Osnabrück Das Wunder von Dieulefit: 1500 Verfolgte versteckt, beschützt und vor dem KZ gerettet
Dieulefit ist ein kleines Dorf im Südosten Frankreichs – und das wahrscheinlich mutigste. In einem beispiellosen Akt von Menschlichkeit leistet die Gemeinde passiven Widerstand und versteckte während des Zweiten Weltkriegs 1.500 Flüchtlinge. Kein einziger wird denunziert.
Dieulefit, ein landwirtschaftlich geprägter Luftkurort, 30 km östlich der Rhone im Departement Drôme gelegen, hat im Zweiten Weltkrieg rund 3.000 Einwohner. Am Anfang dieser selbstlosen Willkommenskultur stehen vier Frauen: Marguerite Soubeyrand, Catherine Krafft und Simone Monnier leiten gemeinsam eine liberale Reformschule. Sie nehmen zunächst Kinder aus dem Spanischen Bürgerkrieg auf, später auch jüdische Kinder und Kinder von Mitgliedern der Resistance, der französischen Widerstandsbewegung.
Die vierte im Bunde ist Jeanne Barnier, Sekretärin im Rathaus von Dieulefit. Sie fälscht mehr als 1.000 Ausweise, weil sie nach ersten Gewissensbissen zu der Überzeugung gelangt: „Das Schwierigste ist nicht, seine Pflicht zu tun - das Schwierigste ist zu wissen, was seine Pflicht ist.“ Der Bürgermeister, eigentlich Teil des Vichy-Regimes, das im Süden Frankreichs mit den Deutschen zusammenarbeitet, deckt seine Sekretärin, was erst neuere Forschungen belegen.
So leben von 1940 bis 1944 unglaubliche 1.500 Flüchtlinge in dieser kleinen Gemeinde und deren Umgebung. Die Unterbringung ist ein Problem. Aber die Menschen müssen auch in Kriegszeiten ernährt werden. Dabei tun sich zwei flüchtige deutsche Kommunisten hervor: Ella Schwarz und Hermann Nuding. Sie holen viele Bauern ins Boot des zivilen „Rettungswiderstands“ und organisieren die Verteilung von Lebensmitteln.
Natürlich haben nicht jeder Bauer und jeder Einwohner des Ortes aktiv mitgemacht und Widerstand geleistet. Doch obwohl das Vichy-Regime mit Geldprämien für Denunziationen lockt, wird kein einziger Flüchtling in den vier Jahren verraten. Das ist das eigentliche Wunder von Dieulefit. Der bekannte französische Dichter Louis Aragon ist einer der geretteten Flüchtlinge und bedankt sich mit diesen Worten: „Ihr habt das Licht der Freiheit bewahrt, als der Arm des Würgeengels nach uns griff.“
Am 21. August 1944 befreit die US-Armee das Dorf. Kurz zuvor hat es noch wenige Kilometer entfernt Massenerschießungen durch die Wehrmacht gegeben. Dieulefit, was wörtlich übersetzt „Gott hat es gemacht“ heißt, hat auch das Glück der Mutigen.
Bis heute bewahrt das Städtchen seine weltoffene und liberale Einstellung. Rechtspopulistische Parteien haben es dort schwer und erzielen Wahlergebnisse, die weit unter dem Landesdurchschnitt liegen. Seit mehr als 50 Jahren hat Dieulefit eine Gemeindepartnerschaft mit der hessischen Stadt Lich.