Hamburg  Latife-Arab: Clan-Aussteigerin? Hochstaplerin? Kampagnen-Opfer?

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 17.04.2025 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Die Autorin Latife Arab: Erst galt sie als „Clan-Aussteigerin“, nun wehrt sie sich gegen Zweifel und Betrugsvorwürfe Foto: Tim Prahle
Die Autorin Latife Arab: Erst galt sie als „Clan-Aussteigerin“, nun wehrt sie sich gegen Zweifel und Betrugsvorwürfe Foto: Tim Prahle
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Als „Clan-Aussteigerin“ machte sie bundesweit auf sich aufmerksam. Mittlerweile steht die Glaubwürdigkeit Latife Arabs und ihres Buches auf dem Spiel. Die Autorin wehrt sich. Welche Rolle dabei die Affäre zu einem Spiegel-Autor spielen soll.

Der Name „Latife Arab“ war ein Dreivierteljahr lang vor allem mit einer Erzählung verbunden: Eine Frau wächst in einem Clan auf, steigt trotz Todesangst aus und schreibt ihre Lebensgeschichte auf. 

Mittlerweile lautet es korrekt: „angebliche Clan-Aussteigerin“. Sie soll eine Betrügerin sein. Und das ist nicht die einzige Wendung in diesem Fall. Es geht um „Sex und Crime“, wie ein Beobachter behauptet, um das angeblich verletzte Ego eines angesehenen Journalisten und einen fragwürdig agierenden Buchverlag. Nur um kriminelle Clans geht es immer weniger.  Aber von vorne: 

2024 erscheint das Buch einer Frau, die sich Latife Arab nennt. Es ist ein Pseudonym. Ihr echter Name ist unserer Redaktion bekannt. Das Buch wird knapp 30.000 Mal verkauft. Auf 256 Seiten schildert sie detailliert ein Leben in einer arabischen Großfamilie, schildert Gewalt, Straftaten und ihre Flucht. Wer die Familie ist, bleibt anonym.

Das Buch erscheint als Sachbuch bei Heyne, einem der bekanntesten Verlage Deutschlands. Der Verlag geht mit seiner immer um Anonymität bittenden Autorin auf Promo-Tour. Vielen Leitmedien gibt sie Interviews, das Thema stößt auf öffentliches Interesse. Clans sind verbunden mit Gewalt, Exzessen, spektakulären Raubüberfällen und Einbrüchen. Die Großfamilien gelten als besonders verschwiegen. Jetzt liefert jemand einen mutmaßlichen Insiderbericht.

Auch Spiegel TV berichtet über den Fall. Einer der Reporter beginnt daraufhin mit der Autorin eine Affäre, eine „private Beziehung“, wie es der Spiegel Verlag selbst später beschreiben wird. Dieses Verhältnis von Clan-Aussteigerin und Clan-Reporter wird für Latife Arab ein zu diesem Zeitpunkt nicht absehbares Nachspiel haben.

Jetzt, ein Jahr nach dem Interview mit Spiegel TV, hat Heyne den Vertrieb des Buches eingestellt. Dort ist man auf Latife Arab nicht mehr gut zu sprechen. Auslöser war ein Spiegel-Artikel im Dezember: 

In einem Gemeinschaftswerk von sechs Redakteuren wurde Latife Arab intensiv beleuchtet. Der Tenor: Sie sei vor allem eine Aufschneiderin, die Verwandtschaftsverhältnisse zu großen Clans erfunden habe.

Tatsächlich räumt Latife Arab auch im Gespräch mit unserer Redaktion ein, dass zumindest die direkte Verwandtschaft zu den bekannten kriminellen Clans Al-Zein und Remmo, mit der sie in Hintergrundgesprächen kokettierte, nicht gegeben ist. Sie wisse nicht, was sie zu entsprechenden Andeutungen bewegt habe, sagt sie. Sie sei kein Medienprofi. Im Buch sei es doch vor allem um sie selbst gegangen und das Schlaglicht, das sie auf die Rolle der Mädchen und Frauen in Clans werfen wollte. Weder eine Verwandtschaft zu Al-Zein noch zu Remmo wird im Buch erwähnt.

Fest steht: Auslöser der Spiegel-Recherche war, wie die Redakteure im Artikel selbst schrieben, dass einem Reporter von Spiegel TV Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Latife Arab gekommen seien. Jenem Reporter, der mit ihr über Monate eine Liaison hatte. Die Liaison endete nach Angaben Latife Arabs im September 2024, etwa zwei Monate später folgte die intensiv recherchierte Spiegel-Geschichte.

Interne Chats, die die Redaktion einsehen konnte, weisen darauf hin, dass es die Autorin war, die die Beziehung beendete. Wollte der mutmaßlich verschmähte Reporter sich deswegen mit der Geschichte rächen?  Der Spiegel weist das von sich: Auf die Geschichte habe die private Beziehung keinen Einfluss gehabt, heißt es auf Anfrage. Der fragliche Reporter habe selbst nicht am Artikel mitgeschrieben.

