Hamburg  „Kopfnoten“ für Mitarbeiter sind wie die Frauenquote: Wäre schön, wenn sie sich selbst überflüssig machen

Julia Falkenbach
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Von Julia Falkenbach
| 23.03.2025 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
SAP Foto: dpa/Uwe Anspach
SAP Foto: dpa/Uwe Anspach
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Das Software-Unternehmen SAP will künftig die Teamfähigkeit und Kollegialität seiner Mitarbeiter bewerten. Wer sich davon gemaßregelt oder erzogen fühlt, ist mutmaßlich der Grund, warum eine solche Maßnahme sinnvoll ist.

Sartres Weisheit, dass die Hölle die Anderen sind, gilt wohl in keinem sozialen Gefüge so sehr wie am Arbeitsplatz. Handelt es sich dabei doch um eine kuriose Gemeinschaft aus Menschen, die sich, ohne einander vorher zu kennen, einverstanden erklären, miteinander mehr Zeit zu verbringen als mit Partner, Kind oder Hund (mutmaßlich zusammen). Die Resultate dieses sozialen Experiments variieren zwischen Freundschaften fürs Leben, friedlichen Koexistenzen, im gemeinsamen Hass vereinten Schicksalsgemeinschaften und kollektiven Feindbildern, deren Grausamkeit nicht mal Sebastian Fitzek einfallen würde.

Gut, das ist vielleicht etwas melodramatisch. Doch kennen Sie nicht mindestens einen Kollegen, der mit seiner „Alles Idioten außer mir”-Einstellung die Stimmung konstant runterzieht, in Besprechungen lieber auf CandyCrush denn auf Kollaboration setzt und Hilfsbereitschaft erwartet, anderen aber nie zuteil werden lässt?

Wenn ja, dann geben Sie ihm doch einfach geistig eine gelbe Karte – so würde es SAP auch machen. Das Software-Unternehmen bewertet künftig neben der Leistung ihrer Mitarbeiter auch deren Sozialverhalten. Dazu zählen etwa der Umgang mit Feedback, Engagement in Diskussionen und das Miteinander im Team. Kurz gesagt: Bei SAP gibt es „Kopfnoten”.

Vorbildliche und selbstkritische Teamplayer werden als blaue Leistungsträger geführt, der kameradschaftlichen Mitte wird mit einer grünen Bewertung ihre Durchschnittlichkeit attestiert – der Rest kommt in die gelbe „Zone der Verbesserungswürdigkeit”. Wer sich dort wiederfindet, muss mit seiner Führungskraft Maßnahmen zur Verhaltensanpassung besprechen, Coachings absolvieren und sich gegebenenfalls auf geringere Boni einstellen. Eine feste Quote an Lowperformern, wie SAP sie ursprünglich definieren wollte, hat der Betriebsrat zu Recht verhindert.

Nun habe ich freilich keine Lust, mir von einem Vorgesetzten sagen zu lassen, ich solle öfter lächeln oder auch mal die Kaffeemaschine reinigen. Und natürlich besteht bei jeder Form der Bewertung die Gefahr, dass diese subjektiv nach Launen und Sympathien des Chefs vergeben wird. Doch ist das nicht im Status quo längst der Fall – nur dass niemand darüber spricht?

Ganz im Gegenteil erachte ich die „Kopfnoten“ im beruflichen Kontext als ein ähnlich leidiges Thema wie die „Frauenquote“: Eine Notwendigkeit für eine bessere, gerechtere Arbeitswelt, von der jeder froh wäre, man bräuchte sie nicht. Es tut mir leid, aber wer bei der Bewertung seines Verhaltens am Arbeitsplatz Angst vor Repressalien hat, ist genau der Grund, warum die Einführung einer solchen Bewertung sinnvoll wäre. 

In unserer immer kollaborativeren Arbeitswelt – ob auf dem Bau, in der Kita oder im Büro – sind die Kollegen ein wichtiger Faktor für die Arbeitszufriedenheit. Einer Umfrage der Unternehmensberatung EY aus dem Jahr 2023 zufolge waren ein gutes Verhältnis zu den Kollegen und das Arbeitsklima sogar wichtigere Motivationsfaktoren als eine Gehaltserhöhung oder Boni. Wer freundliche, umgängliche Teammitglieder hat, hat auch mehr Anreiz, ins Büro zu kommen und vom Homeoffice Abschied zu nehmen, wie es sich doch so viele Arbeitgeber wünschen. Doch gerade jüngere Arbeitnehmer klagen immer häufiger über Mobbing am Arbeitsplatz: Mehr als jeder Zehnte unter 29 fühlt sich gemobbt – und wird sich eher früher als später einen neuen Arbeitsplatz suchen, wo ein respektvolles Miteinander als Selbstverständlichkeit statt als Kirsche auf der Sahne auf dem Eisbecher des Arbeitsplatzes angesehen wird.

Deswegen hoffe ich, dass SAP die Kopfnoten nicht als Stiefellecker-Prämie versteht, sondern ein Arbeitsumfeld schafft, in dem Angestellte gerne und gut arbeiten. Schließlich sind wir alle Erwachsene – das könnte man manchmal fast vergessen.

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