Hannover Kultusministerin Hamburg: Kein generelles Handyverbot an niedersächsischen Grundschulen
Niedersachsen plant neue Empfehlungen für Handys an Grundschulen. Kultusministerin Julia Willie Hamburg setzt auf Regeln statt Verbote. Außerdem möchte sie den Lehrermangel bekämpfen.
Lehrer im ländlichen Raum können sich auch befristet anstellen lassen. Das sagt Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne).
Frage: Frau Hamburg, Ihre Kinder sind elf und 16 Jahre alt. Hatten sie im Grundschulalter schon ein Handy?
Antwort: Nein, bei uns galt die klare Regel: Handys erst ab der 5. Klasse.
Frage: Es sind oft verstörende Inhalte, die Kinder im Grundschulalter auf Social Media sehen. Warum tun Sie sich dann so schwer damit, ein allgemeines Handyverbot für die Grundschule auszusprechen?
Antwort: An vielen Grundschulen gibt es ohnehin schon klare Regeln im Umgang mit Smartphones. Ich finde es richtig, dass unser Fachpersonal in den Schulen entscheidet, wie Handys genutzt werden dürfen – etwa im Krankheitsfall oder vielleicht auch im Unterricht, um Medienkompetenz zu schulen.
Antwort: Ein einfaches Verbot ist nicht zielführend. Mir ist aber auch bewusst, dass sich manche Schulen mehr Verbindlichkeit oder Orientierungsmarken wünschen; besser als Verbote sind da aber klare Empfehlungen.
Frage: Wer soll die geben?
Antwort: Ich setze mich gerade sehr stark dafür ein, dass die Kultusministerkonferenz (KMK) der Länder gemeinsame Empfehlungen für den Umgang mit Handynutzung, aber auch für Bildschirmzeiten gibt. Dazu gibt es Erkenntnisse von Kinderärzten, Psychologen und anderen, an denen wir uns orientieren können. In Hessen, Hamburg oder Bremen ticken die Kinder nicht anders als in Niedersachsen.
Frage: Sie befürworten ein Mindestalter von 14 Jahren für Soziale Medien. Wie lässt sich das regulieren?
Antwort: Das können nicht die Kultusminister regeln, das müsste über Bundesgesetze zum Beispiel zum Jugendschutz vorgegeben werden. Und wir brauchen dafür eine technische Lösung. Danach dürfen die Apps für Social Media erst dann heruntergeladen werden, wenn die Eltern mit einer Geburtsurkunde das Alter der Kinder verifizieren und ihr Einverständnis erklären. Das funktioniert beim Online-Banking ja auch.
Frage: Union und SPD verhandeln gerade in Berlin über eine Koalition. Als Grünen-Mitglied sind Sie nicht dabei. Was würden Sie denn für den Bereich Bildung in den Koalitionsvertrag hinein verhandeln?
Antwort: Länder und die Kommunen haben erhebliche Ausgaben im Bildungsbereich. Dafür brauchen sie verlässlich mehr Geld vom Bund. Ein Beispiel: Wir führen alle zwei Jahre neue Verhandlungen mit dem Bund über die Kita-Finanzierung. Die Mittel sind viel zu gering; daher können wir nur befristete Verträge machen. Auch für den Digitalpakt wird mehr Geld benötigt.
Frage: Was ist mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsschule, der ab kommendem Jahr greifen soll?
Antwort: Auch da kämpfe ich für mehr Geld und Rechtssicherheit. Der Bund hat gerade die Sondervermögen auf den Weg gebracht für Investitionen. Wenn wir die Schulen wirklich ertüchtigen wollen für den Ganztag, brauchen wir eine Verdoppelung der Mittel. Zurzeit stehen den Kommunen in Niedersachsen hierfür rund 278 Millionen Euro Bundesmittel zur Verfügung. Die wir übrigens trotz angespannter Haushaltslage als Land um 55 Millionen Euro aufgestockt haben, um die Kommunen bei ihrem Eigenanteil zu entlasten.
Frage: Die Unterrichtsversorgung in Niedersachsen hat sich trotz steigender Lehrkräftezahlen nicht verbessert. Was tun Sie?
Antwort: Die Unterrichtsversorgung ist im Vergleich zum vorherigen Schuljahr stabil geblieben und hat sich nicht verschlechtert. Und das trotz steigender Schülerzahlen und höheren Qualitätsstandards, für die wir mehr Lehrkräfte gewinnen konnten. Das ist ein Erfolg, auf dem werden wir uns aber nicht ausruhen. Wir steuern permanent nach und prüfen eine bessere personelle Ausstattung der Schulen – gerade im ländlichen Raum.
