Wörgl Deutsche und Amerikaner gegen die SS: Das bizarre Gefecht um ein Alpenschloss
Nur wenige Tage vor Kriegsende verbündeten sich US-amerikanische und deutsche Soldaten, um gefangene französische Politiker vor einem Angriff von SS-Truppen zu schützen. Das denkwürdige Gefecht um Schloss Itter wirkt filmreif – vielleicht ein bisschen zu sehr.
Eine zusammengewürfelte Truppe aus deutschen und amerikanischen Soldaten sowie KZ-Häftlingen, die gemeinsam gegen eine Übermacht von SS-Truppen kämpft: Es grenzt schon fast an ein Wunder, dass Hollywood sich noch nicht der Geschichte des Kampfs um Schloss Itter angenommen hat. Das vermutlich bizarrste Gefecht des Zweiten Weltkriegs, geführt nur drei Tage vor der deutschen Kapitulation, hätte alles zu bieten, was ein Straßenfeger braucht: aufrechte Kämpfer und fiese Nazischergen, dramatische Schießereien vor romantischer Kulisse, historische Figuren mit Ecken und Kanten – und sogar ein Happy End mit tragischer Note. Die Quellenlage kommt allerdings etwas nüchterner daher.
Schloss Itter, kurz hinter der deutsch-österreichischen Grenze nahe Kufstein gelegen, war seit 1943 ein Außenlager des KZs Dachau. Hier brachten die Nazis „Ehrenhäftlinge“ unter: Gefangene, die für sie einigen Wert hatten, vor allem als Geiseln. Es waren hauptsächlich Franzosen – unter ihnen die politisch tief verfeindeten früheren Regierungschefs Édouard Daladier und Paul Reynaud, der ehemalige Oberbefehlshaber Maxime Weygand, dem die Schuld an der französischen Niederlage angelastet wurde, oder auch der berühmte Tennisstar Jean Borotra, der zuvor Teil der mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regierung im unbesetzten Südfrankreich gewesen war. Sie wurden um Welten besser behandelt als andere NS-Gefangene, die Stimmung am Mittagstisch darf man sich allerdings als ziemlich angespannt vorstellen.
Am 4. Mai 1945 – Hitler war tot, Berlin von der Roten Armee erobert, Alliierte hatten den Großteil Deutschlands unter Kontrolle – war auch dem Wachpersonal in Itter klar, dass der Krieg kurz vor dem Ende stand. Die zur Bewachung der VIP-Häftlinge abkommandierten SS-Soldaten gingen stiften.
Auch ihr Kommandant Sebastian Wimmer machte sich aus dem Staub. Der Hauptsturmführer, der zuvor unter anderem in den KZs Dachau und Majdanek eingesetzt war, ließ sich von den Gefangenen in Itter allerdings noch eine schriftliche Bestätigung geben, dass er eigentlich ein netter Kerl gewesen sei. Den Recherchen des US-Militärhistorikers Stephen Harding zufolge geriet Wimmer später in französische Gefangenschaft, ein Kriegsverbrecherprozess sei ihm trotz KZ-Karriere aber erspart geblieben.
Plötzlich waren die Häftlinge also unbewacht, aber nicht in Sicherheit: In unmittelbarer Umgebung des Schlosses gab es noch deutsche Truppen, und SS-Verbände gingen rücksichtslos gegen Deserteure sowie Zivilisten vor, die weiße Fahnen aus den Fenstern gehängt hatten – laut Befehl des SS-Chefs Heinrich Himmler waren alle männlichen Bewohner solcher Häuser zu erschießen. Auch die Ex-Gefangenen mussten damit rechnen, dass nach der Flucht ihrer Wachen andere kommen würden, um den Mordbefehl auszuführen.
Bereits am Tag zuvor hatte sich der KZ-Häftling Zvonimir Čučković, der auf Schloss Itter als eine Art Hausmeister fungierte, auf den Weg gemacht, um Hilfe zu holen. Der kroatische Widerstandskämpfer, den wohl nur seine Deutschkenntnisse und seine Erfahrung als Elektriker vor der Hinrichtung bewahrt hatten, mogelte sich, eine Nachricht der Gefangenen in der Tasche, an deutschen Posten vorbei und stieß bei Innsbruck auf eine amerikanische Einheit. Die machte sich auf zum Schloss, wurde aber durch Beschuss aufgehalten.
Als die Rückkehr Čučkovićs auf sich warten ließ, machte sich der tschechische Koch des Schlosses, Andreas Krobot, auf den Weg ins nahegelegene Dorf Wörgl. Dort lagen die Reste einer fast völlig aufgeriebenen Wehrmacht-Artillerieeinheit, die sich unter ihrem Befehlshaber Josef Gangl, einem hochdekorierten Offizier, der sowohl an der Ost- als auch an der Invasionsfront gekämpft hatte, mittlerweile dem örtlichen Widerstand angeschlossen hatte.
