Kreis Schleswig-Flensburg „Als ob niemand einen haben will“: Die Geschichte von Emily
Als Emily mit zwei Jahren ihre Familie verlassen muss, hat sie bereits Schlimmes erlebt. Es folgt eine Odyssee durch eine Pflegefamilie, Heime und die Psychiatrie. Wie ein tief verletztes Mädchen die Kraft fand, wieder aufzustehen.
Emily hat Kaffee gekocht. Der Satz kommt unscheinbar daher, als Emilys Betreuerin ihn sagt. Erst nach dem Gespräch mit der 18-jährigen Emily und zwei Menschen, die sie lange auf ihrem Weg begleitet haben (und die hier anonym bleiben sollen, um Emily zu schützen) wird klar, wie viel er bedeutet: Dass Emily heute tüchtig und lebensfähig ist, einem Gast Kaffee kocht. Dass sie an diesem Vormittag in ihrer betreuten Wohngruppe im Kreis Schleswig-Flensburg so ruhig und gefasst über ihre Geschichte sprechen kann.
Emily, die in Wahrheit anders heißt, wird im Südwesten Schleswig-Holsteins geboren. Sie ist die Älteste von sieben Geschwistern, doch die meisten von ihnen lernt sie zunächst nicht kennen, denn bereits mit zwei Jahren wird Emily zusammen mit ihrem jüngeren Bruder aus ihrer Familie genommen. Inobhutnahme nennt man es, wenn das Jugendamt ein Kind anderswo unterbringt, weil es zu Hause gefährdet ist.
Emily war klein, sie erinnert sich nicht mehr, was daheim schieflief. Aber ihre Oma hat es ihr erzählt. Dass sie nicht genug zu essen bekommen hat zum Beispiel. Dass sie kaum gewickelt wurde. „Ich habe mir die Windeln selbst ausgezogen und gegen die Wand geworfen“, erzählt Emily. Da war noch mehr, viel mehr, sagt ihre Betreuerin – aber man muss es nicht wissen, um sich vorstellen zu können, welches Leid es in einem kleinen Kind sät, so im Stich gelassen zu werden.
„Vernachlässigung in den ersten Lebensjahren ist verheerend“, erklärt Psychologin Lidija Baumann vom Kinderschutz-Zentrum in Kiel, die Emily selbst nicht kennt, aber viel mit Kindern aus Inobhutnahmen zu tun hat.
Emily und ihr Bruder leben zunächst bei ihrer Oma, die sie gern adoptiert hätte – doch weil der Opa es nicht gewollt habe, kommen sie in eine Pflegefamilie. Ihre Pflegeeltern haben noch drei leibliche Kinder, sie nehmen Emily und ihren Bruder auf wie ihre eigenen, so erzählt es Emily. Sie nennt sie bald „Mama“ und „Papa“. „Es ging mir sehr gut da“, sagt sie. „Ich hatte alles, was ich brauchte.“ Dennoch verlässt sie die Familie mit elf Jahren wieder – warum?