Latife Arab sieht hingegen eine klare Schlagseite bei der Recherche zu ihren Ungunsten und eine klare rufschädigende Tendenz. Die Autorin beginnt, sich zu wehren. Der Medienanwalt Dominik Höch geht gegen die Spiegel-Berichterstattung vor und bekommt in Teilen vom Landgericht Hamburg recht. 

Im Kern geht es dabei um eine Passage: Im Herbst 2024 ist Latife Arab nach eigenen Angaben überfallen, verprügelt und mit Benzin übergossen worden. Zu den Tätern machte sie keine Angaben, auch nicht gegenüber den Sicherheitsbehörden. Die Spiegel-Redaktion zieht zunächst den Überfall als Ganzes in Zweifel, beruft sich dabei auf Berliner Sicherheitskreise. Dafür gebe es keine ausreichenden Belege, sagt das Landgericht und verbietet entsprechende Passagen.

Die Stellen im Spiegel-Artikel, in denen ein Vortäuschen des Überfalls durch Latife Arab suggeriert wird, müssen vom Spiegel nach der Klage und dem Urteil durch das Landgericht Hamburg verändert werden.

„Ein Teil der Vorwürfe gegen meine Mandantin geht auf Schilderungen dieses Journalisten zurück. Diese Hergänge machen schon nachdenklich“, so Arabs Anwalt Dominik Höch zum Spiegel-Artikel. Und weiter: „Man könnte den Eindruck bekommen, der Spiegel würde gerne von dem unprofessionellen Verhalten des Journalisten ablenken und eine andere Person in den Fokus stellen.“

Der Vorwurf hat es in sich. Impliziert er doch, dass ein renommiertes Magazin wie der Spiegel ein ganzes Recherche-Team losgejagt haben könnte, um den Ruf eines Mitarbeiters zu retten. Oder gar: weil dieser durch das Ende der Beziehung gekränkt worden sei. Die nüchterne Gegenthese wäre, dass eine Redaktion Hinweise bekommen hat und dieser pflichtbewusst nachgegangen ist. 

An der Darstellung, dass es sowohl am Überfall vom 11. September 2024 als auch an der Familienzugehörigkeit Zweifel gibt, hält das Magazin aus Hamburg jedenfalls fest. Die Ermittlungen zum Überfall stellte die Generalstaatsanwaltschaft Berlin im April 2025 ein. Die Zweifel aus der Spiegel-Geschichte scheinen sich damit zu bestätigen: Die Ermittler äußerten Zweifel, ob sich die Tat überhaupt zugetragen habe. Untersuchungen gegen Latife Arab, etwa aufgrund des Vortäuschens einer Straftat, gebe es allerdings nicht, heißt es auf Anfrage unserer Redaktion. 

Und eine Frage bleibt: Warum hätte Arab einen Überfall auf sie im September vortäuschen sollen? Zumal sie selbst damit nicht an die Öffentlichkeit ging, sondern der Vorfall erst einen Monat nach der Tat von Behörden an Berliner Medien durchgestochen worden war.

Klar ist: Der Spiegel hat mit seiner Berichterstattung ein dickes Fragezeichen hinter die Glaubwürdigkeit und das Buch von Latife Arab gesetzt. Und die Betroffene legt nun selbst harte Bandagen an, um den eigenen Ruf wiederherzustellen. Neben der anwaltlichen Beratung gehört zu den Unterstützern Latife Arabs auch ein Mann, der in der Welt der Clan-Beobachter durchaus bekannt ist: Thomas Ganz, gerne zitierter Clan-Experte und Kriminalhauptkommissar außer Dienst aus Niedersachsen.

Wenn Thomas Ganz über die Auseinandersetzung von Latife Arab, dem Heyne Verlag und dem Spiegel spricht, wird er schnell sauer. Die Autorin hatte sich Hilfe suchend an ihn gewandt, Ganz ist von ihrer Glaubwürdigkeit überzeugt. 

„Latife Arab ist keine Heilige. Ja, sie hat Fehler gemacht“, sagt er mit Blick auf eine durch die Autorin suggerierte nahe Verwandtschaft zu den Familien Al-Zein und Remmo. Doch das rechtfertige nicht, „was der Spiegel und ihr eigener Verlag hier bis heute rufschädigend in aller Öffentlichkeit verbreiten“. Ganz spricht mit Blick auf den Spiegel-Reporter von „absolut unverständlichen Grenzüberschreitungen“ eines „offensichtlich verschmähten Liebhabers, der ganz offensichtlich Privates und Berufliches nicht trennen kann“.

Thomas Ganz nutzte seine eigenen Kontakte in die Sicherheits- und Ausländerbehörden, forschte im Auftrag der Autorin Arabs Familiengeschichte nach und erstellte ein Gutachten zu ihrer Herkunft. Demnach sei Arabs Familie durchaus mit den Al-Zeins verwandt. Nicht in direkter, aber in entfernter Verwandtschaft. 

