Hannover Continental schrumpft sich gesund – und beendet den Traum vom Zuliefergiganten
Um ein globaler Autozulieferer zu werden, gab Continental in den vergangenen Jahrzehnten Milliarden aus. Doch nun muss der Reifenhersteller den Plan aufgeben – und will so schnell wie möglich alles loswerden, was mit dem Autogeschäft zu tun hat.
Continental ist ein Gigant der deutschen Wirtschaft. Vielen ist das zweitgrößte Unternehmen Niedersachsens wohl durch die Autoreifen bekannt, die die Hannoveraner bereits seit dem 19. Jahrhundert produzieren. Doch ab den 1990er Jahren reichte der Status als Reifenhersteller nicht mehr – Continental wollte ein großer Autozulieferer werden, der es mit Größen wie Bosch oder ZF aufnehmen kann.
Neben den Autoreifen kauften sich die Hannoveraner deshalb ein Sammelsurium in der Autozulieferindustrie zusammen. Seitdem produziert Continental neben Reifen auch Bremsen, Displays, Bordelektronik, Airbags und Gurte, Sensoren, Hochleistungscomputer, Software, Fahrassistenzsysteme, Steuerungstechnik und allerlei Ersatzteile. Die Idee: Wer Autoherstellern quasi alles anbieten kann, kommt leichter an Aufträge und kann günstiger produzieren.
Heute ist Continental mit rund 40 Milliarden Euro Jahresumsatz der fünftgrößte Autozulieferer der Welt. Allein es hilft nichts: Die Übernahmen kosteten Milliarden, brachten aber nicht die erhofften Vorteile. Während das Reifengeschäft hochprofitabel ist, bleibt im Geschäft als Autozulieferer kaum etwas hängen.
Die Aktionäre murren deshalb schon lange: Seit vielen Jahren muss die gewinnbringende Reifensparte das Autogeschäft querfinanzieren, das bislang hohe Verluste schrieb. Erst im letzten Jahr konnte der Autobereich nach harten Sparrunden einen Gewinn erwirtschaften. Vom Plan, bis 2028 fast 30 Milliarden Euro Umsatz zu erwirtschaften, hat man sich schon längst wieder verabschiedet.
Deshalb begann in Hannover schon ab 2021 die Kehrtwende, Continental will das Autogeschäft wieder loswerden: Zunächst wurde das Antriebsgeschäft ausgegliedert und an die Börse gebracht, später auch ein Käufer für den Rest des Zuliefergeschäfts gesucht. Nur gefunden wurde keiner.
Deshalb wird das Zuliefergeschäft nun einfach an die Anteilseigner weitergereicht: Jeder Aktionär bekommt pro Conti-Aktie eine halbe Aktie des abgespaltenen Autogeschäfts ins Depot gebucht. Jeder zweite der rund 200.000 Beschäftigten wechselt in die neue Gesellschaft. Aber kann das Autogeschäft nach der Abspaltung auch allein überleben?
Die Investoren und auch Betriebsrat sind skeptisch. Weil die Entwicklungskosten der Hannoveraner hoch sind, sind die Produkte meist teurer, als die der Konkurrenz. Der Löwenanteil des Autoumsatzes kommt bislang aus dem Bremsgeschäft, doch hier gibt es aktuell Probleme: Ein Rückruf bei BMW hat die Geschäftsbeziehungen zwischen dem Autohersteller und den Hannoveranern belastet und beide Unternehmen Millionen Euro gekostet.
Bei den ebenfalls umsatzstarken Displays gingen lukrative Aufträge von Ford, VW und Audi zuletzt an die Konkurrenz. Und auch bei Fahrassistenzsystemen können die Hannoveraner aktuell kaum punkten, das Software-Geschäft schreibt hohe Verluste. Durch die Elektromobilität werden viele Geschäftsfelder zudem komplett obsolet, gleichzeitig muss sich das abgespaltene Autogeschäft ohne finanzstarke Hilfe der Konzernmutter bei der Auto-Software rund um Entertainment und automatisierten Fahren gegen das Silicon Valley durchsetzen.
Standorte und Jobs sind also in Gefahr, mindestens 7100 Stellen in der Forschung und der Verwaltung sollen gestrichen werden. Chef Philipp von Hirschheydt spart, wo es nur geht. Acht Sanierungsprogramme hat das Autogeschäft in zwei Jahren durchlebt. Und tatsächlich: Zuletzt konnte das Autogeschäft einen kleinen Gewinn erwirtschaften.
Für die nötigen Investitionen wird der aber nicht reichen. Deshalb bekommt das Autogeschäft vor dem Börsengang vom Konzern noch 1,5 Milliarden Euro für Investitionen mit auf den Weg in die Unabhängigkeit. Continental macht nun Druck. Schon Ende des Jahres will man das Autogeschäft los sein. Ende 2025 wird der Zuliefergigant dann wieder das sein, als was er gestartet ist: ein Reifenhersteller.