Koblenz Bundesarchiv-Chef: „Wir können uns keinen Zeitverlust mehr leisten”
Wie bewahrt man das Gedächtnis einer Gesellschaft? Der Präsident des Bundesarchivs, Michael Hollmann, über den Umgang mit Geschichte, Akten für den Schredder, ein sehr großes Platzproblem – und was das alles mit den Jedi-Rittern zu tun hat.
Als Chef des Bundesarchivs ist Michael Hollmann so etwas wie der Gralshüter der deutschen Geschichte. Rund 540 Kilometer Schriftgut lagern in den Magazinen, dazu kommen Millionen Bilder, Bücher, Film- und Tondokumente. Zum Interview bittet der Historiker in sein Büro am Zentralstandort Koblenz, einem grauen 80er-Jahre-Bau, hinter dem in drei Magazintürmen das historische Erbe lagert. Der Platz reicht aber längst nicht mehr aus – und das Erbe gerät allmählich in Gefahr.
Frage: Herr Hollmann, bald jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 80. Mal, es gibt kaum noch Zeitzeugen, für viele verschwindet der unmittelbare Bezug zu dieser Zeit. Schlägt sich das in der Nutzung des Archivs bereits nieder?
Antwort: Das Bundesarchiv wird stark genutzt, gerade auch zu NS-Themen. Zuletzt gingen dazu pro Jahr knapp 75.000 personenbezogene Anträge bei uns ein. Die Zahlen bewegen sich seit einigen Jahren auf diesem ähnlich hohen Niveau. Wir gehen davon aus, dass mit den in acht Jahren anstehenden Centennarien, beginnend mit dem 100. Jahrestag der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten, nochmal ein ganz neues Interesse an dieser Zeit entstehen kann. Die konkreten Themen, zu denen die Wissenschaft forscht, werden sich womöglich verlagern. Wir haben das in den vergangenen 15 Jahren erlebt, als zum Beispiel Wissenschaftler zu Bundesministerien und Behörden und deren NS-Kontinuitäten geforscht haben und dies in vielen Fällen nochmal zu einer neuen Auseinandersetzung mit anderen Aspekten der NS-Zeit führte, die bis dahin eher unterbelichtet waren
Frage: Eine Auseinandersetzung, die dann noch Wert auf Fakten und Quellen legt?
Antwort: Unsere Aufgabe als Bundesarchiv ist, jedermann authentische, verlässliche Quellen zur Verfügung stellen, damit möglichst wenig im luftleeren Raum und ohne Bezugnahme auf Belegbares diskutiert wird. Um es etwas ironisch zuzuspitzen: Die schönsten historischen Diskussionen sind bekanntlich die ohne Quellenbezug, denn da kann man Geschichte ja komplett frei erfinden. Wir hingegen wollen verhindern, dass Geschichte frei erfunden wird.
Frage: Eine passende Überleitung, denn gerade passiert ja genau das in den USA, wo per Erlass von Präsident Trump die Geschichte schöngeschrieben werden soll und missliebige Inhalte von Regierungsseiten gelöscht werden. Wie gefährlich schätzen Sie diese Entwicklung ein?
Antwort: Ich betrachte das zunächst mit einer gewissen Verwunderung, mit so etwas hätte auch ich nicht gerechnet. Aber mittlerweile hat man ja auch eine hohe Frustrationstoleranz entwickelt. Wir stellen fest, dass bestimmte Quellen, bestimmte Fakten aus der öffentlichen Präsentation herausgenommen werden – noch aber haben wir in den USA Gott sei Dank nicht die Situation, dass der Zugang zu Archiven restriktiver gestaltet wird, wie zum Beispiel in Russland, und dass auch noch explizit neue Narrative formuliert werden. Es könnte dazu aber durchaus kommen. Ich hege zwar immer noch die Hoffnung, dass es in den USA eine Zivilgesellschaft gibt, die da nicht mitgehen wird, aber diese Hoffnung wurde ja schon häufiger enttäuscht.
Frage: Es geht im Trump-Erlass immerhin nicht darum, missliebige Inhalte gleich zu vernichten. Muss man hier hinzufügen: noch nicht?
