SS-Mann Kurt Meyer In Aurich zum Tode verurteilt, später gefeiert
1945 wurde in Aurich der SS-Mann Kurt Meyer wegen Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt. Wofür er damals angeklagt war, wie er der Strafe entkam und wie Nachkriegsdeutschland mit „Panzermeyer“ umging.
Aurich/Leer - Action-Figuren von Kurt Meyer stehen bei manchen Militaria-Fans bis heute hoch im Kurs und sind in einschlägigen Shops ab 20 Euro erhältlich. Rare Sammlerstücke inklusive Original-Verpackung kosten schon mal einige hundert Euro. Dabei wurde Meyer, Spitzname „Panzermeyer“, im Dezember 1945 in einem Prozess in Ostfriesland als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt. Dass man ihn später begnadigte, werten seine Fürsprecher als Beleg für seine Unschuld.
Kurt Meyer war mehr als ein Mitläufer
Der Leeraner Heimatforscher Wolfgang Kellner ist da anderer Meinung, wie er in einem Vortrag anlässlich des diesjährigen Holocaust-Gedenktages im Auricher Güterschuppen deutlich machte. Fest steht: Kurt Meyer war definitiv mehr als nur ein Mitläufer. Der gebürtige Helmstedter trat 1925 als 14-Jähriger in die Hitlerjugend ein und wechselte 1928 zur SA. 1930 wurde er NSDAP-Mitglied und betätigte sich als Ortsgruppenleiter. Im Jahr darauf schloss er sich der SS an.
Bis zum Mai 1934 arbeitete er als Polizist und wurde im selben Monat Zugführer bei der Leibstandarte SS Adolf Hitler. Und das war erst der Anfang einer steilen NS-Karriere. Am Ende sollte Kurt Meyer bis zum Brigadeführer und Generalmajor aufsteigen.
„Panzermeyer“ prahlte mit seinen Verbrechen
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war der Helmstedter laut eines Untersuchungsberichts der Alliierten an der Erschießung von 50 Juden in Modlin (Polen) beteiligt. Anschließend kämpfte er an der Ostfront. Meyer und seine Einheit waren dort in Massaker gegen die Zivilbevölkerung involviert.
Bei einem Lehrgang prahlte er nach Aussage eines in Gefangenschaft befragten Oberstleutnants damit, in Charkow (Ukraine) ein Dorf niedergebrannt und sämtliche Bewohner umgebracht zu haben.
Ab Mai 1943 befehligte Kurt Meyer die damals neu aufgestellte Panzerdivision „Hitlerjugend“, von den Alliierten auch „Baby-Divison“ genannt. Sie bestand hauptsächlich aus jungen Männern, die im Schnitt um die 17 Jahre alt waren.
Junge Rekruten wurden auf dem Schlachtfeld verheizt
Diese Generation galt als extrem fanatisch, da sie von Kindesbeinen an nichts anderes als den NS-Staat kannte und entsprechend ideologisch indoktriniert war. Allerdings hatte sie kaum praktische Kampferfahrung. Auf dem Schlachtfeld äußerte sich das in einem immens hohen Blutzoll. Von den 20.000 Rekruten hat mindestens die Hälfte den Krieg nicht überlebt.
Einige Quellen nennen noch weitaus höhere Opferzahlen. „Die sind regelgerecht verheizt worden“, sagt Wolfgang Kellner. Ungeachtet dessen waren die jungen Männer aber auch berüchtigt für ihre Brutalität, die oft kein Erbarmen mit dem Feind kannte. Während der Invasion der Alliierten in der Normandie ermordete die Division „Hitlerjugend“ mehr als 150 kanadische Kriegsgefangene. Dafür musste sich Kurt Meyer 1945 in der Auricher Kaserne vor einem kanadischen Kriegsgericht verantworten.
Die Kriegsverbrechen in Polen und in der Ukraine wurden nicht verhandelt, weil sich die Kanadier in diesen Fällen nicht zuständig sahen. Das Verfahren lief nach vereinfachten Regeln ab, war aber laut Einschätzung von Fachleuten, beispielsweise der Historikerin Ruth Bettina Birn, „trotzdem fair“.
Der SS-Mann flüchtete sich in die Opferrolle
Kurt Meyer wurde in zwei von fünf Anklagepunkten für die Ermordung von 18 Gefangenen in seinem eigenen Regiment schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt. Nun aber waren die Militärs, die über ihn zu Gericht saßen, ebenfalls alles andere als Unschuldslämmer.
Der kanadische Oberbefehlshaber Christopher Vokes hatte im April 1945 mit seinen Truppen als Vergeltungsmaßnahme die Stadt Friesoythe fast komplett zerstört, nachdem man irrtümlicherweise davon ausgegangen war, ein deutscher Zivilist habe einen kanadischen Offizier getötet.
Was den Prozess gegen Kurt Meyer betraf, war Vokes nicht hundertprozentig von der Beweisführung überzeugt und wandelte das Todesurteil deshalb in eine lebenslange Haftstrafe um. Letztlich profitierte der SS-Mann von dem rechtsstaatlichen Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“, was von seinen Sympathisanten damals wie heute als Freispruch missverstanden wurde und wird. Der Verurteilte wies auch jegliche Schuld von sich und zeigte nicht die Spur von Reue. Stattdessen flüchtete sich Kurt Meyer in die Opferrolle und bezeichnete den Prozess als ungerecht.
Unterschriftensammlung für den Angeklagten
Eine solche „Umdeutung“ war laut Wolfgang Kellner typisch für viele NS-Täter. Ein gängiges Schema bestand darin, Kriegsverbrechen oder sonstige Verfehlungen der Alliierten in den Fokus zu rücken und dabei auszublenden, dass die Nazis wesentlich größeres Unheil angerichtet und den Zweiten Weltkrieg überhaupt erst losgetreten hatten.
