Hamburg „Es war eine herrliche Zeit”: Diese positiven Erinnerungen haben Verschickungskinder
Ausflüge an den Strand, Abende am Lagerfeuer und der erste Kinofilm: Verschickungskinder berichten von einer unbeschwerten Zeit weit weg von der Familie. Das haben sie erlebt.
Millionen Kinder wurden in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg verschickt. Inzwischen zeigen mehrere Studien, dass Verschickungskinder immer wieder traumatische Erfahrungen gemacht haben. Aber es gibt auch andere Berichte. So erinnern unsere Leser sich an die Zeit.
„Ich bin 1963 als Zehnjährige nach Glatten in den Schwarzwald geschickt worden. Mein Vater war Flüchtling aus Schlesien, meine Mutter wurde in Bremen ausgebombt. Nach dem Krieg sind meine Eltern im Osnabrücker Land gelandet und wir lebten in sehr einfachen Verhältnissen. Meine Mutter erwartete im Herbst 1963 das sechste Kind und ich war die Älteste. Damit ich mich nicht um den ganzen Haushalt kümmern musste, hat meine Mutter dafür gesorgt, dass ich verschickt wurde.
Es war eine herrliche Zeit dort. Es wurden Modenschauen veranstaltet, Geschichten vorgelesen und wir haben alle gemeinsam am Lagerfeuer gesungen. Für mich war es aufregend, mit vielen gleichaltrigen Kindern jeden Tag was Neues zu erleben. Urlaub gab es ja nicht, die Verschickung war also in dieser Hinsicht eine einmalige Erfahrung.
Natürlich hatte ich auch mal Heimweh und habe beim Mittagsschlaf geweint, aber das verging. Ich wusste, dass ich wieder nach Hause fahre. Dort ist dann in den sechs Wochen mein kleiner Bruder geboren worden. Ich denke immer wieder gerne an die Zeit zurück. Das war meine erste Reise ohne Eltern, es hat mich gestärkt für mein Leben.”
„Ich bin mit sechs Jahren nach Villingen in den Schwarzwald und mit sieben Jahren auf die Insel Spiekeroog verschickt worden. Die erste Verschickung war 1951, da wurde ich nachts mit dem Rad zum Bahnhof Osnabrück gebracht worden, Autos hatte ja kaum jemand. Am nächsten Tag bin ich im Schwarzwald angekommen und es war einfach herrlich. Wir sind mit dem Bus an den Titisee gefahren und haben dort gebadet, auch im Schwimmbad waren wir regelmäßig. Außerdem haben wir jeden Tag im Wald gespielt und abends eine Suppe aus den Beeren gemacht, die wir gesammelt haben. An meine zweite Verschickung habe ich nicht mehr so viele Erinnerungen, ich erinnere mich aber an nichts Schlechtes.
Ich hatte kein Heimweh und war ehrlich gesagt froh, dass ich weg war. Damals waren Schläge normal – auch in meiner Familie. Als Kind musste man gehorchen und hatte nichts zu melden. In den Kinderheimen habe ich keine körperlichen Strafen oder harte Erziehungsmethoden erlebt. Natürlich herrschte in den Heimen eine gewisse Strenge und der Alltag war mit Mittagsschlaf und so weiter geregelt. Aber ich fand das gut und erinnere mich gerne an die Zeit zurück.”
„Ich wurde 1962 mit sechs Jahren aus dem Emsland nach Norderney verschickt, 1967 war ich ein zweites Mal dort. Ich hatte eine asthmatische Bronchitis und der Arzt hat deswegen die Kur verschrieben. Ich erinnere mich gerne an die Zeit – an das Wellenbad, die Leuchtturmbesteigungen, die Spiele im Grünen Saal. Bei der zweiten Verschickung habe ich meinen ersten Kinofilm gesehen – „Der Schatz im Silbersee” von Karl May. Zu manchen Kindern in der Kur hielt ich jahrelang Kontakt.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir, wie erstaunt eine Erzieherin war, dass ich anfangs nur Plattdeutsch sprach. Jahre später, bei der Wiederholungskur, wusste sie das noch.
Ja, es gab klare Regeln: Mittagsschlaf war Pflicht, abends wurde kontrolliert, ob wir schliefen. Was auf den Tisch kam, musste gegessen werden. Körperliche Gewalt habe ich auf Norderney nie erlebt oder beobachtet. Man darf aber auch nicht vergessen: Es waren die 1960er Jahre, damals waren körperliche Strafen zu Hause und auch in der Schule keine Seltenheit.
Natürlich hatte ich auch mal Heimweh, aber das verging auch wieder. Ich kann verstehen, dass es keinen Kontakt zu den Eltern geben sollte. Wir wissen doch alle von unseren Kindern, wenn die in den Ferien waren, was da ein solch elterlicher Kontakt an Heimweh auslöst.”