Theater im Brookmerland  Irrungen und Wirrungen in einer Psychiatrie-WG

Gerd-D. Gauger
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Von Gerd-D. Gauger
| 24.03.2025 18:53 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Gelungenes Debüt für Mieke Ahrens (links) als Therapeutin, hier mit der in die Zwangsjacke gepackten Erika Beninga (Mitte) und Anstaltsärztin Ilona Barkhoff (rechts). Foto: Gerd-D. Gauger
Gelungenes Debüt für Mieke Ahrens (links) als Therapeutin, hier mit der in die Zwangsjacke gepackten Erika Beninga (Mitte) und Anstaltsärztin Ilona Barkhoff (rechts). Foto: Gerd-D. Gauger
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Theatergruppe des Heimatvereins Schottjer Dreesche bietet mit der flotten Komödie „Neurosige Tieden“ hohes Ulk-Niveau. Was das Spiel sehenswert macht.

Upgant-Schott - Es gibt die verschiedensten Arten psychischer Defekte, für die Fachmediziner die verschiedensten, meist lateinischen, oft auch längere Beschreibungen haben. Auf Platt geht’s kürzer: Brägenklöterig! Und genau das sind vier von merkwürdigen Störungen befallene Insassen einer Psychiatrie-WG, die offenbar nur vorübergehend eingewiesen wurden. Sie stehen im Mittelpunkt der kessen Komödie „Neurosige Tieden“ aus der Feder von Winnie Abel.

Abel, da war doch was? Richtig, in dieser Spielzeit der ostfriesischen Volksbühnen bedienen sich gleich vier von ihnen – so zuletzt die Lübbertsfehner Wiekenspöler – einer der vielen Muntermacher-Produktionen aus der Feder dieser hessischen Augenzwinkerin.

VerschmitzteBrägenklöterigen-WG

Und jetzt verwandelt auch die Theatergruppe „Um de Dreih“ das Ellernhus in Schottjer Dreesche in eine verschmitzte Brägenklöterigen-WG. Deren Bewohnern gilt – eine Dezibelmessung würde das bestätigen – die uneingeschränkte Sympathie des sich vor Vergnügen biegenden Schottjer Publikums. Da ist ein blondes Gift (Kim Janssen), das für Kinderohren nicht geeignete Sprüche draufhat und Männern gern dahin greift, wo eine Dame besser nicht hin greift.

Ein von neurotischer Pedanterie befallener Beamtentyp (Volker Vienna) gehört ebenfalls dazu. Sein Genauigkeitsfimmel beflügelt ihn sogar dazu, die Hinternbreite einer Mitbewohnerin einer Zollstockmessung zu unterziehen. Diese Mitbewohnerin (Saskia Barkhoff) ist Möchtegern-Groupie eines Volksmusikstars, das Bild seines Idols über dem Busen, pardon, auf dem T-Shirt, tragend. Der Senior des skurrilen Quartetts (Gerhard Dyhr) hat Sprachstörungen, und außerdem ist er auch nicht der Hellste. Oder verbirgt sich hinter dem Gestottere doch ein schlitzohriger Geist?

Sonderliche WG-Bewohner unter sich: Saskia Barkhoff (von links), Volker Vienna, Kim Janssen und Gerhard Dyhr im Dauerangriff auf Publikums-Lachmuskeln. Foto: Gerd-D. Gauger
Sonderliche WG-Bewohner unter sich: Saskia Barkhoff (von links), Volker Vienna, Kim Janssen und Gerhard Dyhr im Dauerangriff auf Publikums-Lachmuskeln. Foto: Gerd-D. Gauger

Dann taucht auch noch der Sexistin Mutter (Erika Beninga) auf, nicht ahnend, dass die WG eine Neurotiker-WG ist. Was natürlich zu Irrungen und Wirrungen führt, die auch die Anstaltsärztin (Ilona Barkhoff, in einer Doppelrolle als vermeintliche Mutter) entwirren kann. Und der vom Groupie angehimmelte Sängerknabe (Alfred Janssen) trifft auch unverhofft ein und erweist sich zur Enttäuschung seines ihn anschmachtenden Teenie-Fans nur als alternder Frauenheld, der es auch schon mit der Blondinen-Mutter getrieben hat.

Mehr Quatsch-Comedy geht nicht. Zu diesem, putzmunter seine Rollen bis auf höchstes Ulkniveau ausreizende Ensemble gesellt sich erstmals Mieke Ahrens in einer Doppelrolle als Therapeutin und Reporterin. Man wird noch von dieser unbefangen aufspielenden Novizin in künftigen Inszenierungen hören und sehen. Das ist gewiss!

90 Minutenunbeschwerter Spaß

Natürlich kann man mit einem solchen Drehbuch wie diesem nicht den Nobelpreis für Literatur gewinnen. Aber 90 Minuten pointenreicher, unbeschwerter Spaß, frei von schon x-mal gehörten Kalauern, und dann noch mit so viel Verve gespielt wie von den Dreeschern – das hat doch was. Entspannende, problemfreie Komödie mit frivolen Freiheiten, fernab von Ordinärem, immer witzig: das Schottjer Klottje zeigt gegen Ende der diesjährigen Spöldeel-Saison noch einmal auf seine ganz eigene, originelle Weise, warum die ostfriesischen Bühnen einen so starken Zuschauerandrang verzeichneten wie seit Langem nicht.

Wie sagte doch in den siebziger Jahren Willy Beutz, der Präsident des Niederdeutschen Bühnenbundes: „Es ist Aufgabe und Auftrag der plattdeutschen Bühnen in einer Zeit nervenzerreißender Spannungen im politischen Weltgeschehen für ein dankbares Publikum zu spielen.“ Das gilt heute mehr denn je. Die Schottjer, deren weitere Aufführungen längst ausverkauft sind, haben Beutz‘ Aufruf herausragend und mit viel Idealismus umgesetzt!

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