Osnabrück Der Bruderkampf – Deutsche gegen Deutsche in den Gebirgen Frankreichs
Als Kommunisten geflüchtet, stellten sie sich im Zweiten Weltkrieg dem Kampf gegen ihr Heimatland. 1944 machten sich 2.000 gut bewaffnete SS-Soldaten auf den Weg ins schwer zugängliche Cevennen-Gebirge, um ihren Widerstand zu zerschlagen.
Sie waren beide aus Deutschland geflüchtete Kommunisten. Otto Kühne und Max Dankner hatten bereits 1938/39 im spanischen Bürgerkrieg in den Internationalen Brigaden gegen den Diktator Franco gekämpft. Nach der Besetzung Frankreichs 1940 durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg schlossen sich beide der Résistance an, der französischen Widerstandsbewegung.
Nachdem Nazideutschland Frankreich militärisch besiegt hatte, gab es eine Arbeitsteilung zwischen den deutschen Besatzern im Norden und dem kollaborierenden Vichy-Regime im Süden des Landes. So konnte sich der französische Widerstand anfangs noch einigermaßen ungestört in Südfrankreich sammeln und aufbauen.
Das zerklüftete und schwer zugängliche Cevennen-Gebirge im südöstlichen Teil des französischen Zentralmassivs war ein idealer Rückzugsraum für viele Widerstandsgruppen. Denn Aufruhr und Rebellion hatten hier eine lange Tradition. In den landwirtschaftlich geprägten Dörfern lebten viele Hugenotten, also französische Protestanten. Sie nannten sich Kamisarden und hatten schon 1702 gegen den Sonnenkönig Ludwig XIV. revoltiert.
Als 1943/44 die Attacken und Anschläge der Résistance gegen die Wehrmacht und die Vichy-Polizei immer zahlreicher und massiver wurden, machten sich 2.000 gut bewaffnete SS-Soldaten auf den Weg in die Cevennen. Sie griffen dort am 12. April 1944 ein Ausbildungslager des Widerstandes an, in dem sich etwa 120 Kämpfer, darunter 30 Deutsche, verschanzt hatten, auch Otto Kühne und Max Dankner.
So standen sich Deutsche auf beiden Seiten im Bruderkampf gegenüber. Trotz der Übermacht schafften es die SS-Einheiten nicht, das Lager einzunehmen. Ihr schweres Gerät war in der Bergregion ohnehin unbrauchbar. In einer Nacht- und Nebelaktion gelang den Widerstandskämpfern auch mithilfe der Bevölkerung die Flucht durch die SS-Linien. Sie hatten dabei nur wenige Opfer zu beklagen. Auch Kühne und Dankner überlebten den Ausbruch.
Doch in den nächsten Wochen und Monaten gingen die deutschen Besatzungstruppen immer härter und brutaler gegen den französischen Widerstand vor. Selten wurden dabei Gefangene gemacht. Gerieten Mitglieder der Résistance in die Hände der SS, war das fast immer ihr Todesurteil. Für die Deutschen waren sie keine Soldaten, sondern Terroristen, auch die Landsleute.
Otto Kühne war später noch an der Befreiung der Stadt Nîmes beteiligt, ging nach dem Krieg in die DDR und war ab 1949 Oberbürgermeister der Stadt Brandenburg an der Havel. Er musste 1953 zurücktreten, weil er beim Aufstand des 17. Juni 1953 nicht linientreu genug gewesen war. Er starb zwei Jahre später.
Max Dankner ging ebenfalls in die DDR, arbeitete für die Einheitspartei SED und die Gewerkschaft. 1967 wurde er ausgemustert, weil er Kritik am Arbeiter- und Bauernstaat geäußert hatte. Er erlebte die Wiedervereinigung noch und starb 1992 in Halle.