Wittmund  Kalmar- statt Krabbenbrötchen? Wie sich die Fischerei in der Nordsee verändert

Imke Oltmanns
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Von Imke Oltmanns
| 05.04.2025 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Durch die erhöhte Wassertemperatur deutlich öfter in der Nordsee: Kalamare. Foto: IMAGO/Design Pics
Durch die erhöhte Wassertemperatur deutlich öfter in der Nordsee: Kalamare. Foto: IMAGO/Design Pics
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Immer nur Krabben oder Scholle? Das muss nicht sein. Einige Nordseekutter sind seit zwei, drei Jahren auf der Suche nach ganz anderer Beute. Und verdienen damit auch ganz ordentlich.

Beim Fischereitag in Neuharlingersiel Anfang März ging es neben Krabben, Muscheln und Fischen auch um Meeresbewohner, die hierzulande eher unbekannt sind. „Neuerdings“, heißt es nämlich im Fischereibericht, „gewinnt der Gemeine Kalmar an Bedeutung bei den Fängen.“ Tintenfische in den Fangnetzen also. Und offenbar in einer Menge, die wirtschaftlich interessant ist. Tonnenweise holen die Kutter die Kalmare aus der See.

Gibt es in den Küstenlokalen und Fischbrötchenbuden also künftig eher Kalmar statt Krabben? Erstmal sieht es nicht so aus. Vor der Küste Ostfrieslands werden die Tiere bisher jedenfalls nicht gefangen, die deutschen Kutter müssen vor die holländische und belgische Küste fahren. Dort sind sie übrigens nicht allein, wie ein hiesiger Fischer berichtet: „Engländer, Belgier, Holländer, Dänen – alle sind da unterwegs, weil es so lukrativ ist“, sagt Dieter Hullmann.

Hullmann ist Fischer und außerdem geschäftsführender Vorstand der Fischereigenossenschaft Elsfleth mit Sitz in Brake. Auch er saß beim Fischereitag in Neuharlingersiel mit im Saal, und er gilt als derjenige mit der meisten Kalmar-Erfahrung in der Region.

Zu seiner Genossenschaft gehören laut Hullmann 29 Kutter, fünf davon würden jedes Jahr außer auf Seezunge, Scholle und Kaisergranat auch einige Wochen auf Kalmar gehen. Seine eigene „Butendiek“ war dieses Jahr ebenfalls zwischen Mitte Januar und Ende Februar vor der belgischen und holländischen Küste unterwegs.

Gefischt werde tagsüber mit Grundschleppnetzen, die den Boden nicht verwühlten, sagt Hullmann. Dann stünden die etwa 50 Zentimeter langen Kalmare etwa acht Meter über dem Grund im Wasser. Nachts kämen sie höher, würden sich aber weiter verteilen. Was gefangen wird, kommt in Eiskisten in den Laderaum.

Alle drei Tage wird die Ladung an Land gebracht, etwa zur Fischauktion nach Ostende in Belgien. Zwischen einer und fünf Tonnen Kalmar seien dann an Bord. Seit vier Jahren sei das ein gutes Zusatzgeschäft, sagt Hullmann. Aktuell gebe es fünf bis acht Euro pro Kilo, es seien aber auch zwölf gezahlt worden. „Es ist eine gute Alternative, wir hoffen, dass sich das fortsetzt“, sagt der Fischer.

Aber sind Tintenfische in der Nordsee wirklich ein Zukunftsmarkt für die norddeutschen Fischer? Oder vielleicht doch eher eine Nische? Bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen jedenfalls hat man diese neue Entwicklung fest im Blick.

„Wenn neue Arten auftauchen, sollte man schon gucken, ob man das nicht nutzen kann“, sagt dazu Philipp Oberdörffer, stellvertretender Fachbereichsleiter Fischerei in der Landwirtschaftskammer. Schließlich sei es immer besser, mehr als ein Standbein zu haben.

Oberdörffer wirft auf Nachfrage auch einen Blick in die Zahlen: 2023 hätten niedersächsische Kutter insgesamt 100 Tonnen Kalmar an Land gebracht. 2024 seien es dann schon 200 Tonnen gewesen.

Eine rasante Entwicklung, wenn man bedenkt, dass Kalmar-Fänge 2022 noch gar nicht wirtschaftlich erfasst wurden. Aber einfach mit dem Krabbenkutter auf Tintenfischjagd gehen, das funktioniere so auch nicht, sagt Oberdörffer. Ein wenig zusätzliche Ausrüstung sei schon nötig. Ob diese reichen Beutezüge anhalten – bei den wenigen Erfahrungswerten ist das für den Fischereiexperten eher ein Blick in die Glaskugel.

Stellt sich die Frage, warum es den Gemeinen Kalmar überhaupt in solchen Mengen in den englischen Kanal treibt.

Dr. Anne Sell vom Thünen-Institut für Seefischerei hat darauf ein paar Antworten. Aber erstmal dies: „Es gibt schon seit 100 Jahren Tintenfische in der Nordsee“, stellt sie fest. Vielleicht sogar länger, dazu gebe es bloß keine Aufzeichnungen. Während die Tiere früher aber nur seltene Gäste in der Nordsee gewesen seien, tauchten sie neuerdings regelmäßig auf.

Im Grunde gibt es laut Sell zwei Entwicklungen: Zum einen würden sich die Kalmare in der Nordsee seit etwa drei Jahren deutlich schneller vermehren, weil das Wasser wärmer geworden sei. Ihr Stoffwechsel laufe bei Wärme eben schneller, sie würden mehr fressen und schneller wachsen. Und dann scheine der Kalmar auch jedes Jahr neu in die Nordsee einzuwandern, von weiter südlich gelegenen Küsten. Es wächst also nicht nur der einzelne Kalmar, sondern auch die Population an sich.

So ganz klar vorhersehbar sind die Kalmar-Bestände für die Wissenschaftlerin aber auch nicht. Die Tiere seien sehr kurzlebig und würden schon nach der ersten Vermehrung sterben, sagt sie. Dadurch schwanke die Population von Jahr zu Jahr. Trotzdem geht Sell davon aus, dass diese Entwicklung grundsätzlich anhält: „Ich erwarte, dass die Tintenfische in der Nordsee in den nächsten Jahren und Jahrzehnten eine Fischereiressource bleiben.“

Dieser Artikel erschien zuerst in der Ostfriesen-Zeitung.

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