Antwort: Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand ins Archiv geht und Quellen vernichtet, weder in den USA, noch in Russland. Worum es Machthabern doch vor allem geht, ist die Verfügungsgewalt über die Quellen zu erlangen und zu behalten. Die Definitionsmacht, die Interpretationshoheit: Das ist es ja, wonach gestrebt wird. Und es ist durchaus zu befürchten, dass auch in anderen Ländern der Zugang zur Geschichte beschränkt wird und dann der Staat Geschichte erzählt. Unsere Idee, gesetzlich festgelegt, ist eine andere: Wir im Bundesarchiv schaffen gute Zugänge, stellen das Material bereit und machen auf wichtige Schwerpunkte aufmerksam – aber wir bieten als Bundesarchiv selbst kein Narrativ an. Wir geben vielmehr jedem die Möglichkeit, sein eigenes zu entwickeln, und jeder anderen Person auf der gleichen Quellengrundlage die Möglichkeit, dies zu überprüfen.
Antwort: Auch die zunehmende Digitalisierung und Verfügbarmachung von Quellen, die wir im Bundesarchiv vorantreiben, wirkt der Gefahr staatlicher Einflussnahme entgegen: Denn was im Netz steht, kriegt man so schnell nicht wieder da raus. Wir stellen Quellen also in einer Weise zur Verfügung, dass sie nicht mehr hintergehbar sind: (F)Akten statt Fake News.
Frage: Ideal wäre ja, wenn irgendwann der komplette Bestand online verfügbar wäre. Angesichts der schieren Menge des Materials vermutlich ein Wunschtraum – aber wie weit sind Sie denn bei der Mammutaufgabe der Digitalisierung?
Antwort: Wir kommen hier gut voran und streben an, wie zuletzt jedes Jahr zwei Prozent der gut 540 Kilometer Akten in unserem Bestand zu digitalisieren, das sind jährlich mehrere Millionen Digitalisate. Dieser Berg wächst kontinuierlich. Zurzeit sind wir dabei, alle wesentlichen Unterlagen zur Geschichte des Dritten Reichs zu digitalisieren und online zu stellen. Bis 2028 wollen wir das für die Überlieferung bis zum Jahr 1939 erreicht haben und dann weiter fortschreiten. Die meist genutzten Unterlagen zur Geschichte des Dritten Reichs oder der Weimarer Republik werden also schon bald weitgehend vollständig digital zur Verfügung stehen.
Antwort: Darüber hinaus bieten wir auch eine Digitalisierung on demand an: Wer sich zwei, drei oder vier Akten ansehen möchte, muss dafür nicht extra nach Koblenz, Berlin, Freiburg, oder Bayreuth reisen. Und wir sind dabei, unsere Suchanwendung „invenio” intuitiver nutzbar zu machen, unseren Digitalen Lesesaal auszubauen und über unsere Webseite niedrigschwellige Angebote zu machen. Damit wenden wir uns bewusst vom alten Bild ab, in dem Archive als Geheimniskrämer gesehen wurden.
Frage: Tief in Ihren Magazinen gibt es auch Material, das noch seiner Aufarbeitung harrt. Rechnen Sie damit, dass dort womöglich noch ungehobene Schätze schlummern, sprich: bedeutende Dokumente, die noch gar niemand richtig zu Gesicht bekommen hat?
Antwort: Ich glaube, es geht oft nicht darum, dass etwas vollständig neu entdeckt wird, sondern um Neuinterpretationen. Auch das haben wir bei den Projekten zur Aufarbeitung der Geschichte von Bundesministerien gesehen: Die Unterlagen standen ja schon länger bereit und sind auch von Leuten gelesen worden, aber eben unter einem anderen Blickwinkel. Es ist oft eher die Veränderung der Perspektive, mit der auf Akten geschaut wird, die dann einen Blick auf Geschichte freigibt, den wir bisher nicht wahrgenommen haben.
Frage: Es entstehen ja jeden Tag neue Aktenberge, und die Linie des Bundesarchivs lautet: Nicht alles ist aufbewahrenswert. Aber wer entscheidet das?
Antwort: Allein bei der Bundesregierung entstehen jedes Jahr zwischen fünf und sechs Kilometer an neue Akten, nur im Papierbereich. Wir im Bundesarchiv übernehmen die Bewertung dieser Unterlagen für die Bundesregierung, sobald diese für die Arbeit der Ministerien und Behörden nicht mehr benötigt werden, und gehen dabei durchaus formal vor: Für jeden Vorgang in der bundesdeutschen Verwaltung ist eine Stelle federführend, und nur an dieser Stelle werden in der Regel die entsprechenden Unterlagen aufgehoben, während wir die korrespondierenden Überlieferungen an anderer Stelle kassieren, also nicht aufbewahren.