Emily sagt: „Immer wenn ich was geklaut habe, wurden sie sauer auf mich.“ Warum hat sie geklaut? Das wisse sie nicht, sagt Emily heute. Nur, dass sie es immer wieder tat — den Schmuck der Mutter, die Klamotten der Schwester, das Handy des Vaters. Sie haute auch manchmal ab. „Ich war schwierig. Sie konnten damit nicht mehr umgehen.“ Ihr Bruder bleibt in der Familie. „Mit dem konnten sie es aushalten.“
Die Beziehung zwischen Pflegekind und Pflegeeltern sei ein großes Spannungsfeld, erklärt ein Betreuer von Emily. „Oft kommt es zu Konflikten, wenn die Kinder älter werden. Die Pflegeeltern geben emotional viel und sind dann enttäuscht, wenn nicht so viel zurückkommt.“ Und er sagt auch: „Viele Pflegekinder können ihre Pflegeeltern gar nicht lieb haben, weil sie nach ihren eigenen suchen.“ Profis wissen, dass man das Fehlverhalten und die Wut von Pflegekindern nicht persönlich nehmen darf. „Aber das auszuhalten ist wahnsinnig schwierig.“ Für Psychologin Lidija Baumann ist Emilys Verlassen der Pflegefamilie „das Schlimmste, was hätte passieren können. Das Kind hätte jemanden gebraucht, der sagt: Ich halte dich aus, komme, was wolle.“
Stattdessen kommt Emily zum ersten, aber nicht zum letzten Mal in ihrem Leben in eine Jugendhilfeeinrichtung, ein Kinderheim. „Es ging mir scheiße damit“, sagt sie. „Ich wollte wieder nach Hause.“ Ein halbes Jahr bleibt sie dort. In dieser Zeit trifft sie ein Mal ihre leibliche Mutter. „Wir sind spazieren gegangen“, erinnert sich Emily. „Sie wusste nicht, was sie mit mir machen soll. Es war sehr fremd.“ Trotzdem hat sie das Treffen in guter Erinnerung. Doch als ihre Mutter sie dann zu einer vereinbarten Zeit anrufen soll, kommt kein Anruf. Emily wartet, dann gibt sie auf. Wie das war? „Es hat wehgetan. Man fühlt sich kacke. Richtig kacke.“
Auch im Kinderheim geht es ihr schlecht. Immer wieder läuft sie weg, beklaut andere Kinder. Warum sie das tat, weiß niemand, aber Psychologin Lidija Baumann sagt: „Wenn vernachlässigte Kinder stehlen, kann es ein Gefühl sein von: ,Wenn ich mich sowieso auf nichts verlassen kann, nehme ich mir eben, was ich brauche.’“
Emily hätte eine gute Bindung gebraucht – sie findet sie hier nicht. „Die Betreuer waren streng“, erinnert sie sich. Lidija Baumann weiß: „Beziehungsabbrüche in der Kindheit sind Gift. Je mehr davon ein junger Mensch erlebt, desto weniger vertraut er anderen und desto mehr sieht er Signale von Gefahr.“ Der wohlmeinende Erzieher kann dann schnell zum Feind werden. Emily muss gehen.
In der nächsten Einrichtung bleibt sie wieder nur sechs Monate. „Die Kinder da haben sich nur gezofft“, erinnert sie sich. Als ein Betreuer ihr eines Tages das Handy abnimmt, wird sie so wütend, dass sie ausrastet. Sie schreit herum, wirft ihm ein Küchenmesser hinterher und sperrt sich dann im Bad ein.
Die Polizei tritt die Tür ein, fixiert das Mädchen auf einer Trage und bringt es in die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Elmshorn. Wie erinnert sich Emily an diesen Vorfall? „Ich war so wütend, weil ich mein Handy nicht durfte. Ich wollte meiner Mutter schreiben“, berichtet sie. Als sie unbeweglich auf der Trage lag, habe sich das schlimm angefühlt. „Alle haben mich angestarrt.“
Drei Monate bleibt Emily in der Psychiatrie, bekommt Beruhigungstabletten und Therapie. Die Tabletten hätten eklig geschmeckt, ihren Therapeuten habe sie nicht gemocht. Aber meistens habe man sie in Ruhe gelassen, und sie durfte Bogenschießen, das habe ihr Spaß gebracht. Nach einer Probenacht in einem Kinderheim im Kreis Schleswig-Flensburg zieht sie dort ein. Es ist ihre siebte Station. Emily ist jetzt zwölf Jahre alt.
Wie sich das anfühlt?
