Paris  Der tiefe Fall eines Starschauspielers: So lief der Prozess-Auftakt gegen Gérard Depardieu

Birgit Holzer
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Von Birgit Holzer
| 24.03.2025 17:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Eigentlich hätte der Prozess gegen Gérard Depardieu bereits im Oktober 2024 stattfinden sollen. Doch Depardieu legte ein medizinisches Gutachten als Entschuldigung vor. Foto: IMAGO/ABACAPRESS
Eigentlich hätte der Prozess gegen Gérard Depardieu bereits im Oktober 2024 stattfinden sollen. Doch Depardieu legte ein medizinisches Gutachten als Entschuldigung vor. Foto: IMAGO/ABACAPRESS
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Der Auftakt eines historischen Prozesses in Paris: Zwei Frauen werfen Gérard Depardieu sexuelle Übergriffe während Dreharbeiten vor. Tatsächlich ist die Zahl der Anschuldigungen gegen den 76-Jährigen noch viel größer.

Die Frauen warten schon auf Gérard Depardieu. Manche haben sich bereits Stunden vor Verhandlungsbeginn vor dem Gericht in Paris aufgestellt, einige halten Plakate hoch. „Na, Gérard, magst du das immer noch, meine Schlampe?“, steht auf einem davon, in Anspielung an einen der obszönen Sprüche, den der 76-Jährige oft geäußert haben soll, wenn er Frauen betatschte und begrapschte.

Etliche Kameraleute und Journalisten drängeln sich an diesem Montagmittag vor dem Gerichtsgebäude. Die Medien sprechen von einem „historischen“ Prozess: Erstmals muss sich Depardieu, dieser lange so verehrte Star-Schauspieler, der in rund 250 Filmen spielte, vor Gericht wegen des Vorwurfs der sexuellen Übergriffe verteidigen.

Zwei Frauen beschuldigen ihn, sie während der Dreharbeiten für den Film „Les volets verts“ („Die grünen Fensterläden“) von Regisseur Jean Becker im Jahr 2021 schwer sexuell belästigt zu haben. Eine 54-jährige Dekorateurin hat ausgesagt, der Schauspieler habe sie „brutal gepackt“, mit den Beinen fixiert und fest an Taille, Bauch und Brust berührt. Die Frau steht an diesem Montagmittag zwischen den anderen Demonstrantinnen und blickt selbstbewusst in die Kameras. Die zweite Klägerin, eine heute 34-jährige Regieassistentin, wirft Depardieu vor, er habe ihre Brüste und ihren Hintern betatscht. Dem Angeklagten drohen bis zu fünf Jahre Haft und eine Geldbuße von 75.000 Euro.

Der Prozess, der auf zwei Tage angelegt ist, hätte eigentlich bereits im Oktober 2024 stattfinden sollen. Doch Depardieu legte ein medizinisches Gutachten vor, das ihn entschuldigte. Er ist schwer übergewichtig, leidet an Diabetes und hat einen vierfachen Bypass. Nun aber hieß es, er sei verhandlungsfähig, wenn die Sitzungen sechs Stunden pro Tag nicht übersteigen.

Als Depardieu kurz vor Prozessbeginn erscheint, wirkt er in guter Verfassung. Er geht mit zügigen Schritten in den Gerichtssaal und stützt sich dabei lediglich mit der Hand an der Schulter seines Verteidigers Jérémie Assous auf. Ruhig blickt er in die Kameras, einen Kommentar macht er nicht. Das überlässt er Assous, der kurz darauf vor die Presse tritt. Der Prozess sei eine Gelegenheit, „auf unparteiische, objektive und unbestreitbare Art und Weise“ die „Lügen“ der Anklage zu widerlegen, sagt der als offensiv bekannte Promi-Anwalt: „Wir werden die gesamten Anschuldigungen mit der Wirklichkeit konfrontieren.“

Von beiden Seiten sind an diesem ersten Verhandlungstag Unterstützer zugegen. Hinter Depardieu sitzen alte Schauspieler-Kollegen wie Vincent Perez und Fanny Ardant. Ardant war ebenfalls bei den Dreharbeiten 2021 zugegen und hat ihren Freund Depardieu stets öffentlich verteidigt. Aber auch die Schauspielerin Anouk Grinberg ist vor Ort, eine frühere Vertraute Depardieus, die zu einer seiner härtesten Anklägerinnen geworden ist, ebenso wie Charlotte Arnould. Die Schauspielerin hat 2018 Klage wegen zweimaliger Vergewaltigung in seinem Pariser Stadtpalais eingereicht. Ein erstes Verfahren wurde eingestellt, ein zweites wieder aufgenommen. Noch ist nicht entschieden, ob es zu einem Prozess kommt.

Darüber hinaus belasten noch weitere Frauen den Darsteller des Cyrano de Bergerac im gleichnamigen Film oder des Obelix in mehreren Asterix-Streifen. Vor zwei Jahren hat die französische Investigativ-Online-Zeitung „Mediapart“ eine umfangreiche Reportage veröffentlicht, in der mehr als 20 Betroffene über verstörende Erfahrungen mit Depardieu zwischen 2004 und 2020 berichteten. In einem kürzlich erschienenen Artikel schlossen sich drei weitere Frauen an. Depardieu ging demnach immer nach demselben Muster vor, bedrängte und begrapschte sie vor aller Augen, machte Schmatzgeräusche und anzügliche Bemerkungen. Er habe sich völlig straffrei gefühlt, niemand wagte ihn zu bremsen.

Bis zuletzt hatte er Fürsprecher auf höchster Ebene: Präsident Emmanuel Macron provozierte Ende 2023 einen Aufschrei von Feministinnen, als er sagte, Depardieu sei „ein riesiger Schauspieler“ und er sei gegen jede Form von „Menschenjagd“. Auch der Schauspieler selbst bezeichnete sich als Opfer einer „medialen Lynchjustiz“, der nie einer Frau etwas angetan habe. Für viele gilt die Aufarbeitung seines Falls jedoch als wichtiges Echo auf die #metoo-Bewegung, die 2017 in den USA mit der Anklage des früheren Filmproduzenten Harvey Weinstein auf sexuelle Übergriffe auf Frauen in der Kinobranche und darüber hinaus aufmerksam macht.

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