Ungleiche Verteilung  Drastische Unterschiede bei den Norder Schülerzahlen

| | 10.04.2025 09:54 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Grundschule Linteler Schule mit der Außenstelle am Wiesenweg zählt zu den größten Grundschulen in Norden. Foto: Rebecca Kresse
Die Grundschule Linteler Schule mit der Außenstelle am Wiesenweg zählt zu den größten Grundschulen in Norden. Foto: Rebecca Kresse
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Nicht öffentlich wurden die Anmeldezahlen für die Grundschulen präsentiert. Die Unterschiede sind gravierend. Die Verwaltung fürchtet Missinterpretation und die Forderung nach Schulschließungen.

Norden - Hinter verschlossenen Türen, im nicht öffentlichen Teil des Schulausschusses sind im März die neuen Anmeldezahlen der Norder Grundschulen präsentiert worden. Warum eigentlich öffentliche Zahlen nicht auch öffentlich präsentiert wurden, hat einen Grund: Die Anmeldezahlen zeigen gravierende Unterschiede an den verschiedenen Schulstandorten. Die Sorge der Verwaltung: Die Zahlen könnten zu „Missinterpretationen“ führen. Heißt übersetzt: Sie fürchtete den prompten Ruf nach Schulschließungen.

Diese Angst ist angesichts der vorliegenden Zahlen nicht ganz von der Hand zu weisen. Danach werden zum 1. August 2025 an der Grundschule Leybuchtpolder elf Schüler, an der Grundschule Norddeich neun Schüler, an der Grundschule Im Spiet 69 Schüler, an der Grundschule Linteler Schule inklusive Außenstelle Wiesenweg 96 Schüler und an der Grundschule Süderneuland 20 Schüler eingeschult.

Prognose sagt nur sechs Schüler für Norddeich voraus

Für die kommenden fünf Jahre prognostiziert die Stadt für Leybuchtpolder 21 (in 2026), 21 (in 2027),19 (in 2028), neun (in 2029) und 13 (in 2030) Erstklässler. Für Norddeich sechs, sechs, sieben, sechs und vier Erstklässler. Im Spiet 86, 62, 68, 66 und 55 Erstklässler. Für die Linteler Schule inklusive Wiesenweg 70, 79, 86, 70 und 84 Erstklässler. Für Süderneuland 21, 21, 18, 23 und 26 Erstklässler. Diese Zahlen können sich durch verschiedene Faktoren noch verändern. Unter anderem durch die Flexi-Kind-Regelung, nach der Kinder mit Geburtsdaten nach dem 1. Juli noch ein Jahr zurückgestellt werden können. Aber auch Zu- und Fortzüge, ein „unabsehbarer Zu- und Fortgang von Kindern mit Flucht- und Migrationserfahrung“ sowie Anträge auf Beschulung außerhalb des eigenen Schulbezirks zählen laut Verwaltung dazu.

Wie sehr diese Zahlen schwanken, zeigt ein Vergleich der prognostizierten und der tatsächlichen Erstklässler in den vergangenen Jahren. Die weichen zum Teil erheblich voneinander ab. So waren im Schuljahr 2022 insgesamt 25 Erstklässler für Leybuchtpolder prognostiziert. Tatsächlich eingeschult wurden aber nur 14. Andersrum an der Linteler Schule: 70 Kinder waren prognostiziert, eingeschult wurden 77 Kinder. In Norddeich waren für das Schuljahr 2024 fünf neue Erstklässler vorhergesagt, eingeschult wurden aber elf Kinder.

Klassenstärken variieren deutlich

Die Ungleichheit zwischen den Schulen wird auch beim Blick auf die Klassenanzahlen deutlich. So gab es im Schuljahr 2024 in der Grundschule Im Spiet drei erste Klassen, vier zweite Klassen, vier dritte Klassen und drei vierte Klassen. Noch höhere Zahlen gab es an der Linteler Schule plus Wiesenweg mit fünf ersten Klassen, vier zweiten Klassen, vier dritten Klassen und vier vierten Klassen. Im Vergleich dazu gibt es an den Grundschulen Leybuchtpolder und Norddeich jeweils nur eine Klasse, in Süderneuland nur zwei Klassen pro Jahrgang.

