Kampf um Arbeitsplätze  „Drohbrief“ an gekündigte Opti-Mitarbeiter in Rhauderfehn

Marion Janßen
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Von Marion Janßen
| 01.04.2025 14:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Ein Bild aus besseren Tagen zeigt einen Blick in die Opti-Hallen im Jahr 2009. Heute stehen viele Flächen leer: Zwei der vier Produktionslinien wurden nach Estland in das dortige Opti-Werk gebracht. Foto: Archiv
Ein Bild aus besseren Tagen zeigt einen Blick in die Opti-Hallen im Jahr 2009. Heute stehen viele Flächen leer: Zwei der vier Produktionslinien wurden nach Estland in das dortige Opti-Werk gebracht. Foto: Archiv
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Die langjährig Beschäftigten sind schockiert, wie sie nach der Kündigung behandelt werden. Eine Mitarbeiterin, die weiter im Werk arbeitet, findet klare Worte dafür.

Rhauderfehn - Nicht genug, dass sie die Kündigung erhalten haben und ihnen sogar eine Abfindung verwehrt wird: Die Opti-Mitarbeiter, die sich gegen den Rauschmiss mit einer Kündigungsschutzklage gewehrt haben, bekamen dieser Tage auch noch Post, die es richtig in sich hat.

Von der Geschäftsleitung des Unternehmens, das 2023 vom Finanzinvestor Aequita aufgekauft worden war, wurde ihnen angedroht, möglicherweise während der Kündigungsfrist die noch ausstehenden Löhne nicht weiterzuzahlen.

Schreiben an die Freigestellten

In dem Schreiben heißt es: „Bekanntlich müssen Sie sich während einer Freistellung sowie im Fall einer erfolgreichen Kündigungsschutzklage jedweden anderweitigen Erwerb auf etwaige Vergütungsansprüche gegen die Opti Germany GmbH anrechnen lassen. Dies gilt auch dann, wenn Sie trotz Möglichkeit keine anderweitige Beschäftigung aufgenommen haben. ...Wir fordern Sie vorsorglich abschließend nochmals auf, sich um die Aufnahme entsprechender anderweitiger Beschäftigungsmöglichkeiten ernsthaft zu bemühen.“

Ende 2024 protesteierten Opti-Mitarbeiter vor dem Rhauderfehner Rathaus gegen das Gebaren der "Heuschrecke" Aequita. Archivfoto: Zein
Ende 2024 protesteierten Opti-Mitarbeiter vor dem Rhauderfehner Rathaus gegen das Gebaren der "Heuschrecke" Aequita. Archivfoto: Zein

Dann der Knaller: „Zugleich behalten wir uns alle Rechte in diesem Zusammenhang vor. Insbesondere den Einbehalt des Entgelts bis zum Ablauf der Kündigungsfrist, die Geltendmachung von Auskunftsansprüchen hinsichtlich Ihrer Bemühungen zur Aufnahme einer anderweitigen Tätigkeit und Vermittlungsvorschläge der Agentur für Arbeit...“ sprich: Der Finanzinvestor Aequita will wissen, wie viele und welche Bewerbungen die gekündigten Kollegen geschrieben haben. Und zwar während sie offiziell noch bei Opti beschäftigt sind, weil die Kündigungsfrist noch läuft. Und während das Kündigungsschutzverfahren noch läuft. Was letztendlich bedeutet, dass ein Gericht zu dem Schluss kommen könnte, dass die Gekündigten weiterbeschäftigt werden müssen. Im Schreiben enthalten ist auch gleich eine Liste mit „freien Stellen“ in der ganzen Region.

„Bedrohung“ der Mitarbeiter in Rhauderfehn

Zwei der gekündigten Mitarbeiter legten der Redaktion das Schreiben vor. „Wir sind entsetzt. Und unglaublich enttäuscht. Alle gekündigten Kollegen sind schon seit mindestens 25 Jahren im Betrieb, manche sogar gut 35 Jahre. Wir haben alles in diesem Unternehmen mitgetragen, zahlreiche Überstunden geleistet, wenn es nötig war. Und jetzt versucht man nicht nur, uns so loszuwerden. Es wird auch noch nachgetreten, immer wieder. Das tut so weh“, sagen die beiden. Besonders enttäuscht sei man auch von der Geschäftsführung vor Ort. „Von den Finanzinvestoren aus München konnten wir das vielleicht erwarten. Aber dass der eingesetzte Betriebsleiter, der ja in der Gemeinde wohnt, das auch noch unterschrieben hat, können wir nicht verstehen.“ Ihre Enttäuschung wollen sie öffentlich machen, „um zu zeigen, was so etwas mit einem Menschen macht. Was Aequita mit uns macht“.