Die Konsequenz war, dass sogar verurteilte Täter wie Kurt Meyer als unschuldig und moralisch integer galten.
Während seines Prozesses im Dezember 1945 in der Auricher Kaserne sammelten Mitglieder des örtlichen Roten Kreuzes Unterschriften und setzten sich für seine Begnadigung ein. Gleiches taten der katholische Bischof Kardinal Graf Galen sowie der Konsistorialpräsident der reformierten Kirche in Hannover. Beide waren vom Auricher Rechtsanwalt Dr. Wilhelm Schapp kontaktiert worden.
Blaskapelle spielte zur Haftentlassung
Nachdem man Kurt Meyer 1951 von Kanada in die Justizvollzugsanstalt Werl verlegt hatte, bekam er dort 1953 Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer. Der befand sich gerade auf Wahlkampf-Tour und er strebte die Wiederbewaffnung Deutschlands nebst Aufbau der Bundeswehr an. Auf die Stimmen ehemaliger SS-Mitglieder konnte und wollte er nicht verzichten, zumal auch der Kanzler den Standpunkt vertrat, dass „die Soldaten der Waffen-SS anständige Leute waren“, so ein von Adenauer überliefertes Zitat.
Als Kurt Meyer Anfang September 1954 nach nur neun Jahren Haft wieder auf freien Fuß war, wurde er in seiner Heimatstadt von einem Fackelzug, dem Kirchenchor und einer Blaskapelle feierlich begrüßt. Eine Düsseldorfer Auto-Firma schenkte ihm einen Wagen. Obendrein erhielt er als „Spätheimkehrer“ 4800 Mark aus der Staatskasse.
Buch des SS-Mannes wurde zum Bestseller
Wenig später wurde Meyer Betriebsleiter in einer Hagener Brauerei, deren Besitzer ein früherer SS-Hauptsturmführer war. Zudem engagierte er sich fortan für die Rehabilitation seiner Kameraden. 1957 veröffentlichte der Helmstedter ein Buch über seine Kriegs- und Hafterlebnisse. „Grenadiere“, so der Titel, avancierte zum Bestseller, wurde mehrfach aufgelegt und auch ins Englische übersetzt. Nichtsdestotrotz monierten renommierte Historiker den nachträglichen Rechtfertigungscharakter. Tatsächlich beschreibt Meyer die Soldaten als tapfere, aufrichtige und gottesfürchtige Kämpfer, die lediglich Befehle entgegen genommen und ihr Leben für das Vaterland riskiert haben. Zwar geht er auf die Schrecken des Krieges ein, von den „Erbärmlichkeiten in den Konzentrationslagern“ wollten er und seine Männer jedoch „nichts gewusst“ haben, wie er 1958 im Nachrichten-Magazin „Der Spiegel“ zitiert wird.
Hitler-Porträt im Wohnzimmer
Ob das wirklich stimmt, daran hegt selbst „Panzermeyers“ Sohn Kurt Meyer junior Zweifel. Dieser schrieb ein Buch, in dem er sich mit seinem Vater auseinandersetzt. Allein der Titel „Geweint wird, wenn der Kopf ab ist“ spricht Bände. Als Meyer senior aus der Haft entlassen wurde, hängte er in seinem Wohnzimmer ein Porträt von Adolf Hitler auf, erinnert sich der damals neunjährigen Sohn.
1958 wurde der Vater erst kommissarisch und ab 1959 offiziell Sprecher der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS (HIAG). Die Organisation bemühte sich ab 1951 um ein positives Bild ihrer Mitglieder in der Öffentlichkeit. Das schloss auch handfeste finanzielle Interessen ein. So erreichte die HIAG, dass 1961 im Bundestag ein Gesetz verabschiedet wurde, welches die Versorgungssituation von SS-Veteranen verbesserte.
Initiiert worden war das Ganze durch eine „Denkschrift“, die Kurt Meyer im April 1959 eingereicht hatte, um „das durch Hetze und Verleumdung mancherorts verschobene Bild über Wesen und Einsatz der Waffen-SS zu berichtigen“, wie darin nachzulesen stand. Eine gewisse Kurskorrektur fand auch statt, nur nicht in der von der HIAG ersehnten Richtung.
Kritik am Umgang mit Kurt Meyer
Bedingt durch Aufsehen erregende nationale und internationale Gerichtsverfahren, wie 1958 in Ulm gegen das Einsatzkommando Tilsit und der Eichmann-Prozess 1961 in Israel, bekam das Bild der vermeintlich „anständigen“ SS-Männer Risse. Die nachfolgenden Generationen begannen, deren Rolle kritischer zu hinterfragen, als ihre Vorgänger dies getan hatten. Zwar missbilligte Meyer die Verbrechen der KZ-Wachmannschaften und war bestrebt, sich von offen rechtsradikalen Kräften abzugrenzen. Dennoch konnte er deren Einflussnahme auf die HIAG nicht verhindern. Gut eine Woche, nachdem Adolf Eichmann zum Tode verurteilt worden war, starb Kurt Meyer am 23. Dezember 1961 an einem Herzinfarkt.
Dass manche ihn nach wie vor als Kriegsheld verehren und an der Auricher Kaserne nichts an den historischen Prozess von 1945 erinnert, findet Wolfgang Kellner beschämend. Aus seiner Sicht kursieren im Netz bis heute Biografien, die lückenhaft und zum Teil verfälschend sind. Besonders fassungslos macht Kellner ein Eintrag im Biographischen Lexikon der Ostfriesischen Landschaft. Dort heißt es über Kurt Meyers Aktivitäten nach dem Zweiten Weltkrieg: „Politisch hielt er sich zurück.“