Osnabrück Geheimoperation Bletchley Park: Wie Englands klügste Köpfe den Krieg entschieden
„Da sind immer mehr Schiffe auf dem Meer. Wir stehen feindlichen Angriffen gegenüber, erwarten weitere Anweisungen.“ Dies war eine von unzähligen Nachrichten der deutschen Wehrmacht, die die Briten abfingen und entschlüsselten. Wie konnte das gelingen?
Der Funkspruch stammte vom 6. Juni 1944, als die Landung der Alliierten in der Normandie begann und bewies, dass Ort und Zeitpunkt der Invasion die Deutschen wirklich überraschten. Ein Erfolg der geballten britischen Intelligenz, die auf einem Landsitz 70 Kilometer nordwestlich von London zusammengezogen worden war.
Das Areal hieß Bletchley Park und lag in der Grafschaft Buckinghamshire. Es bestand neben dem Haupthaus aus vielen Huts, also Baracken, in denen im Jahr 1944 um die 8.000 Menschen arbeiteten, darunter sehr viele Frauen. Sie leisteten wichtige Hilfsdienste für die Wissenschaftler. Die besten britischen Krypto-Analytiker, Mathematiker, Historiker, Germanisten und sogar Schachmeister arbeiteten dort mehr oder weniger freiwillig während des gesamten Zweiten Weltkriegs, abgelegen und streng geheim.
Einer von ihnen war das Genie Alan Turing. Er sollte zusammen mit Gordon Welchman und Hugh Alexander im „Club der Denker“ die deutsche Maschine Enigma, die alle Nachrichten der Wehrmacht verschlüsselte, knacken. Sie hatte knapp 160 Millionen Möglichkeiten. Die Polen hatten erste Vorarbeit geleistet und Turing sagte kryptisch: „Wenn eine Maschine unfehlbar ist, kann sie nicht auch intelligent sein.“
Sie schafften es mit der so genannten „Turing-Bombe“ und brachten dadurch den Alliierten 1940 bei der Luftschlacht um England, in Afrika und auf dem Atlantik entscheidende Vorteile, die den Krieg sicherlich verkürzt haben. Die Briten teilten wichtige Erkenntnisse auch mit der Sowjetunion, die ihrerseits einen Spion in Bletchley hatte.
Die Station X und ihre großen Antennen waren das Herz der Denkfabrik. Hier wurden die verschlüsselten Enigma-Nachrichten der Deutschen abgefangen und dann „übersetzt“. Da sich die deutsche Wehrmacht in der Regel kurzfasste und oft ähnlich mit einem Wetterbericht begann, hatte die „Turing- Company“ einen guten Ansatzpunkt.
Erst 1973, also 28 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, machte die britische Regiering das Projekt „Bletchley Park“, kurz „B.P.“, öffentlich und auch den mutmaßlichen Selbstmord von Alan Turing im Jahr 1954. Der Geheimdienst hatte ihn wegen seiner Homosexualität unter Druck gesetzt.
Heute ist „B.P.“ ein Museum inklusive der deutschen Enigma-Maschine. Der Stoff ist mehrfach verfilmt worden. Seit 2014 gibt es auch bei uns die britische Fernsehserie „The Bletchley Circle“ über vier Analytikerinnen nach dem Krieg. Sie entschlüsseln keine Nachrichten mehr, sondern lösen auf ihre Weise Mordfälle. Spannende Unterhaltung.