Berlin „Dafür zahle ich keine Kirchensteuer“: Klöckner fordert Kurskorrektur
Julia Klöckner wirft den Kirchen vor, sich zu oft wie NGOs zu verhalten – und nennt das Tempolimit als Beispiel. Besonders während der Corona-Pandemie hätten sie ihre eigentliche Aufgabe verfehlt.
Zu viel Politik, zu wenig Seelsorge: Auch an den Osterfeiertagen ließ Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) nicht von ihrer Kritik an den Kirchen in Deutschland ab. In einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ warf sie den Kirchen vor, zu häufig Stellung zu tagespolitischen Themen zu beziehen und dabei ihre eigentliche Aufgabe zu vernachlässigen, nämlich Trost, Sinnstiftung und seelische Begleitung zu bieten.
„Wenn Kirche manchmal zu beliebig wird, oder zu tagesaktuellen Themen Stellungnahmen abgibt wie eine NGO und nicht mehr die grundsätzlichen Fragen von Leben und Tod im Blick hat, dann wird sie leider auch austauschbar“, sagte Klöckner.
Die katholische Christdemokratin und frühere Religionslehrerin betonte, sie erwarte von der Kirche keine Positionierungen zu Themen wie einem Tempolimit. „Klar kann sich Kirche auch zu Tempo 130 äußern, aber dafür zahle ich jetzt nicht unbedingt Kirchensteuer“, so Klöckner. Sie wünsche sich stattdessen Antworten auf existenzielle Fragen, etwa zu Leben und Tod, sowie spirituelle Orientierung im Alltag.
Insbesondere während der Corona-Pandemie habe die Kirche ihrer Ansicht nach eine zentrale Chance vertan. Laut Klöckner hätte sie „vielleicht noch einen Tick mehr an Stabilität, mehr an Sinnstiftung und Seelenbegleitung geben können“. Die Kirche habe in dieser Zeit „wirklich eine Chance verpasst“.
Bereits Anfang April hatte Klöckner in einem Interview mit dem kirchlichen Sender „Domradio“ ähnliche Kritik geäußert. Damals sagte sie, Kirchen sollten sich vor allem zu grundsätzlichen Fragen wie dem Anfang und Ende des Lebens äußern, nicht jedoch zu aktuellen politischen Debatten.
Die Äußerungen Klöckners riefen Widerspruch hervor. Der Publizist Heribert Prantl kritisierte beim „Domradio“, die Kirche sei definitionsgemäß eine NGO – „und zwar eine sehr große“. Auch sei das Christentum untrennbar mit politischem Engagement verbunden: „Das Evangelium, die Bergpredigt und die Propheten sind politisch. Von den Propheten kann man sogar sagen, dass sie tagespolitisch waren.“
Auch von Theologen wurde Klöckners Position infrage gestellt. Deutlich widersprach der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller der Kritik in einem Facebook-Beitrag. Religiös motivierte politische Äußerungen seien durch die Religionsfreiheit nach Artikel 4 des Grundgesetzes geschützt. Es gebe keine „inhaltlichen Denkverbote“, die Politiker Kirchen auferlegen könnten.