Berlin Joschka Fischer bei Caren Miosga: „Europa muss zur Kenntnis nehmen, dass wir allein sind“
Die USA als Schutzmacht? Das wird nicht länger funktionieren. Der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer zieht bei Caren Miosga in der ARD-Talkshow eine radikale Bilanz – und fordert ein Umdenken in Europa, das unbequem ist.
Der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer zieht eine dramatische Bilanz: Mit Donald Trump an der Macht sei das westliche Bündnis am Ende – und Europa auf sich allein gestellt. Bei Caren Miosga in der gleichnamigen ARD-Talk-Sendung forderte er eine radikale Kehrtwende.
Fischer sieht im Wiedererstarken Donald Trumps das Ende der westlichen Weltordnung. „Ich denke, die Wahl von Donald Trump lässt die These realistisch erscheinen, dass es das war mit dem Westen.“ Europa stehe politisch und militärisch allein, müsse sich endlich als eigenständige Macht begreifen: „Mit den USA ist es einfacher (...), aber dass wir allein sind im entscheidenden Moment, darauf müssen wir uns vorbereiten.“ Fischer forderte in der Sendung ein starkes, eigenständiges Europa – notfalls ohne amerikanische Rückendeckung.
Die Demokratie werde ohne die USA schwächer. „Donald Trump zerstört mutwillig die Welt, in die ich hineingeboren bin“, so Fischer. Die Destabilisierung der Weltwirtschaft und des Welthandels, würde „alle schwer treffen“. Deshalb fordert der frühere Grünenpolitiker Entschlossenheit und Reaktionen.
„Entscheidend sind die Konsequenzen, die wir daraus ziehen. Können wir uns auf diese Freunde noch verlassen? Meine Antwort lautet: Nein.“ Trump schade nicht zuletzt den Vereinigten Staaten, doch es gelte auch den Schaden hierzulande abzuwenden: „Die Konsequenz heißt für mich Europa. Drei Dinge: Europa, Europa, Europa.“
Den Fokus auf die eigenen Stärken zu lenken, sei der richtige Weg, doch wie ist Deutschland überhaupt aufgestellt? In drastischen Worten beschrieb nicht nur Fischer die Lage der Bundeswehr. Zu Gast bei Caren Miosga waren außerdem Jana Puglierin, Sicherheitsexpertin vom European Council on Foreign Relations, und Journalist Hauke Friederichs. Beide schlossen eine wirksame Verteidigungsfähigkeit in naher Zukunft aus. „Wir sind von den amerikanischen Streitkräften und der Unterstützung in den nächsten fünf bis zehn Jahren immer noch fundamental abhängig“, erklärte Puglierin. Friedrichs betonte, es müsse schnell eine Reform geben, „sonst dauert es 100 Jahre, bis wir verteidigungsfähig sind.“
Auch Fischer, der selbst den Wehrdienst verweigert hatte, sprach sich für eine Wiedereinführung der Wehrpflicht aus, mit der Begründung, dass die Bedrohung durch Putin keine Ausreden mehr zulasse. Er hätte sich nicht erträumen können, dass er „mal im Öffentlich-Rechtlichen (...) für Wehrpflicht eintrete.“
Fischer warnte eindringlich: Sollte Russland gezielt europäische Soldaten attackieren, ohne dass die USA eingreifen, wäre dies das Ende des westlichen Verteidigungsbündnisses. „Wenn Putin das testet, dann wäre das das Ende der Nato. Für Putin wäre das ein Himmelsgeschenk“, sagte der 76-Jährige. Daher spricht sich der ehemalige Bundesaußenminister perspektivisch für eine „europäische Armee“ aus.