Mit Krobots Nachricht und einer weißen Flagge nahm Gangl Kontakt zu einer nicht weit entfernten US-Aufklärungseinheit auf. Deren Befehlshaber, Hauptmann John C. Lee, zögerte nicht lange: Aus eigenen Soldaten sowie Freiwilligen aus Gangls Einheit stellte er einen Trupp zusammen, der das Schloss verteidigen sollte. Ein Panzer, zehn amerikanische und 14 deutsche Soldaten bezogen dort unter Lees Kommando Stellung. Auch die teils recht betagten Gefangenen sollen sich bewaffnet haben.
Tatsächlich nahmen am Folgetag, dem 5. Mai 1945 – die deutschen Truppen in Süddeutschland und der Alpenregion hatten gerade vor den Amerikanern kapituliert – zwischen 100 und 150 Soldaten der Waffen-SS das Schloss unter Feuer. Der Panzer wurde in Brand geschossen, seine Besatzung überlebte mit viel Glück – aber die Lage spitze sich angesichts der Übermacht der Angreifer zu. Diesmal war es Tennisstar Borotra, der sich an den Angreifern vorbeischlich, um Hilfe zu suchen. Und sie fand: Die von Čučković alarmierte US-Einheit stand mittlerweile kurz vor dem Schloss und setzte dem Angriff mit dem Einsatz von Panzern ein Ende.
Augenzeugen aus dem Dorf berichteten tags darauf von rund 100 gefangenen SS-Soldaten; wie viele Tote es unter den Angreifern gab, lässt sich heute kaum feststellen. Auf Seiten der Verteidiger gab es „nur“ ein Todesopfer: Josef Gangl. Er soll von einem Scharfschützen getötet worden sein, als er versuchte, den 70-jährigen Reynaud aus der Schusslinie zu bringen, hieß es später.
Bekannt wurde die skurrile Geschichte im Wesentlichen erst durch Hardings Buch „Die letzte Schlacht“, das sieben Jahrzehnte nach den Ereignissen erschien und in dem der US-Militärhistoriker nicht an dramaturgischen und teils romanhaften Ausschmückungen spart. So soll sich ihm zufolge beispielsweise ein SS-Offizier, der in Itter eine Verwundung auskurierte und sich mit den Politikern angefreundet hatte, den Verteidigern angeschlossen haben. Das bezweifelt Jürgen Macher von der Militärgeschichtlichen Gesellschaft Ludwigsburg (MGLB), die sich intensiver mit dem Leben des aus der schwäbischen Stadt stammenden Gangl befasst hat, nachdrücklich. Zwar habe es diesen Offizier gegeben, weit wahrscheinlicher sei aber, dass er, wie der SS-Kommandant, bereits vor dem Angriff vom Schloss geflohen sei. Nachweisen lässt sich seine Teilnahme am Kampf nicht.
Die Beteiligten sind längst gestorben, die Quellenlage ist reichlich dünn – viele Details lassen sich heute kaum mehr klären. Etwa, ob es tatsächlich nur SS-Einheiten waren, die das Schloss stürmen wollten, oder wer überhaupt den Befehl dazu gab. Und die von der MGLB ausgewerteten Tagebücher Gangls enden einige Tage vor dem Gefecht; Hinweise darüber, was genau den Offizier dazu bewog, sich dem Widerstand anzuschließen, finden sich darin nicht. Auch Harding räumte ein, über manche Aspekte nur spekulieren zu können.
Fest stehe aber, dass sich Gangl und seine Soldaten, „die eigentlich nur noch die restlichen Kriegstage heil überstehen wollten“, diesem Einsatz freiwillig angeschlossen haben, sagt Macher – und dafür gebühre ihnen Anerkennung. Die bekommt Gangl in Österreich als „Held des Widerstands“ durchaus; sowohl in Wörgl als auch in Wien wurden Straßen nach ihm benannt. Nachkriegsdeutschland tat sich schwerer im Umgang mit Widerständlern in Uniform. Inzwischen hat die MGLB in seiner Heimatstadt Ludwigsburg zumindest eine Gedenkplakette für Gangl installiert.
Denkwürdig bleibt das Gefecht um Schloss Itter trotz der gebotenen Vorsicht dennoch. Nur ein einziger weiterer Fall ist bekannt, in dem sich deutsche und amerikanische Truppen kurz vor Kriegsende spontan verbündeten – um Lipizzaner-Pferde von einem Gestüt in Tschechien zu retten. Nicht vor den Nazis, sondern vor der Roten Armee.