Antwort: Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Wir ermöglichen jetzt, dass Schulen in besonderen Situationen auch Lehrkräftestellen ausschreiben können, ohne ein Unterrichtsfach zu benennen. Lehrkräfte, die sich nicht dauerhaft in einer Region ansiedeln wollen, können sich befristet anstellen lassen und sich später in ihrer Wunschregion bewerben. Viele unserer Maßnahmen wirken bereits. Und wir konnten in diesem Schuljahr erstmalig 2460 neue Stellen besetzen, die es vorher nicht gab.
Frage: Grund-, Haupt- und Realschullehrer werden jetzt auch nach A13 bezahlt. Gibt es bereits einen positiven Effekt?
Antwort: Die Regelung gilt erst seit August 2024. Ob das Interesse der Studierenden steigt, bleibt abzuwarten. Wir sehen aber, dass deutlich weniger Lehrkräfte in die Nachbarländer abwandern, die bereits nach A13 bezahlen.
Frage: Das Interesse an einer Ausbildung zum Hauptschullehrer ist gering. Darum wollen SPD und Grüne im Landtag das Lehramt für Haupt- und Realschulen zum „Lehramt Sekundarstufe 1“ zusammenführen. Warum beziehen Sie nicht gleich alle Schulformen ein?
Antwort: Wir haben jahrelang daran gearbeitet, das sogenannte „Stufenlehramt“ in Niedersachsen umzusetzen. Aber das ist derzeit nicht finanzierbar. Das Lehramt für die Sekundarstufe 1 ist aber womöglich geeignet, mehr Menschen für den Job zu gewinnen. Unser Ziel ist auch ein Imagewechsel. Dann steigt die Motivation der Interessenten.
Frage: Welche Anreize gibt es für Quereinsteiger?
Antwort: Wir haben den Quereinstieg bereits vereinfacht, indem wir bestimmte Vorerfahrungen und Ausbildungen anders bewerten und besser beraten. Künftig soll es zudem einen Master-Studiengang für Quereinsteigende geben. Dieser wurde uns empfohlen von der Wissenschaftlichen Kommission der KMK. Heute bewerben sich zum Beispiel viele Menschen mit Bachelor-Abschluss als Vertretungslehrkräfte. Mit dem Zusatzstudium erhalten sie die Chance, als „vollwertige Lehrkräfte“ dauerhaft im System bleiben zu können.
Frage: Die technologische Entwicklung verläuft rasant. Warum werden Lehrkräfte nicht verpflichtet, sich hier fortzubilden?
Antwort: Viele Lehrkräfte machen das längst freiwillig, die muss ich nicht verpflichten. Schulen machen jährlich auch schulinterne Fortbildungen. Wir setzen zudem sehr stark auf Selbstlernangebote, etwa Fortbildungen per Video, die man bequem von zu Hause machen kann und mit denen wir allen Lehrkräften dann ein Angebot machen können, wenn sie dafür Zeit haben.
Frage: Eines Ihrer Herzensprojekte ist die demokratische Schulentwicklung. Schon in der Grundschule sollen „Klassenräte“ gebildet werden. Machen die Schulen hier mit?
Antwort: Ja, wir haben tatsächlich viele Grundschulen, die schon heute Klassenräte haben. Wir fragen das nicht ab, aber ich höre das immer wieder bei meinen Schulbesuchen. Unser Ziel ist es, dass künftig alle Grundschulen diese Schülervertretungen haben.
Frage: Wie sieht es mit der Widerstandsfähigkeit bei Schülerinnen und Schülern gegen Attacken von außen, beispielsweise die „hybride Kriegsführung“ Russlands, aus? Wird die Sicherheitspolitik zunehmend Thema im Unterricht?
Antwort: Die Themen Sicherheits- und Friedenspolitik sind bereits in den Kerncurricula verankert. Und natürlich greifen die Lehrkräfte aktuelle politische Themen auch spontan auf, wenn sie bei ihren Schülerinnen und Schülern den Bedarf spüren. Auch im Rahmen der Medienkompetenzbildung sind diese Themen verankert.
Antwort: Mit Blick auf „Krieg und Frieden“ stellen wir fortlaufend zusätzliche Materialien zur Verfügung, beispielsweise zum Nahostkonflikt. Wir haben bereits Koordinatoren im Bereich Friedensbildung ausgebildet, die Lehrkräfte unterstützen und auch in die Schulen gehen. Für den Bereich Antisemitismus bilden wir gerade weitere Koordinatoren aus.
Frage: Werden künftig verstärkt Bundeswehroffiziere in die Schulen kommen?
Antwort: Bereits jetzt kommen sogenannte Jugendoffiziere regelmäßig an die Schulen. Die Nachfrage steigt gerade, weil diese Themen die Schülerinnen und Schüler sehr beschäftigen. Wir erleben auch, dass die Evangelische Kirche und andere Organisationen der Friedensbildung oft angefragt werden.