am Gymnasium Ulricianum Aurich. Die Arbeit als Historiker ist für ihn Berufung und Leidenschaft. Es fasziniert ihn, ganz genau hinzusehen und den Versuch zu unternehmen, fremdes und widersprüchliches Handeln von Menschen der Vergangenheit zu verstehen. Geschichte sieht er als ein gutes Gespräch der Gesellschaft über die Vergangenheit, in dem der nachvollziehbare und respektvolle Austausch im Vordergrund steht. Über die Erfahrungen von Menschen im Ersten und Zweiten Weltkrieg und die heutige Erinnerungskultur hat er bereits mehrere Artikel veröffentlicht. Die Geschichten über den Zweiten Weltkrieg vor Ort haben den gebürtigen Auricher seit seiner Jugend begleitet. Der Anstoß für die aktuelle Beschäftigung mit dem Kriegsende in Ostfriesland war der Besuch eines Vortrages im Jahr 2023.
Teil 2 der Serie folgt am 28. April: An entscheidenden Tagen in Ostfriesland – James Alan Roberts, kanadischer Geschäftsmann, Soldat und Diplomat.