Hamburg Was wir über Verschickungskinder wissen und was nicht
Millionen Kinder wurden in der Nachkriegszeit auf Kinderkuren geschickt. Viele Menschen prägen die schlechten Erinnerungen an diese Zeit bis heute. Und noch immer sind viele Fragen ungeklärt.
Zwar reden immer mehr Menschen über ihre traumatischen Erfahrungen in den vielen Heimen, dennoch gilt das System der Kinderverschickungen noch immer als blinder Fleck und verdrängtes Kapitel in der deutschen Geschichte. Was bekannt ist und was nicht.
Kinderverschickung bezieht sich auf eine Praxis in Deutschland, bei der Kinder für eine gewisse Zeit aus ihrem häuslichen Umfeld entfernt und in speziellen Heimen untergebracht wurden, um dort Erholung und oder medizinische Fürsorge zu erhalten.
Genaue Zahlen zu den verschickten Kindern gibt es nicht. Der Historiker Hans-Werner Schmuhl geht etwa von zehn bis zwölf Millionen Kindern aus. Darunter fallen auch Kinder, die mehrfach auf eine Kur gesandt wurden.
Erste Verschickungen gab es bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts, auch während der beiden Weltkriege wurden Kinder in andere Regionen Deutschlands verbracht. Unter Verschickungskinder versteht man heute Kinder, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die 1990er Jahre verschickt wurden. Meist fand der Kuraufenthalt für sechs Wochen statt.
Die Organisation der Verschickung war komplex und involvierte zahlreiche Akteure wie Krankenkassen, Wohlfahrtsverbände, Ärzte, Gesundheitsämter, die öffentliche Verwaltung und Betriebe. Wohlfahrtsverbände wie etwa das Rote Kreuz betrieben eigene Kurheime, hatten aber auch Verträge mit privaten Heimen. Auch einige Krankenkassen führten eigenständig Heime. Die Heimlandschaft war sehr vielfältig und eine genaue Untersuchung steht noch aus. Die Krankenkassen und die Sozialämter übernahmen die Kosten, meist mussten Eltern auch einen Eigenanteil leisten.
Mädchen und Jungen, zum Teil erst zwei Jahre alt, wurden in Sonderzügen, aber auch regulären Zügen und Bussen verschickt. Mal ging es in ein Heim in derselben Stadt, mal wurden die Kinder quer durch Deutschland verschickt: in die Berge, an die See, in Solebäder. Viele Kurorte lagen an den Küsten oder auf den Inseln wie Amrum, Norderney, Langeoog, Föhr oder Sylt. Aber auch das Allgäu, der Schwarzwald, die Rhön oder der Harz waren hochfrequentierte Adressen. Insgesamt gab es mehr als 1000 Heime in Deutschland.
Kinder wurden aus verschiedenen Gründen auf Kuren geschickt. In der unmittelbaren Nachkriegszeit stand die Versorgung mit ausreichend Essen im Vordergrund. Im Laufe der Zeit rückte dieser Aspekt immer weiter in den Hintergrund. Dennoch wurden Kinder in Kurorte verschickt, um an Gewicht zuzunehmen. Heilkuren dienten vor allem der Genesung von Krankheiten. In Lena Gilhaus‘ Sachbuch „Verschickungskinder – eine verdrängte Geschichte“ heißt es zu den Begründungen: „Häufig mit der Begründung Klimawechsel. Er soll wirken gegen Tuberkulose, Skrofulose, Asthma und Bronchitis, auch gegen Schiefwuchs, Rückgratverkrümmung oder Fehlernährung.“ Auch ohne konkrete Diagnose wurden Kinder zur Kur geschickt. Soziale Aspekte konnten ebenfalls eine Rolle spielen: Kinder sollten in der Kur etwa lernen, sich in Gruppen einzufügen.
Die Erfahrungen der Kinder in den Heimen variieren, jedoch berichten viele ehemalige Verschickungskinder von strengen Regimen und teilweise harten Bedingungen. Seelische und körperliche Übergriffe und Vernachlässigung waren keine Seltenheit, ebenso autoritäre Erziehungspraktiken, die die Kinder physisch und psychisch stark belasteten. Bewiesen ist auch, dass ohne das Einverständnis der Eltern an Kurkindern Medikamente getestet wurden. Darunter zum Beispiel das Schlafmittel Contergan.
Die „Initiative Verschickungskinder“ fordert sowie der Verein eine bundesweite Aufarbeitung der Verschickungen und verlangen auch nach finanzieller Unterstützung. In vielen Bundesländern haben sich ehemalige Verschickungskinder ehrenamtlich in Regionalgruppen organisiert.