Antwort: Das heißt, wir heben die entsprechenden Vorgänge nur bei den Fachministerien und zusätzlich im Bundeskanzleramt auf und haben damit unserem Ansatz Genüge getan, mit einem Minimum an Akten ein Maximum an Informationen zu bieten, und zwar an den Stellen, an denen aufgrund der politischen Verantwortung die dichteste und vollständigste Überlieferung zu erwarten ist. Angesichts der riesigen Aufgabe, die uns gestellt ist, ist das die wohl beste Methode, um aus fünf bis sechs Kilometer Akten jedes Jahr etwa einen zu machen, der dann dauerhaft aufbewahrt wird.
Frage: Das betrifft, wie Sie sagten, vor allem Papier. Wie archiviert man eigentlich eine elektronische Nachricht, beispielsweise eine SMS vom Regierungschef, die politische Brisanz hat?
Antwort: Eine solche Information, ob jetzt mündlich oder per Whatsapp oder SMS, ist von den Zuständigen zu dokumentieren und zu den Akten zu geben. Damit haben wir zwar vielleicht nicht die Originalversion oder den O-Ton, aber verlässliche Informationen darüber, welche Aussage wem gegenüber wann getroffen wurde, was gegebenenfalls vereinbart wurde. Gegenüber der bisherigen, traditionellen Aktenführung ist das also kein Rückschritt, sofern diese noch konsequent und konsistent geschieht.
Antwort: Man sollte sich klarmachen, dass auch in der Vergangenheit nicht alles automatisch aufgezeichnet wurde: Wenn früher ein Kanzler beim Spaziergang im Garten nachgedacht und später den Kollegen etwas zugerufen hat, ist der Zuruf ja nicht mitgeschnitten worden. Aber der relevante Inhalt wurde verschriftlicht und zu den Akten genommen. Das heißt, es gilt eigentlich unverändert eine Grundregel der deutschen Bürokratie: Der Stand einer Sache muss jederzeit aus den Akten vollumfänglich ersichtlich sein.
Frage: Und geschieht das auch?
Antwort: In den letzten Jahrzehnten ist das ein bisschen unter das Verdikt des Altmodischen gefallen. Akten führen, schreiben, wer macht denn noch so was? Das ist ja Bürokratie! Dabei sehen wir – und vor allem Bürokratiekritiker – nicht, welchen Schatz an gesichertem Wissen und Informationen wir verlieren, wenn wir nicht mehr anständig dokumentieren. Früher hat sich das Handeln durch das Schreiben eines Briefs oder Vermerks gewissermaßen von selbst dokumentiert, bei flüchtigen elektronischen Medien heute funktioniert das so nicht mehr. Das heißt eigentlich, wir müssten wieder eine neue Beziehung zur Schriftlichkeit und zur Dokumentation entwickeln, wenn wir sicherstellen wollen, dass wir selber noch wissen, was wir gesagt, getan und entschieden haben.
Frage: Sie hatten vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass die Kapazität des Bundesarchivs langsam an ihre Grenzen stößt …
Antwort: Nicht langsam – sie ist bereits an die Grenzen gestoßen. Seit 2012 schreibe, vermerke und berichte ich, dass die Kapazitäten des Bundesarchivs zu Ende gehen. Unsere Kalkulation war, dass unsere bestehenden Aktenmagazine Ende 2024 voll sein würden, und das hat sich auch bewahrheitet. Wir können unsere Arbeitsfähigkeit nur erhalten, indem wir übergangsweise Ausweich-Liegenschaften anmieten, und das für nicht wenig Geld. Hier in Koblenz ist Platz für drei weitere Magazintürme, die schon zu Baubeginn als Erweiterung mitgedacht wurden. Die werden jetzt dringend benötigt. Gleiches gilt unter anderem für die Bestände der früheren Wehrmachtsauskunftsstelle, für die eine Erweiterung in Berlin unumgänglich ist.
Frage: Was die Stasi-Unterlagen betrifft, haben Sie vor kurzem sogar offen Alarm geschlagen.
Antwort: Bei den Stasi-Unterlagen geht es weniger um zusätzliche Kapazitäten; sie sind alle untergebracht – aber nicht unter den aus archivfachlicher Sicht gebotenen Umständen und nicht an den Orten, die der Gesetzgeber explizit benannt hat, nämlich an je einem zentralen Ort in den ostdeutschen Bundesländern – in Leipzig, Halle, Frankfurt, Rostock und Erfurt. Dafür brauchen wir dringend neue Magazine, wenn wir die konservatorisch besonders stark gefährdeten Stasi-Unterlagen dauerhaft bewahren wollen.
Frage: Und ist eine Besserung der Lage in Sicht?