Die unterschiedliche Schülerzahl hat natürlich auch Auswirkungen auf die Klassenstärken. So sitzen die Kinder Im Spiet mit durchschnittlich 21,07 Kindern in einer Klasse, in Lintel/Wiesenweg mit 20,94 Kindern, in Süderneuland mit 17,13 Kindern, in Norddeich mit 13,25 Kindern und in Leybuchtpolder mit 11,25 Kindern in einer Klasse. Nimmt man sich dann noch den Schulentwicklungsplan des Landkreises Aurich dazu, werden die Unterschiede im Lernen für die Kinder noch deutlicher. Denn laut Biregio-Gutachten liegt die Quote der Schüler mit Migrationshintergrund – und in der Folge oft mit Sprachdefiziten und höherem Förderbedarf – im Spiet bei 25 Prozent der Schüler und in Lintel/Wiesenweg bei 31 Prozent. Deutlich geringer ist diese Quote in Norddeich (neun Prozent), in Leybuchtpolder (sieben Prozent) und in Süderneuland (vier Prozent).

Mehrere Faktoren zählen für die Schulentwicklungsplanung

All diese Schüler sollen aber bis zum Ende der vierten Klasse auf den gleichen Bildungsstand gebracht werden – bei gänzlich unterschiedlichen Voraussetzungen. Die Lehrer an diesen Schulen werden alle gleich bezahlt, obwohl es immense Unterschiede in den täglichen Herausforderungen gibt. Nicht ohne Grund, können freie Lehrerstellen an der Grundschule Im Spiet nicht besetzt werden, wechseln Referendare nach ihrer Ausbildung an andere Schulen. Angesichts der Zahlen und der Tatsache, dass die weiterführenden Schulen jedes Jahr mehr als 60 Lehrerstunden durch Abordnungen an die Grundschulen abgeben müssen, stellt sich eine Frage ganz automatisch: Wie lange kann sich Norden die Kleinstschulen noch leisten?

Bürgermeister Florian Eiben verweist in diesem Zusammenhang auf den „fortlaufenden Prozess“ der Schulentwicklungsplanung. Dafür seien neben den reinen Schülerzahlen noch andere Faktoren mit einzubeziehen, unter anderem der Zustand der Schulgebäude, weitere rechtliche Verpflichtungen wie Ganztag oder inklusive Beschulung oder auch die homogene oder heterogene Zusammensetzung der Schülerschaft. Auch dem Umstand der Personalsituation im Bereich der Lehrkräfte müsse bei der Schulentwicklungsplanung Rechnung zu tragen sein.

Bürgermeister spricht von emotionalem Thema

Ein Problem, so Eiben, sei aber, dass „in derartigen Thematiken Emotionen eine Rolle spielen, die eine sachliche Auseinandersetzung erschweren“. Er wies darauf hin, dass sich die Stadt Norden aber derzeit „intensiver mit der Schulentwicklungsplanung“ beschäftige. Neben dem Thema einer möglichen Schließung von Schulen gehe es mit Blick auf die Auslastung und Schülerströme auch um die Entwicklung künftiger Wohngebiete. Es werde aber „sicherlich ein Ziel der Schulentwicklungsplanung sein, für einen Ausgleich“ der unterschiedlichen Bedingungen an den Schulen zu sorgen, sagte Eiben.

Noch vor der Sommerpause will die Stadt Norden die Schulentwicklungsplanung in einer öffentlichen Sitzung des Schulausschusses thematisieren. Ob bis dahin auch der vom Land Niedersachsen für den Jahresanfang angekündigte Erlass zum Ganztagsbetrieb ab dem Schuljahr 2026/2027 vorliegt, ist noch nicht klar. Laut Verwaltung hat das Niedersächsische Kultusministerium die Verordnung beziehungsweise den Erlass nun für das späte Frühjahr bis frühen Sommer 2025 angekündigt.

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