Flensburg Vom Danzig nach Flensburg: Kurt Bialkes Fluchtgeschichte und das Wunder der Lindenbäume
Kurt Bialke, Zeitzeuge des Kriegsendes, erzählt von seiner dramatischen Flucht aus Czapielsk bei Danzig nach Flensburg. Wie 40 Grad Fieber sein Leben und das seiner Mutter retteten und weshalb sein Herz an einer Handvoll getrockneter Lindenblätter hängt.
Neben dem gerahmten Bild des bekannten Speichers am Hafen von Danzig hängt ein weiterer Rahmen. Er enthält nur einige getrocknete Blätter eines Baumes. Was auf den ersten Blick unscheinbar aussieht, birgt eine emotionale Geschichte. Sie steht für die Lebensgeschichte von Kurt Bialke, der mit seiner Frau Edith seit wenigen Jahren in einer Wohnung in Harrislee bei Flensburg lebt.
Kurt Bialke ist 92. Geboren wurde er 1933 im westpreußischen Schaplitz, dem heutigen Czapielsk, knapp 20 Kilometer südöstlich von Danzig. „Als ich sechs Jahre alt war, habe ich vor unserem Haus damals zwei kleine Linden gepflanzt“, erinnert sich Bialke. Das war 1939. Im März 1945, als die Rote Armee von Osten immer näher rückte, machte sich Kurts Familie auf in den Westen.
Bis heute erinnert sich der frühere Postbeamte an zahlreiche Details dieser äußerst strapaziösen, immer wieder lebensgefährlichen Flucht, die Mitte April 1945 am Flensburger Bahnhof endete. Das Kriegsende erlebte der damals 12-jährige Kurt wenige Wochen später zusammen mit seiner Mutter Agnes in der Fördestadt. Anfangs war er zusammen mit Agnes und neun weiteren Mitgliedern der aus Westpreußen geflohenen Familie in einem Zimmer untergebracht worden.
Am 8. Mai seien britische Panzer die Flensburger Bismarckstraße heraufgefahren, so Bialke. Die Besatzungen hatten Schokolade und Kaugummi heruntergeworfen. „Uns war ja von den Nazis eingebläut worden, die bloß nicht aufzusammeln.“ Und - hat er? Bialke lächelt verschmitzt. „Na klar!“
Im März 1948 war sein Vater aus britischer Gefangenschaft zurückgekehrt. Mittlerweile konnte die Familie im selben Haus eine Drei-Zimmer-Wohnung im Dachgeschoss beziehen, Kurt besuchte die Flensburger Schulen. 1959 heiratete er die Flensburgerin Edith Petersen, das Paar bekam drei Kinder.
Vor wenigen Jahren bat er seinen Sohn Uwe, die Geschichte der Flucht aufzuschreiben, damit sie in Erinnerung bleibe. Anfang Februar 1945 verließen Agnes Bialke und ihr Sohn Kurt das Haus in Schaplitz auf der Danziger Höhe und gingen durch die eiskalte Winternacht rund 17 Kilometer bis nach Kowall, wo Kurts Großeltern lebten. Hier blieben sie rund zwei Wochen, doch dann war es auch dort nicht mehr sicher. Nächste Station war Danzig-Langfuhr, wo sie bei einer Schwester von Opa August unterkamen. Einen Bombentreffer überlebten sie im Keller des Hauses und konnten sich sogar selbst aus den Trümmern befreien.
Dass sie zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch lebten, war einem Zufall geschuldet. Denn eigentlich hätten Agnes und Kurt am 30. Januar 1945 an Bord der „Wilhelm Gustloff“ gehen sollen, die am Abend desselben Tages in der eiskalten Ostsee, getroffen von drei sowjetischen Torpedos, sank. Nur 1200 der über 10.000 Passagiere konnten gerettet werden. Doch Kurt war krank geworden, lag mit 40 Grad Fieber im Bett und konnte nicht reisen - welch glückliche Fügung!
Die von August Bialke geleitete Flucht ging weiter über die Weichselmündung, per Schlauchboot nächtens zur Halbinsel Hela, auf den Frachter „Moltkefels“, auf dem sie nach Bombentreffern nur knapp mit dem Leben davonkamen, und mit einem Ausbildungsschiff nach Rostock. Weiter ging es per Bahn in offenen Kohlewagen bis nach Lübeck, wo sie in einen normalen Personenzug umsteigen konnten. Kurt Bialke erinnert sich: „Als wir auf der Rendsburger Hochbrücke waren, sagte mein Opa: Jetzt sind wir in Sicherheit!“
1989 reisten Kurt und Edith erstmals nach Danzig. Auf der Taxifahrt nach Schaplitz erlitt Kurt - wahrscheinlich vor Aufregung - einen Schwächeanfall und musste ins Krankenhaus. Die tapfere Edith fuhr allein mit dem Taxifahrer in das entlegene Dorf. Das Elternhaus ihres Mannes war nicht mehr da - aber die zwei vom kleinen Kurt gepflanzten Linden. Sie sammelte das Laub ein, füllte eine Tüte mit etwas Erde und nahm noch einen Backstein mit. Danach reisten sie bis 2018 noch viermal nach Danzig - „aber mit dem Auto“, wie Kurt betont. Auch die Kinder sind schon mitgereist. Auch 80 Jahre nach Ende des Krieges sind bei Kurt Bialke diese Ereignisse noch sehr präsent. Die Emotionen, die sie beim Erzählen in ihm hervorrufen, sind nicht zu übersehen. Aber sie gehören zu seiner Persönlichkeit.