Emsland  Profifamilie - Ein besonderes Konzept aus dem Emsland wird bald 50 Jahre alt

Larissa Gorskowski
|
Von Larissa Gorskowski
| 24.03.2025 00:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Foto: Backhaus Kinder- und Jugendhilfe
Foto: Backhaus Kinder- und Jugendhilfe
Artikel teilen:

Pflegefamilie – das sagt fast jedem etwas. Die Profifamilie jedoch, als eine von der Backhaus Kinder- und Jugendhilfe vor fast 50 Jahren entwickelte Form der Unterbringung junger Menschen, ist bis heute etwas Besonderes, wenn auch inzwischen weit über das Emsland hinaus verbreitet. In einer Profifamilie (Erziehungsstelle) finden junge Menschen, die langfristig in der Kinder- und Jugendhilfe aufgenommen werden müssen, ein neues Zuhause. Eine pädagogische Fachkraft betreut einen oder zwei junge Menschen im eigenen Zuhause und der eigenen Familie.

Die jungen Menschen, die in der Kinder- und Jugendhilfe ein neues Zuhause finden, sind häufig traumatisiert und benötigen eine engmaschige und qualifizierte pädagogische Betreuung. Deswegen arbeiten in den Profifamilien nur ausgebildete pädagogische Fachkräfte. Diese weisen berufliche Qualifikation wie Erzieher, Heilerziehungspfleger, Heilpädagogen oder Sozialpädagogen auf. „Dies ist ein entscheidender Unterschied zur bekannten Pflegefamilie“, erklärt Geschäftsführerin Yvonne Krieger. „Die Profifamilien leisten sehr verantwortungsvolle Arbeit und sind sozialversicherungspflichtig unter Bezug weitreichender Sozialleistungen und anderer Zuwendungen bei der Backhaus Kinder- und Jugendhilfe fest angestellt“, so Krieger weiter. Bevor sie ihre Tätigkeit aufnehmen, absolvieren sie einen modular aufgebauten, umfangreichen Vorbereitungskurs mit hauseigenem Curriculum, der sie intensiv auf ihre neue berufliche Rolle und das neue Familienmitglied vorbereitet.

Für junge Menschen, die dauerhaft nicht in ihrer Herkunftsfamilie leben können, trotz ihrer Vorgeschichte aber den Rahmen einer Familie akzeptieren können, ist die Vermittlung in eine Profifamilie eine wertvolle Hilfeform. In keiner anderen stationären Erziehungshilfe ist eine so intensive Vermittlung von Bindung möglich. Dieses besondere Modell hat seine Wurzeln in einer besonderen Geschichte. Alles begann 1976, als die Eheleute Backhaus aus Bokeloh, frisch aus dem Studium, ein Kleinstheim in Meppen mit zwölf Kindern eröffneten. Was sie damals noch nicht ahnten: Ihre Arbeit würde im Laufe der Jahre vielen Kindern überall in Deutschland den Weg für eine zweite Chance auf Geborgenheit und Stabilität ebnen.

Nach elf Jahren intensiver Arbeit im eigenen Kleinstheim merkten die Eheleute 1987, dass manche Kinder einen noch kleineren, persönlicheren Rahmen benötigen, um wirklich heilen zu können. So entwickelte sich das Konzept der Profifamilie, dessen Begriff sich von „Profession“ ableitet und auf einem fundierten beruflichen Hintergrund basiert. Die Idee dahinter ist, Fachwissen und berufliche Erfahrung gezielt in den familiären Kontext zu integrieren, um eine professionelle Herangehensweise an die Herausforderungen der jungen Menschen zu ermöglichen.

Es war das erste dieser Art, von der Vision getragen, Kindern in einer familiären Umgebung Sicherheit und Geborgenheit zu schenken. Die damals erste Mitarbeiterin des Kleinstheims, Ulrike Meiners, wurde nun die erste offizielle Profimutter – bereit, gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem dreijährigen leiblichen Sohn einem jungen Menschen eine neue Perspektive zu bieten.