Ganz geht in sozialen Netzwerken den Spiegel und den Reporter direkt an, veröffentlicht private Details und legt nahe, dass der Spiegel-TV-Reporter entgegen Arabs Wünschen weiter Kontakt zu ihr suchte. Medienanwalt Dominik Höch betont auf Nachfrage zumindest, dass man den besagten Reporter zumindest „nachhaltig darum gebeten habe, von einer Kontaktaufnahme mit unserer Mandantin Abstand zu nehmen“.

Der Spiegel-TV-Reporter selbst verweist auf unsere Anfrage darauf, dass es sich bei der ganzen Angelegenheit um eine Privatangelegenheit handele und sein Arbeitgeber Fragen zum Fall beantworte. Will das Magazin gegen die öffentlich getätigten und im Falle der Unwahrheit rufschädigenden Behauptungen gegen den eigenen Mitarbeiter vorgehen? Das ließ das Magazin auch auf Nachfrage unbeantwortet.

Als wären die gegenseitigen Vorwürfe von Spiegel und den Unterstützern von Latife Arab nicht schon undurchsichtig genug, bleibt auch die Rolle des Heyne Verlages weiter unklar. Entweder hat er die eigene Autorin sehr schnell fallen gelassen oder er ist einer Betrügerin aufgesessen.

Laut Verlag habe die Autorin vor Erscheinen des Buches Ausweiskopien vorgelegt. Latife Arab bestreitet das. Doch hätten Ausweiskopien ohne genauere Prüfung überhaupt gereicht, um ein Sachbuch zu publizieren, in dem eine Insiderin aus dem Leben in einem kriminellen Clan erzählt? Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Buches bürgte Heyne noch für die Authentizität der Geschichte. 

Erst nach der Spiegel-Berichterstattung verlangte der Verlag nach eigenen Angaben „eindeutigere Dokumente“ zur Herkunft der Autorin. Heyne teilt nach mehrfacher Anfrage mit, dass die Autorin innerhalb einer Frist die erbetenen Belege zur Herkunft nicht vorgelegt habe. Daher wurde der Vertrieb im März 2025 eingestellt. „Über mögliche weitere Konsequenzen werden wir zu gegebener Zeit beschließen.“

Weitere Fragen ließ der Verlag unbeantwortet. Warum die Seite Latife Arabs die Identitätsnachweise dem Verlag nicht einfach vorlegte, bleibt unklar. Ihr Anwalt ließ mitteilen, dass sie sich nicht in der Pflicht sehe, Angaben zu ihrer Identität zu verifizieren. Diese hätten beim Zustandekommen des Buches „keine nachhaltige Relevanz gehabt“.

„Ich wollte einfach immer nur meine Geschichte erzählen“, sagt Latife Arab unserer Redaktion. Stattdessen haben die Affäre zu einem Spiegel-Reporter, eigene Unwahrheiten bezüglich ihrer Identität und ihr Kampf um die eigene Deutungshoheit nun eine ganz neue Geschichte kreiert, die längst nicht auserzählt ist. 

Ihr Anwalt Dominik Höch prüft, gegen den gesamten Spiegel-Artikel presserechtlich vorzugehen anstatt nur gegen Passagen. Der Spiegel prüft seinerseits, ob man gegen den Beschluss vom Landgericht vorgeht, heißt es auf Anfrage.

Und Arabs Berater Thomas Ganz lässt keinen Zweifel daran, weiter zu den Hintergründen der „Medienkampagne“ zu forschen, um „die Reputation Arabs wieder herzustellen”. Gegen die Staatsanwaltschaft Berlin, die nun ebenfalls den Überfall auf Latife Arab aus dem September in Zweifel zieht, teilt Ganz ebenfalls aus. „Es handelte sich zweifelsfrei um eine Straftat im Milieu der Clankriminalität“, ist er sich sicher.

Bei diesem Kriminalitätsphänomen sei es nichts Ungewöhnliches, dass Ermittlungen aus Mangel an Beweisen eingestellt würden. „Daraus aber abzuleiten, unsere Mandantin habe ‚gelogen‘ oder den Überfall ‚frei erfunden‘ oder der Überfall habe gar nicht stattgefunden, ist nichts anderes als eine nicht zu tolerierende Vorverurteilung“, so Ganz weiter.

Der Autorin mit dem Pseudonym Latife Arab hat der ehemalige Kriminalhauptkommissar eine Bedingung gestellt: „Sollte sie mich einmal anlügen oder mir die Wahrheit zu bestimmten Abläufen dieser Geschichte vorenthalten, dann würde unsere Zusammenarbeit sofort enden. Bis heute hat sich die Autorin diesbezüglich mir gegenüber tadellos verhalten.“

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