Antwort: Bislang war das nicht der Fall, denn die erforderlichen Baumaßnahmen sind mit hohen Kosten verbunden. Wir bringen unsere Argumente immer wieder ein, aber am Ende wird es wahrscheinlich darum gehen, dass sehr, sehr viel Geld bereitgestellt werden muss. Allerdings müssen die deutsche Gesellschaft und mithin das Parlament dann entscheiden: Sind wir eine Gesellschaft, die stolz darauf ist, mit Geschichte verantwortungsvoll umzugehen und dieses Gedächtnis auch zu bewahren? Dann müssen wir auch was dafür tun. Ansonsten besteht selbst im Bundesarchiv die Gefahr, dass Archivgut zerfällt. Mir ist es wichtig, immer wieder zu erklären: Wenn es so weit kommt, war es nicht unsere Unfähigkeit, sondern der mangelnde Wille, das Bundesarchiv mit den notwendigen Ressourcen auszustatten.
Frage: Wir haben nun einen neuen Bundestag und eine neue Regierung. Zeit für einen neuen Anlauf?
Antwort: Ich werde unsere Bedürfnisse der oder dem neuen Bundesbeauftragten für Kultur und Medien natürlich versuchen vor Augen zu führen, in angemessenen Worten und in aller Dringlichkeit. Wir brauchen eine nachhaltige Aufmerksamkeit für das, was nötig ist. Und das kann ich gerne jedem verantwortlichen Politiker immer wieder sagen. Immerhin gibt der Koalitionsvertrag Anlass zu berechtigter Hoffnung, indem nicht nur die Digitalisierung, sondern auch die Entwicklung der Standorte so explizit benannt werden.
Frage: Und wenn das Problem auch in dieser Legislaturperiode verschlafen wird?
Antwort: Also hier ist tatsächlich Gefahr im Verzug. Wir können uns keinen Zeitverlust mehr leisten, da es sich um inhärente Prozesse handelt, die im Material liegen und die wir nicht stoppen können.
Frage: Haben Sie eigentlich eine Art „Lieblingsarchivalie“? Eine, bei der Sie besonders froh sind, dass sie sich im Bestand befindet oder die einen herausragenden Wert für Sie hat?
Antwort: Das kann ich so nicht sagen. Es gibt aber einen Ort, den ich besonders spannend finde - ein ganz normal aussehendes Segment im Magazin, wo alle Unterlagen in Archivkartons untergebracht sind. Aber in diesem Bestand liegen alle Urschriften der Gesetze der Bundesrepublik Deutschland, und dort zu stehen, gibt mir das Gefühl: Ich stehe hier inmitten der Rechtsordnung. Ich finde, das ist ein gutes Gefühl und auch ein gutes Symbol für uns. Vor allem, weil an anderen Stellen viele Materialien, die wir hüten, von einer sehr schlimmen Geschichte erzählen.
Frage: Geschichte zu bewahren ist mit Sicherheit eine spannende Aufgabe, aber vielleicht nicht unbedingt der Beruf, von dem man als 14-Jähriger überzeugt ist, ihn einmal ergreifen zu wollen. Wie sind Sie Archivar geworden?
Antwort: Ich wusste schon früher als mit 14, dass ich Geschichte studieren wollte. Und nach dem Studium wusste ich sehr schnell, dass ich nicht Lehrer werden möchte. Wissenschaftlich komme ich aus der mittelalterlichen Geschichte und bin über Umwege und Zufälle ins Bundesarchiv und in die Zeitgeschichte gekommen. Ich bin auch schon mal gefragt worden, was ich denn angestellt hätte, dass ich ins Archiv versetzt wurde. Aber jenseits solcher Vorurteile ist es ein extrem spannender Beruf: die Unmittelbarkeit der Geschichte, die Verantwortung bei der Übernahme, der Bewertung und der Erschließung – und dafür zu sorgen, dass diese Unterlagen niedrigschwellig möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht werden. Es ist eine extrem zufriedenstellende Aufgabe, auch wenn unser Ruf nicht immer unserer Selbstwahrnehmung entspricht.
Antwort: Aber nebenbei: In Star Wars gibt es ein Jedi-Archiv und im Star-Trek-Sequel Picard ein Sternenflottenarchiv. Überhaupt kommen in vielen Action- und Sciencefiction-Filmen Archive vor, weil dort Dokumente liegen, die dann zum Gamechanger werden. Also es gibt eine numinose Vorstellung davon, dass Archive schon irgendwie wichtig sind und immer wichtig bleiben werden. Und damit müssen wir manchmal zufrieden sein.