Osnabrück Die fünf Leben der Anita Lasker-Wallfisch: Bis heute sieht sie sich als „Glückskind“
Sie hat fast 50 Jahre lang keinen Fuß mehr auf deutschen Boden gesetzt. Anita Lasker-Wallfisch ist eine der letzten Überlebenden des Konzentrationslagers von Auschwitz. Zufälle, Durchhaltewillen und die Musik haben dieser Frau gleich mehrere Leben geschenkt.
Anita Lasker-Wallfisch wird am 17. Juli 1925 in Breslau in eine mehr deutsche als jüdische Familie geboren. Der Vater ist Rechtsanwalt, die Mutter Geigerin. Von ihr erbt sie die Liebe zur Musik und lernt Cello. Ende 1939 geht ihre Schwester Marianne mit einem Kindertransport nach England. Die Eltern werden 1942 deportiert und ermordet.
Zusammen mit ihrer zweiten Schwester Renate kommt Anita in ein Waisenhaus. Beide müssen in einer Papierfabrik Zwangsarbeit leisten, fälschen eigenhändig Pässe, fliegen auf und werden wegen Urkundenfälschung verurteilt. Ein erstes Glück. Denn so kommen Anita und später auch Renate 1943 nicht als Juden, sondern „nur“ als Kriminelle ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und werden nicht sofort vergast.
Der zweite Zufall. In Auschwitz gibt es das einzige Mädchenorchester in einem deutschen Konzentrationslager. „Es brauchte noch tiefe Töne“, erinnert sich Anita, jetzt Häftling 69388. Das Cello im Lager hat zwar nur drei Saiten, ist aber erst einmal eine Lebensversicherung, bis Anita an Typhus erkrankt und wie durch ein Wunder überlebt.
Das nächste Leben beginnt im November 1944 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Vor der anrückenden Roten Armee wurde das KZ Auschwitz hektisch „umgesiedelt“. Dort in Bergen-Belsen sind die Verhältnisse durch die Auflösungserscheinungen des Nazi-Regimes noch dramatischer. Es fehlen Wasser und Nahrung, aber sie schafft es wieder.
Am 15. April 1945 wird das KZ von den Briten befreit. Jetzt beginnt ihr viertes Leben. In einem denkwürdigen Interview für das BBC-Radio berichtet die 19-jährige noch in Bergen-Belsen schonungslos über Leben und Tod in den Lagern.
Ein Jahr später wandert Anita Lasker-Wallfisch nach England aus und will nie mehr zurück: „Mein Hass auf alles Deutsche war grenzenlos.“ Sie ist Mitbegründerin des Londoner English Chamber Orchestra, wird eine bekannte Cellistin, heiratet und bekommt zwei Kinder. Nach fast 50 Jahren ändert Anita ihre Meinung zu Deutschland: „Hass ist ganz einfach ein Gift, und letzten Endes vergiftet man sich selbst.“
In ihrem fünften Leben besucht sie ab 1994 regelmäßig das vereinte Deutschland, hält Vorträge in Schulen, im Bundestag, gibt Interviews und ist Protagonistin mehrerer Dokumentarfilme. Alles gegen das Vergessen. Dabei betont sie immer wieder: „Ich war und bin ein Glückskind“. Sie lebt weiterhin in London und freut sich im Juli auf ihren 100. Geburtstag.