Giora Feidman in Aurich  Charismatischer Kommunikator und Brückenbauer

Werner Jürgens
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Von Werner Jürgens
| 24.03.2025 16:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Dynamisch wie eh und je: Auch mit fast 90 Jahren hat Giora Feidman nichts von seiner Kraft und seinem Charisma eingebüßt. Foto: Werner Jürgens
Dynamisch wie eh und je: Auch mit fast 90 Jahren hat Giora Feidman nichts von seiner Kraft und seinem Charisma eingebüßt. Foto: Werner Jürgens
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Der „King of Klezmer“ Giora Feidman war zu Gast in der Auricher Stadthalle. Der Altmeister glänzte mit Virtuosität, unbändiger Spielfreude und einer klaren Botschaft.

Aurich - Er glaubt fest an die universelle Kraft der Musik: „Revolution of Love“ heißt das aktuelle Programm, mit dem der „King of Klezmer“ Giora Feidman nach eigenem Bekunden über sein Instrument die „transformative Botschaft der Liebe verbreiten“ möchte. Am Sonntagabend gastierte der Ausnahme-Klarinettist an der Seite des Pianisten Vytis Šakūras in der Auricher Stadthalle und bewies eindrucksvoll, dass er auch mit fast 90 Jahren tatsächlich immer noch in der Lage ist, spielend Grenzen zu überbrücken.

Geboren wurde Giora Feidman 1936 in Buenos Aires als Sohn bessarabischer Juden, die 1905 vor Pogromen aus Russland geflohen waren. Mit 21 Jahren emigrierte er nach Israel. Als Mitglied des Israel Philharmonic Orchester lernte er die weltweit wichtigsten Konzertsäle kennen und arbeitete mit namhaften Dirigenten wie Leonard Bernstein oder Zubin Mehta. Darüber hinaus war Giora Feidman an erfolgreichen Kino-Projekten beteiligt, wie dem Oscar prämierten Soundtrack von Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ oder Caroline Links ebenfalls mehrfach preisgekröntes Drama „Jenseits der Stille“.

Giora Feidman: Kriege haben noch nie Probleme gelöst

Diese gleichermaßen ungewöhnliche wie abwechslungsreiche Bandbreite spiegelte sich am Sonntag auch im Live-Programm von „Revolution of Love“ wider. Dabei suchte der Protagonist des Abends von Anfang an den direkten Draht zum Publikum. Zum Einstieg stimmte Giora Feidman den Kanon „Shalom Chaverim“ an und forderte die Anwesenden auf mitzusingen. Nicht nur an dieser Stelle entpuppte er sich als charismatischer Kommunikator, der eine Botschaft hat. In seinen Ansagen monierte er, dass Kriege noch nie irgendwelche Probleme wirklich gelöst haben und plädierte für ein friedliches Miteinander. Um das zu unterstreichen und ein Zeichen für die Völkerverständigung zu setzen, hat er vor einem halben Jahr sogar die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. „We are family – Wir sind eine Familie“, betonte er am Sonntag immer wieder. Dass so etwas nach dem grausamen Holocaust überhaupt möglich sei, grenze an ein Wunder und sei ein großartiges Beispiel für Versöhnung und Menschlichkeit auf diesem Planeten, erklärte Feidman.

Auch musikalisch zelebrierte der Klarinettist einen globalen Rundumschlag, der vom wehmütigen argentinischen Tango à la Astor Piazzolla über klassische Töne eines Franz Schubert bis hin zur eingängigen Pop-Ballade „Halleluja“ von Leonard Cohen reichte. Dazwischen gab es zeitgenössische Kompositionen, von denen viele aus der Feder des gebürtigen Iraners Majid Montazer stammen und die unerkennbar arabische Einflüsse offenbarten.

Manch einem im Publikum verschlug es den Atem

Den einzigartigen Stilmix interpretierte Giora Feidman in gewohnt gekonnter Manier mit der für die Klezmer-Tradition typischen Mischung aus Heiterkeit und Schmerz. Bemerkenswert daran war, dass dieser Mann trotz seiner fast 90 Jahre nichts von seiner Kraft und seinem Charisma eingebüßt hat. Die tiefen brummigen Bassnoten kamen am Sonntag genauso klar und dynamisch rüber wie das fröhlich-feierliche Jauchzen seines Instrumentes in den höchsten Registern. Technisch anspruchsvolle Glissandi und Vibratos meisterte Feidman mit einer scheinbaren Leichtigkeit und schier unbändigen Spielfreude, dass es manch einem im Publikum glatt den Atem verschlug.

Der Maestro hingegen hatte genug Luft, um die kompletten gut 90 Minuten seines Live-Programms ohne Pause durchzustehen. Den vorläufigen Schlusspunkt des Konzertes in der Auricher Stadthalle bildeten die Titel „Happiness“ und „Friendship“ verbunden mit dem erneuten dringenden Appell für gegenseitigen Respekt und Freundschaft. Zum krönenden Finale durfte beim hebräischen Evergreen „Hava Nagila“ abermals gemeinsam gesungen werden. Und selbst danach war Feidman noch fit genug, um im Foyer Autogramme zu geben.

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