Osnabrück Bilder vom Menschenleben: Warum Marc Chagall so glücklich macht
Er ist ein Klassiker der Moderne und für viele Menschen immer noch ein Wunder: Marc Chagall. In Münster sind seine Bilder jetzt zu sehen - zur Bibel, aber vor allem über das Leben mit seinen Freuden und Ängsten.
An der Standuhr hängt ein blauer Flügel. Das Haus blickt mit allwissendem Auge auf das Dorf. Das Paar schwebt vor roter Sonne in einer Umarmung, die niemals endet. Marc Chagalls Welt atmet das reine Glück. Kein Bild, auf dem selbst einfachste Alltäglichkeit nicht vergeistigt leuchten und beseelt schwingen würde. Als Poet unter den Malern der Moderne rubriziert, wirkt Chagall wie der Gegenpol zu Pablo Picasso und dessen destruktiver Unruhe.
Alles nur ein wohlfeiles Klischee? Das Münsteraner Picasso-Museum feiert die ersten 25 Jahre seines Bestehens mit Marc Chagall – ausgerechnet. Picassos Arena wirkt mit einem Mal anders, weil milder temperiert. Sein Minotaurus hat Platz zu machen: Den Hähnen und Ziegen, den Tauben und Eseln, die Chagalls Bildwelt genau jenen sanften Grundton verleihen, der Picasso, diesem eruptiven Genie, vollkommen abgeht. Chagall, das ist der Frieden, oder?
120 Gemälde und vor allem Zeichnungen und Grafiken sind in Münster versammelt. Museumsdirektor Markus Müller und eine Equipe rollen keinen bloßen Bilderteppich aus, sie gruppieren Chagalls Bilder um eine präzise Fragestellung herum – und zwingen den Betrachter zum genauen Hinsehen. Denn es gibt meist kleinformatige Blätter, die Chagall zu Texten geschaffen hat. Münster inszeniert den Künstler aus dem heute weißrussischen Witebsk als Künstler zweier Welten, der Texte und der Bilder.
Die Kuratoren schiffen damit geschickt zwischen der Skylla des Populären und der Charybdis der Gefälligkeit hindurch. Chagall darf in Münster milde leuchten und zugleich seine ganze präzise Produktivität entfalten. Der 1887 als Moyshe Shagal geborene Maler nimmt nicht nur seine heimatliche Welt des jüdischen Schtetl mit auf die Lebensreise gen Westen, er formt auch aus dem Idiom seiner Heimat eine Weltsprache der Kunst.
Wenn Chagall heute wie seinerzeit der Geiger Yehudi Menuhin oder der Schauspieler Peter Ustinov wie ein Botschafter, ja, wie eine Weltfigur der Kultur erscheint, dann verdankt sich diese Reputation gerade einer Anverwandlung großer, zeitenthobener Texte. Ob Nikolaj Gogols Roman „Tote Seelen“ oder die Fabeln des Jean de la Fontaine – in Münster gruppieren sich Chagalls Bilder zu Welten, die kanonischen Texten folgen.
Der Künstler begab sich nicht in zeitgeschichtliche Kämpfe, er orientierte sich an den großen Menschheitsthemen, die er vor allem in der Bibel als dem größten Geschichtenbuch der Menschheit aufgehoben sah. Chagall destillierte in seinen Bildern grundsätzliche Konstellationen des Lebens heraus, entwickelte auf diese Weise ein zweites, großes Geschichtenbuch im Medium des Bildes.
Unberührt von aller konfessionellen Parteinahme atmen diese Bilder einen humanen Geist. Das klingt groß, bezeichnet aber genau das Richtige einer Leistung, zu der Chagall während der Geschichte des Nationalsozialismus fand. 1931 reiste der Künstler noch nach Palästina, an die biblischen Schauplätze, arbeitete dann seine Bibel-Bilder während einer Zeit aus, in der die Nationalsozialisten seine Bilder verfemten. Chagalls Bibel beeindruckt heute auch als großer Widerspruch gegen Hass und Rassismus, die in den Zivilisationsbruch des Holocaust münden sollten.
Chagalls Bibel erscheint in Münster nun in ihre Mikro-Elemente aufgegliedert, so genau haben Markus Müller und sein Team die Versionen der Darstellungen präsentiert. Gouache neben Lithographie: In dieser Dualität skandiert sich der Zweischritt der Techniken, der Chagalls bildnerischem Reflexionsprozess seinen spezifischen Rhythmus verleiht. Malen ist Denken, Zeichnen ist Mitfühlen: Diese Formel entschlüsselt Chagalls Arbeitsgang als große Meditation – mit ethischer Mission.
Ob der segnende Isaak, Noah und seine Arche, Rebekka am Brunnen oder Abraham, der Sarah beweint – Chagall formt berühmte Geschichten der Bibel zu Gleichnissen aller menschlichen Existenz. Chagall zieht die menschliche Gebärde gleichsam nach innen, vertieft Körpersprache zu einem Ausdruck der Seele. Liegt genau darin das Geheimnis seiner Wirkung?
In Münster wiederholt sich jedenfalls, was Chagalls Ruf ausmacht. Er gilt als Künstler des Glücks, als Genie, der sein Publikum durchatmen lässt. Wer Chagall sieht, schaut sich selbst an. Entsprechend ruhig und konzentriert bewegen sich die Besucher vor den Bildern. Es scheint fast, als würde das ganze Museum nun einmal durchatmen, bevor Pablo Picasso seine Räume wieder übernimmt.
Marc Chagall fasziniert als Künstler, der gezeigt hat, dass ein Weiser der Kunst nachhaltiger berührt als alle Alphatiere der Avantgarde. Fast alle jedenfalls.
Münster, Kunstmuseum Pablo Picasso: Marc Chagall – Bildsprachen. Bis 9. Juni 2025. Di.-So., 10-18 Uhr.