Produktionsleiter Udo Waden im Jahr 2012 in der neu eingerichteten Färberei. Waden ist noch heute als Prokurist und "Site Head Manufacturing Manager" im Werk Rhauderfehn. Foto: Archiv
Produktionsleiter Udo Waden im Jahr 2012 in der neu eingerichteten Färberei. Waden ist noch heute als Prokurist und "Site Head Manufacturing Manager" im Werk Rhauderfehn. Foto: Archiv

Das aktuelle Schreiben macht auch den Ersten Bevollmächtigten der IG Metall Leer-Papenburg, Thomas Gelder, sprachlos: „Sowas habe ich in all den Jahren noch nie gehört. Ich persönlich gehe davon aus, dass das eine Bedrohung der Gekündigten sein soll, weil sie rechtliche Schritte unternommen haben.“

Das sagen die Vertreter der Gekündigten

Die Redaktion hat sich erkundigt, wie die Drohung der Arbeitgeberseite einzuschätzen ist. Der Leeraner Arbeitsrechtler René Henkys war schon in frühere Verhandlungen zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite involviert war. Er vertritt einige der gekündigten Opti-Mitarbeiter und sagt: „In diesem konkreten Fall – und auch weil der Betriebsrat den Kündigungen widersprochen hat – halte ich eine zwingende Bewerbung auf andere Arbeitsstellen während der Kündigungsfrist nicht für geboten.“ Der Anwalt halte das Schreiben für eine „moralisch verwerfliche Drohgebärde, weil die Leute völlig unnötig bewusst unter Druck gesetzt werden“. Das Ziel sei es, die Leute dazu zu bringen, ihre rechtlichen Möglichkeiten nicht auszuschöpfen.

Volle Hallen im Jahr 1971. Foto: Archiv
Volle Hallen im Jahr 1971. Foto: Archiv

Der Betriebsrat des Opti-Werkes in Rhauderfehn hat in einem Brief an die Geschäftsführung herausgestellt, dass diese nicht berechtigt sei, Entgeltzahlungen einzustellen. „Während der Freistellung kann man nicht von einer pauschalen Böswilligkeit der Arbeitnehmer ausgehen, wenn diese einen anderweitigen Verdienst unterlassen“, so der Betriebsrat, der sich auf ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts vom 12. Februar 2025 (5 AZR 127/24 -) beruft. „Zudem haben Sie die Mitarbeitenden freiwillig einseitig von der Arbeit freigestellt. Von einer Unzumutbarkeit der Weiterbeschäftigung ist nicht auszugehen. Wir gehen daher davon aus, dass Sie die Entgeltzahlung während der Freistellung nicht einstellen werden. Sollten Sie es doch tun, werden wir unseren Kolleginnen und Kollegen raten müssen, umgehend Klage einzureichen.“

Keine Stellungnahme von Aequita

Eine Anfrage der Redaktion an den Finanzinvestor Aequita zur Lage des Werkes, die Drohung, Löhne nicht zu zahlen und der Auftragslage blieb unbeantwortet. Die Unternehmensleitung Opti Group teilte mit, dass sie zu den Fragen keine Stellung nehmen wolle.

Offener Brief von Opti-Mitarbeiterin

Solidarisch mit den Gekündigten zeigt sich eine Opti-Mitarbeiterin (Name ist der Redaktion bekannt), die betont, dass auch andere Kollegen ihre Gedanken teilen. Die hat sie zu Papier gebracht und als offenen Brief an die Redaktion übergeben. Der Brief im Wortlaut:

„In der letzten Woche nahm ich an einer Veranstaltung in der Hoffnungskirche zum Thema „Die Würde des Menschen“ teil. Die Teilnehmer berichteten von verschiedenen Lebenssituationen, in denen die Würde des Menschen sichtbar war oder verletzt wurde. An die Würde des Einzelnen muss ich auch denken, wenn ich täglich zur Arbeit zu Opti fahre, denn seit es Aequita gibt, werden Mitarbeiter zu Zahlen: Ihre langjährige Betriebszugehörigkeit zählt nicht, ihr unermüdlicher Einsatz ist egal, ihre Arbeit wird nicht geschätzt.