Was sie sich gewünscht hat? „Eine glückliche Familie. Eine richtige Mutter.“ Im neuen Heim fühlt sie sich anfangs nicht wohl. Sie kommt nicht mit den anderen Kindern klar, findet die Betreuer streng. Sie geht nicht zur Schule. „Sie war in dieser Zeit so weit weg von einer Beschulbarkeit, dass das für uns nicht im Vordergrund stand“, erklärt ihr Betreuer. „Sie hatte ein graues Zimmer. Sie hat nicht auf sich geachtet, nicht geduscht, ihr Zimmer nicht aufgeräumt.“ Emily sagt: „Es war alles eine Vollkatastrophe. Ich war auch depressiv.“
Dann, eines Tages, nimmt die Betreuerin, die heute mit am Tisch sitzt, Emily mit zu ihren Pferden. Hinterher sagt sie zu ihren Kollegen: „Emily ist toll. Ich hol’ sie ab, wir reiten und sie ist ganz ruhig auf dem Pferd.“ Emily lernt reiten auf einem Pferd, das nicht besonders leicht zu händeln ist – aber sie will kein anderes, so erzählen es die beiden, die Betreuerin und Emily. Von nun an reitet sie drei bis vier Mal in der Woche. „Es war schön, weil die Tiere da waren“, sagt sie. „Und ich konnte wenigstens mal meinen Kopf abschalten.“
Ihr Betreuer sagt: „Sie war innerlich zerrissen und hochbelastet und wusste nicht: Bin ich morgen vielleicht schon in der nächsten Einrichtung? Und dann saß sie drei Mal in der Woche auf dem warmen Rücken eines Pferdes und hat es gelenkt. Es war die erste Struktur, die wir mit ihr erreicht haben.“
Die erste Struktur, kein Happy End. Eines Tages freundet Emily sich mit einer kriminellen Clique an. Ein paar Monate ist sie mit ihr zusammen, „eine schlimme Zeit“, sagt sie im Rückblick. „Es stand auf der Kippe, ob sie bleibt. Aber dann haben wir gesagt: Wir müssen sie behalten“, erinnert sich ihr Betreuer.
Ob es dieses Vertrauen ist, das ihr die Kraft gibt, ist schwer zu sagen – aber Emily schafft es, sich von der Clique zu lösen. Von nun an geht es bergauf. Sie beginnt, der Haushälterin viel in der Küche zu helfen, versteht sich gut mit einer neuen Erzieherin. Mit Unterstützung einer Schulbegleiterin geht sie wieder zur Schule, bekommt sogar Spaß am Lernen. Eine Mitarbeiterin verspricht ihr fünf Euro für eine Eins. „Da stand sie oft vor der Tür, um ihr Geld abzuholen“, erinnert sich der Betreuer. „Wo ist meine Vorzeigejugendliche?“, heißt es plötzlich. Es gibt Lob und Anerkennung für Emily. „Ich habe mich gut und verstanden gefühlt“, erinnert sie sich. „Und das Reiten war wichtig.“
„Ich hab’ immer gesagt: Wir kriegen sie noch“, sagt ihre Betreuerin und grinst. Emily grinst zurück. Und ihre Eltern? Emily erinnert sich daran, dass diese, als sie noch mit ihrem Bruder bei den Pflegeeltern wohnte, an Weihnachten und zum Geburtstag „mit Riesengeschenken“ vorbeikamen. Dann waren sie wieder weg. „Sie waren Fremde für uns.“ Während ihrer Odyssee durch die Jugendhilfe hatte sie immer mal wieder Kontakt zu ihrer Mutter, hat sie auch besucht. Manchmal habe sie sich willkommen gefühlt und manchmal nicht. „Ich habe sie gefragt, warum ich nicht bei ihr aufgewachsen bin. Aber ich habe nie eine Antwort gekriegt.“
Sie hat zwischendurch auch ihren Vater getroffen. „Aber dann hat er den Kontakt wieder abgebrochen. Er hat es nicht zugelassen. Er hat mich ignoriert“, sagt Emily.
Ihre Mutter ist vor einiger Zeit gestorben, das war schlimm für sie. „Es wäre mir wichtig gewesen, dass ich ihr meine Meinung sage, wie sie mich behandelt hat.“ Sie habe ihr dann einen Brief geschrieben und auf ihr Grab gelegt. Wie denkt sie an sie – mit Trauer, mit Wut? „Gar nichts“, sagt Emily.
Vor Kurzem hat Emily ihren Schulabschluss geschafft. Sie macht jetzt eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme. In ihrer Freizeit reitet sie, guckt Serien oder zeichnet, kümmert sich um den Haushalt. Ihr Traum? Zur Bundeswehr gehen und mit einem Hund und einem Pferd auf dem Land wohnen.
„Sie muss eine unglaubliche Resilienz gehabt haben, sonst wäre sie nicht da, wo sie jetzt steht“, glaubt Psychologin Lidija Baumann. „Was du geschafft hast, ist eine eins mit Zugabe“, sagt ihr Betreuer. Ist sie stolz auf sich? Erst sagt Emily gar nichts. Dann, nicht laut, aber gut hörbar: „Es ist schon gut, was ich gemacht habe.“