Osnabrück  Babys nie schütteln! Marienhospital zeigt in Osnabrück mit Puppe die tödlichen Folgen

Sandra Dorn
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Von Sandra Dorn
| 11.04.2025 06:43 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Nur wenige Sekunden Schütteln reichen aus, um das Hirn des Babys für immer zu schädigen. In Osnabrück verfügt der Niels-Stensen-Klinik-Verbund nun über eine Schüttelpuppe für Schulungen. Foto: Detlef Heese
Nur wenige Sekunden Schütteln reichen aus, um das Hirn des Babys für immer zu schädigen. In Osnabrück verfügt der Niels-Stensen-Klinik-Verbund nun über eine Schüttelpuppe für Schulungen. Foto: Detlef Heese
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Nur wenige Sekunden Schütteln reichen aus, um bei einem schreienden Baby schwerste Behinderungen zu verursachen – bis hin zum Tod. Am Niels-Stensen-Bildungszentrum in Osnabrück ist jetzt eine Schüttelpuppe im Einsatz, die die Folgen drastisch verdeutlicht.

Katharina Lahrmann schüttelt die schreiende Babypuppe gar nicht lange und auch nicht besonders stark, vielleicht vier Sekunden lang. Dann ist es still – und im Kopf der Puppe blinken diverse Dioden. Sie zeigen die Hirnregionen an, die soeben durch das kurze Schütteln irreparabel geschädigt wurden.

Würde es sich um ein echtes, etwa drei Monate altes Baby handeln, hätte das Kind dieses Schütteln wahrscheinlich nicht überlebt, sagt Lahrmann, die Lehrerin am Osnabrücker Niels-Stensen-Bildungszentrum ist. Mindestens wären lebenslange Behinderungen die Folge. Lahrmann betont: „Jedes Schüttelereignis hat das Potenzial, tödlich zu sein.“

Es komme vor, dass die Eltern das Kind nach dem Schütteln ablegen und zunächst gar nicht bemerken, dass es im Kopf bereits blute. Wenn sie dann nach zwei, drei Tagen mit dem Baby in die Notaufnahme kämen, „dann ist es zu spät“, so Lahrmann.

Es komme beispielsweise zu

„Letztendlich ist es eine Kindesmisshandlung“, sagen Lahrmann und ihre Kollegin Ursula Frankenberg, die bis voriges Jahr die Geburtsstation im Marienhospital geleitet hat.

Die Schüttelpuppe kommt sowohl in der Ausbildung von ärztlichen und pflegerischen Fachkräften zum Einsatz als auch in Erste-Hilfe-Kursen für Eltern und Großeltern, die Frankenberg vor 35 Jahren konzipiert hat. Die Puppe ist ein Geschenk der Werbegemeinschaft der Kamp-Promenade.

Das erste Baby sei für die meisten Eltern nicht nur das pure Glück, sondern auch eine Überforderung, sagt Katharina Lahrmann. „Vielen werdenden Eltern ist gar nicht klar, was auf sie zukommt.“ Ein Baby bringe das familiäre Gefüge durcheinander, hinzu kommen Schlafmangel und die Hormonumstellung bei der Mutter.

Wenn das Baby dann auch noch durchgängig schreit und sich durch nichts beruhigen lässt, brennen bei manchen Eltern die Sicherungen durch. „Wir wollen niemanden verurteilen, aber sensibilisieren“, betont Lahrmann.

Wie nötig das ist, zeigen die Ergebnisse repräsentativer Umfragen wie etwa der des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) aus dem Jahr 2017. „42 Prozent der Befragten haben noch nie den Begriff ‚Schütteltrauma‘ gehört“, schreibt das NZFH. Und: „24 Prozent der Befragten unterliegen dem Irrtum, dass Schütteln für ein Baby ‚vielleicht nicht so schön sei, ihm aber auch nicht schade‘.“

100 bis 200 Schütteltrauma-Fälle werden jährlich in deutsche Kliniken eingeliefert, doch die Dunkelziffer ist nach Einschätzung der Fachleute erheblich höher. Wenn ein älteres Kind beispielsweise Krampfanfälle entwickle, könne die Ursache ein früheres Schütteltrauma sein, sagt Ursula Frankenberg. Laut internationaler Studien sind es häufiger Männer als Frauen, die die Babys schütteln.

Was können Eltern tun, wenn sie völlig überfordert sind und sich das Baby einfach nicht beruhigen lässt? Es gebe eine klare Handlungsempfehlung, sagt Ursula Frankenberg: „Ich lege mein Kind ins Bettchen oder sicher auf den Boden und verlasse für einen kurzen Moment den Raum.“ Einmal kurz durchatmen also, um nicht durchzudrehen. Und dann sollten Eltern am besten versuchen, sich Hilfe zu holen.

Ansprechpartner sind beispielsweise die Babylotsinnen, die Eltern aus Stadt und Landkreis kostenlos beraten. Außerdem bieten verschiedene Osnabrücker Familienberatungsstellen Babysprechstunden an.

Ganz wichtig sei es für betroffene Familien, sich Entlastungsmöglichkeiten zu suchen. „Man muss die Chance haben, irgendwie herunterzufahren“, betont Lahrmann. Das gelte vor allem für die Mütter, die nach wie vor meist diejenigen sind, die nach der Geburt mit dem Baby zu Hause bleiben. Am besten, die Paare besprechen schon während der Schwangerschaft, wie sie sich die Aufgabenteilung vorstellen, so Lahrmann.

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