„Kollegen wurden geopfert“

Zuerst hat der Gesellschafter durch drastische Preiserhöhungen und Lieferstopp bewusst dafür gesorgt, dass ein Großkunde seine Aufträge storniert, als Folge gab es betriebsbedingte Kündigungen: ohne Sozialplan, ohne Rücksicht auf irgendwen oder irgendwas. Dabei war die angebliche Auftragsstornierung offenbar eine Täuschung, denn hinter den Kulissen wurde längst verhandelt – mit dem Ziel die Produktion nach Estland zu verlegen. Unsere Kollegen wurden nicht aus wirtschaftlicher Not entlassen, sondern schlichtweg geopfert, damit Aequita noch mehr Geld scheffeln kann!

Proteste Ende 2024: Die Opti-Belegschaft fürchtet um ihre Arbeitsplätze. Archivfoto: Zein
Proteste Ende 2024: Die Opti-Belegschaft fürchtet um ihre Arbeitsplätze. Archivfoto: Zein

Die gesamten Verhandlungen waren nicht aufrichtig, der Umgang mit uns war nicht fair, Versprechen wurden nicht eingehalten und bestehende Verträge ausgehebelt. Da wurde ein Tarifvertrag, der vor über 50 Jahren abgeschlossen wurde, hervor geholt, um sich nicht an den gesetzlichen Kündigungsschutz von sieben Monaten halten zu müssen: Kollegen, die unter 55 Jahre alt sind, hatten so nur zwei Monate Kündigungsschutz, die älteren konnten so zwei Monate eher in die Arbeitslosigkeit geschickt werden.

„Geringschätzung, Herabsetzung, Respektlosigkeit“

Und als wäre das alles noch nicht genug Geringschätzung, Herabsetzung und Respektlosigkeit für die Gekündigten, wurde ihnen in der letzten Woche auch noch schriftlich mitgeteilt, dass sie sich sofort um eine neue Arbeit bewerben sollten. Adressen von Firmen, die Anlagen- und Maschinenführer suchten, waren beigelegt und man möge doch nachweisen, dass man sich ernsthaft um eine Beschäftigung bemühe, andernfalls droht die Einhaltung der zustehenden Löhne.

Für die betroffenen Kollegen eine offene Drohung sich die Sache mit der laufenden Kündigungsschutzklage noch einmal zu überlegen? Auf jeden Fall noch eine zusätzliche große Sorge!

Nach so vielen Jahren neu beginnen zu müssen, sich im Alter zwischen 55 und 63 Jahren noch wieder bei Firmen vorzustellen, Zukunftsängste aushalten zu müssen, nicht weiter zu wissen...

„Gleichgültig, was aus Menschen wird“

Aber auch die verbliebenen Mitarbeiter stehen täglich vor neuen Herausforderungen und zunehmenden Druck, denn langjähriges Miteinander fällt weg, Arbeiten müssen neu verteilt werden, andere Aufgaben kommen hinzu, Fehler sind unvermeidlich, denn es bleibt keine ausreichende Zeit zum Anlernen oder es gibt niemanden mehr, der es kann.

Bei Aequita/Opti beschäftigt zu sein, bedeutet für Gesellschafter zu arbeiten, denen nur der Gewinn wichtig ist, denen es völlig gleichgültig ist, was aus den Menschen wird, die jahrzehntelang ihre Arbeitskraft und ihre Lebenszeit für Opti gegeben haben. Bei Aequita/Opti beschäftigt zu sein, bedeutet zu arbeiten, damit sich diese Gesellschafter noch mehr Geld in ihre übervollen Taschen stecken können. Aber die Würde des Menschen ist unantastbar?!“

Über die Produktion und Forschungsprojekte informierte 2015 der damalige Geschäftsführer Wolfgang Kirsch (links) den Parlamentarischen Staatssekretär Stefan Müller (CSU) und die CDU-Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann bei einem Besuch im Opti-Werk in Rhauderfehn. Foto: Archiv
Über die Produktion und Forschungsprojekte informierte 2015 der damalige Geschäftsführer Wolfgang Kirsch (links) den Parlamentarischen Staatssekretär Stefan Müller (CSU) und die CDU-Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann bei einem Besuch im Opti-Werk in Rhauderfehn. Foto: Archiv

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