Hamburg Verschickungskinder erzählen: „Die sechs Wochen kamen mir wie sechs Jahre vor“
Essenszwang, Toilettenverbot und Schläge – Verschickungskinder berichten vom blanken Horror in den Heimen. Andere erinnern sich an eine unbeschwerte Zeit und ihr Kurort wurde zum geliebten Reiseziel. Das berichten unsere Leser.
Rund zehn Millionen Kinder sollen nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1990er Jahre verschickt worden sein. In den vielen Heilstätten in ganz Deutschland sollten sie aufgepäppelt werden, an Gewicht zunehmen oder Krankheiten auskurieren. Bislang ist wenig über dieses Kapitel bekannt. Erst seit einigen Jahren melden sich immer mehr Zeitzeugen zu Wort.
Auch unsere Redaktion hat gefragt, ob Sie als Kind verschickt wurden und daraufhin Dutzende Mails und Briefe erhalten. Andere schilderten in den sozialen Netzwerken ihre Erfahrungen.
Die Erfahrungen reichen von erschütternden Berichten über Demütigungen bis zu glücklichen Kindheitserinnerungen an Spiele am Strand. Viele Verschickungskinder haben keine Unterlagen und daher nichts weiter als Erinnerungen, die sich kaum überprüfen lassen.
Von diesen Erlebnissen berichten sie:
Waltraud Schürmeyer erinnert sich, dass sie mit sechs Jahren nach Sankt Peter-Ording verschickt wurde. In sechs Wochen sollte sie eine chronische Lungenentzündung auskurieren. Doch Schürmeyer erinnert sich an eine furchtbare Zeit. Sie sei eine gute Esserin gewesen, wenn sie aber zu Hause satt war, musste sie nicht weiteressen. „Dort in St. Peter aber musste ich essen und habe einige Male gewürgt und erbrochen. Andere Kinder mussten selbst das Erbrochene aufessen. Warum ich das nicht musste, weiß ich nicht mehr“, schreibt sie.
Bei einem Strandbesuch sollte ihr von den „Tanten“ – den Betreuerinnen – das Schwimmen beigebracht werden. Sie schluckte Wasser und verlor die Orientierung. Hilfe soll sie nicht erhalten haben: „Die Tanten waren zurückgeblieben, lachten laut, das hörte ich. Ich konnte nicht glauben, dass sie mich einfach so der Nordsee überlassen wollten, dachte an meine Mutter, die ich nicht mehr wiedersehen würde.”
Essen bis zum Erbrechen – davon ist in den Zuschriften immer wieder die Rede. Eine Leserin wurde 1972 nach Torfhaus in den Harz geschickt, sie sollte in dieser Zeit zunehmen. In dem Heim habe sie alle Mahlzeiten aufessen müssen. „Es gab jeden Tag eine Milchsuppe, die mit Sahne angereichert war, wir mussten so lange essen und sitzenbleiben bis die Suppe gegessen war, wenn ich mich übergeben hatte, musste ich es weiter essen inklusive dem Erbrochenen”, schreibt sie.
„Ich musste oft erbrechen, dann kam eine Nonne und stopfte mir das Erbrochene wieder in den Mund. Noch heute träume ich davon“, erinnert sich Gaby Zoannou. Im Alter von fünf Jahren wurde sie nach Juist geschickt. „Es war die Hölle. Ich war danach ein anderes Kind. Die sechs Wochen kamen mir wie sechs Jahre vor.“
Ein Leser wurde 1967 als Elfjähriger nach Bad Sachsa verschickt. Er sei regelrecht gemästet worden. Als ein Junge abgenommen habe, sei er verprügelt worden. An den Hausmeister hat er schlimme Erinnerungen. Einmal zerrte er mich in seinen Geräteschuppen, begrabschte mich und küsste mich auf den Mund. Anschließend forderte er mich auf, ihn ebenfalls zu küssen. Ich konnte mich losreißen und aus dem Schuppen entkommen.” Noch heute erinnere er sich an den Geruch des Schuppens.
Was sich in den Heimen ereignet haben soll, haben die Eltern meist nicht erfahren. Mehrere Leser erinnern sich an die Zensur ihrer Briefe an die Familie. „Briefe nach zu Hause wurden zensiert, man durfte nur ‚Schönes‘ schreiben, auf keinen Fall Heimweh oder Missstände zum Thema machen“, schreibt eine Leserin.
Auch an ähnliche Strafen erinnern sich Leser, die in unterschiedlichen Heimen untergebracht waren. So sollen Kinder, die sich zur Schlafenszeit noch unterhalten haben, zur Strafe aus dem Zimmer geholt worden sein. „Wegen angeblich zu lauter Unterhaltung vor dem Einschlafen mussten alle Kinder des Zimmers (sechs oder acht Kinder) die gesamte Nacht, bis zum Wecken, im Flur stehen. Wir durften uns weder hinsetzen noch anlehnen“, schreibt an Leser. Auch erhielten Bettnässer keine neue Kleidung.
Unter die negativen Berichte mischen sich allerdings auch positive. Mit „herrlich“ überschreibt eine Leserin ihre Verschickung. Sie wurde nach Glatten bei Freudenstadt verschickt. Ihre Familie habe nach dem Krieg in sehr einfachen Verhältnissen gelebt. In der Kur habe sie mit anderen Kindern gespielt, gewandert und gebastelt. „Ich habe schon oft an diese Zeit zurückgedacht, denn es war meine erste große Reise, dazu ohne Eltern. Das hat mich auch gestärkt für mein Leben“, schreibt sie.
Auch Ursula Keusgen hat ihre beiden Verschickungen in guter Erinnerung. „Beide Male war alles wunderschön“, schreibt sie auf Facebook. Sie habe vom Schlafraum den Schnee auf der Zugspitze gesehen und sei gut versorgt worden.
Eine Leserin wurde gemeinsam mit ihrer Schwester 1967 nach Sylt verschickt. Sie habe keine schlechten Erinnerungen an das Essen. Die Zeit hat sie als so schön empfunden, dass ihr Vater einen Wohnwagen kaufte und die Familie fortan ihren Urlaub an der Nordsee verbrachte. Paul Wewi erinnert sich wie folgt zurück: „Es hat mir so gut gefallen, dass ich nicht nach Hause zurückkehren wollte.“