Der erste Bewohner dieser Profifamilie war ein zwölfjähriger Junge, den der Schritt in die neue Umgebung zunächst beängstigte. „Es war eine schwierige Zeit voller Herausforderungen, in der er gegen die neuen Umstände rebellierte“, erinnert Ulrike Meiners sich. Mit Geduld, Verständnis und einer unerschütterlichen Hingabe schuf die neue Profifamilie einen kindgerechten Alltag, der dem Jungen half, Vertrauen zu fassen und eine neue Bindung aufzubauen.

„In unserer Familie erlebte der Junge erstmals Rituale und Strukturen, die ihm halfen, innerlich zur Ruhe zu kommen: Ich weiß noch, dass wir den Kindern oft die Abendbrote auf einen kleinen Tisch in die Badewanne gestellt haben. Sie haben das geliebt“, erklärt die gelernte Pädagogin. Spiele mit dem leiblichen Kind der Familie halfen ihm außerdem, verloren geglaubte kindliche Freude neu zu entdecken. Diese heilsame Umgebung zeigte Wirkung: Der Junge schaffte es, schulisch Fuß zu fassen, baute soziale Kompetenzen auf und absolvierte später erfolgreich zwei Ausbildungen. Heute lebt er mit seiner eigenen Familie ein selbstbestimmtes Leben.

Doch nicht jede Geschichte verläuft so geradlinig. Als ein weiteres Kind in die Profifamilie aufgenommen wurde – ein Mädchen mit der Diagnose Fetales Alkoholsyndrom (FASD) – wurden die Profieltern vor völlig neue Herausforderungen gestellt. Die Auswirkungen dieser Diagnose waren komplex und verlangten der Familie viel ab. Doch auch hier zeigte sich: Durch Geduld, Unterstützung und professionelle Begleitung konnte das Mädchen seinen Platz in der Welt finden, auch wenn ein selbstbestimmtes Leben für sie aufgrund ihrer Erkrankung so nicht möglich war.

„Ein zentraler Baustein des Erfolgs der Profifamilien ist der intensive Austausch mit anderen Profieltern. In wöchentlichen Erziehungskonferenzen werden Herausforderungen gemeinsam reflektiert, Lösungen erarbeitet und Erfahrungen geteilt“, weiß Ulrike Meiners, die später als Erziehungsleitung auch andere Profifamilien begleitet hat. Diese wertvolle Vernetzung bietet nicht nur fachliche, sondern auch emotionale Unterstützung und lasse langjährige Freundschaften entstehen.

Das Leben und Arbeiten als Profifamilie ist kein einfacher Weg, doch es ist ein zutiefst erfüllender Beruf. Wer bereit ist, sich auf diese Aufgabe einzulassen, erfährt nicht nur tiefe Dankbarkeit von den aufgenommenen Kindern, sondern auch persönliches Wachstum durch Reflexion und die Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen. Da sind sich Yvonne Krieger und Ulrike Meiners einig.

„Profifamilien leisten einen unverzichtbaren Beitrag für die Gesellschaft, indem sie Kindern eine zweite Chance auf Bindung und Entwicklung geben. Sie werden professionell begleitet, erhalten Fortbildungen und profitieren von einem starken Netzwerk. Dieser Beruf bietet die Möglichkeit, nicht nur für andere da zu sein, sondern auch selbst daran zu wachsen.“ Davon ist die Backhaus Kinder- und Jugendhilfe überzeugt. Gleichzeit ermöglicht er es pädagogischen Fachkräften, von zuhause aus zu arbeiten. „Das kann für viele ein großer Bonus sein“, so Krieger.

Wer neugierig geworden ist und glaubt, den Herausforderungen und Freuden des Berufs gewachsen zu sein, kann sich über die Möglichkeiten, eine Profifamilie zu werden, informieren. Der Vorbereitungskurs hilft, sich intensiv mit den Anforderungen auseinanderzusetzen und herauszufinden, ob dieser einzigartige Beruf der richtige Weg ist. Denn Profifamilie sind nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung – mit dem Ziel, die Welt ein klein wenig besser zu machen.

Ähnliche Artikel