Hamburg  Ex-Betreuerin aus Heim berichtet: Darum verlor ich meinen Job

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 21.04.2025 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Erika Neumann arbeitete als Betreuerin in sogenannten Verschickungsheimen in der Nachkriegszeit. Foto: Ankea Janßen
Erika Neumann arbeitete als Betreuerin in sogenannten Verschickungsheimen in der Nachkriegszeit. Foto: Ankea Janßen
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In der Hochphase der Kinderverschickungen in den 1960er Jahren arbeitete Erika Neumann als Betreuerin in Heimen in Sankt Peter-Ording. Besonders ein Erlebnis ist ihr in Erinnerung geblieben. Denn es kostete sie ihren Job.

Es ist 65 Jahre her, aber Erika Neumann sagt, sie weiß noch ganz genau, was an einem Tag im November 1960 passierte. Die 83-Jährige habe im Speisesaal des Kinderheims „Heimattreue“ beim Mittagessen gesessen, neben ihr ein kleines Mädchen. „Sie saß rechts von mir und sagte: `Tante, ich kann nicht mehr`.“

Doch nicht aufessen zu können, sei etwas gewesen, was in diesem Heim in Sankt Peter-Ording nicht gestattet war. „Sofort kam die Leiterin, die die Kinder kontrollierte. Gudrun hieß sie. Sie kam von links und befahl: Du isst das jetzt auf. Das Kind aß also weiter und erbrach. Und wieder sagte die Leiterin zu dem Kind: `Das isst du jetzt auf.` Ich war so entsetzt.” 

Dann, so gibt es Neumann wieder und macht dazu eine Handbewegung, habe sie den Teller mit dem Erbrochenen genommen und der Leiterin vor den Bauch geschmissen. „Die schrie mich daraufhin an: `Geh!` Das war mein letzter Tag in der Heimattreue – ich verlor meinen Job.“

Neumann erzählt von diesem Erlebnis, während sie in ihrem Wohnzimmer in ihrer Wohnung in Elmshorn sitzt. Die heute 83-Jährige ist zierlich, ihre Augen sind wach. Um den Hals trägt sie einen bunten Seidenschal. Ihre Worte wählt sie bedacht. „Erbrochenes essen – das haben wir nicht mal im Krieg gemacht“, sagt sie. Noch immer liegt Empörung in ihrer Stimme.

Neumann, die mit Mädchennamen Senger hieß, wuchs in Rendsburg auf. „Es ging uns relativ gut“, sagt sagt sie. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Kinderpflegerin und bewarb sich als 18-Jährige schließlich im Kinderheim „Heimattreue“ in Sankt Peter-Ording in Schleswig-Holstein, das vom Kreis Pinneberg betrieben wurde.

Neumann möchte ihre Erinnerungen und Erfahrungen teilen, weil sie kürzlich einen Artikel unserer Redaktion las. Darin berichtete ein ehemaliges Verschickungskind, dass Kinder gezwungen wurden, Erbrochenes zu essen. Das weckte auch Neumanns Erinnerungen: „Ich habe noch so viele Fotos aus meiner Zeit als Erzieherin und habe immer gedacht, dass sich Menschen darauf vielleicht wiedererkennen.“

Rund zehn Millionen Kinder wurden nach Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die 1990er Jahre verschickt. Allein nach Sankt-Peter-Ording wurden mehr als 300.000 Kinder verschickt. Zeitweise gab es rund 1000 Heime in Deutschland – viele von ihnen an der Nordsee. 

Der Wurf mit dem Teller, so sagt es Neumann heute, „ist der einzige Entlassungsgrund, für den ich mich rühme.“ Keinem Kind habe sie im Heim „Heimattreue“ gerecht werden können. „Ich war allein verantwortlich für eine Gruppe von rund 20 kleinen Mädchen. Jede Nacht hätten diese vor Heimweh geweint und Neumann an ihren Betten gesessen. „Die Leiterin war überhaupt nicht empathisch und hatte keine Ahnung von Kindern.“

Nachdem sie nach gerade mal zweieinhalb Monaten ihre Sachen gepackt und gegangen sei, habe eine Freundin ihr das Kurheim „Goldene Schlüssel“ empfohlen. „Dort wurde ich sofort eingestellt und es war eine absolut tolle Zeit.“ 

Neumann blättert durch ihr Fotoalben, das zahlreiche schwarz-weiß-Aufnahmen von Kindergruppen zeigt. „Ich war verantwortlich für die Jungs. Es gab die Übergewichtigen aus dem Schwarzwald, die abnehmen mussten. Und die Erholungsbedürftigen aus Berlin – die mussten zunehmen.“ Besonders wohlwollende Worte hat Neumann für die damalige Heimleiterin Liesi Gebhardt übrig, die von allem immer nur “Gebchen” genannt wurde. “Es herrschte eine lockere Atmosphäre.”

Im Forum der Verschickungskinder auf der Webseite Verschickungsheime lassen sich unter den Zeugnissen allerdings auch negative Berichte über das Kurheim „Goldene Schlüssel“ finden. Auch Gewaltberichte liegen vor.

Gegründet wurde das Kinderkurheim „Goldene Schlüssel“ 1913 von dem Allgemeinmediziner Richard Felten. 1955 übergab er es an das Deutsche Rote Kreis (DRK). Noch heute betreibt es dort eine Reha-Klinik unter dem Namen.

Lange wurde Felten, der 1943 Bürgermeister von Sankt Peter-Ording wurde, als Wohltäter gefeiert. Erst vergangenes Jahr wurde ihm aufgrund seiner Mitgliedschaft bei der SS und der NSDAP im Dritten Reich die Ehrenbürgerwürde abererkannt. Zudem wurde der „Dr.-Felten-Weg“ im Ortsteil Bad umbenannt. 

Die nationalsozialistische Vergangenheit des Gründers, sie sei nie ein Thema gewesen, sagt Neumann. „Ich war nicht von sehr politischen Menschen umgeben.“ Im Heim sei von Felten nur positiv gesprochen worden. 

Dass in der Nachkriegszeit Millionen Kinder verschickt wurden, sieht sie heute kritisch. „Niemals hätte ich meine eigenen Kinder verschickt.“ Sie sagt aber auch. „Verschickt zu werden, war damals ein Privileg. Es kostete Geld. Die Eltern haben gehofft, dass ihre Kinder eine schöne Zeit am Meer haben und gesund zurückkommen.“ Nach ihrer Zeit in Sankt Peter-Ording. Dann ging sie als Au-pair nach Schweden. „Es war eine kleine Episode in meinem Leben.“ Aber eine, die sie nie vergessen wird.

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