Osnabrück Das wichtigste Sondervermögen kostet nichts: Warum können immer weniger Kinder richtig lesen?
Die Lage ist schon lange bedrohlich: Zu viele Kinder und Jugendliche können nicht richtig lesen. Was tun? Appelle helfen nichts. Etwas anderes wäre viel wichtiger, um die Lust am Lesen zu vermitteln.
Wie viele Millionen und Milliarden waren es jetzt noch einmal? Hinter dem zunächst einmal erfreulich klingenden Begriff Sondervermögen verbergen sich gigantische Geldbeträge – die eigentlich niemand hat. Ich kann verstehen, dass dieses Thema Debatten auslöst. Was ich nicht verstehe: Warum sind Sondervermögen immer nur dann wichtig, wenn man sie beziffern kann, sonst aber nicht?
Es gibt ein Sondervermögen, über das wir wie selbstverständlich verfügen können müssten: die Lesefähigkeit der Kinder und Jugendlichen. Aber gerade da stehen wir, finanziell gesprochen, tief in der Kreide. Ein Viertel der 15-Jährigen können nicht richtig lesen. Sie verstehen Texte nicht wirklich. Was für ein dickes Minus.
Die Hamburger Kinderbuchautorin Kirsten Boie schlägt jetzt Alarm. Sie ist gerade 75 Jahre alt geworden und hat die mediale Aufmerksamkeit dazu genutzt, vor allem über jene zu sprechen, die sie mit ihren Büchern erreichen möchte – über Kinder und Jugendliche. „Jedes Kind muss lesen lernen!“, sagt Kirsten Boie.
Aber ist das nicht eine Selbstverständlichkeit? Nein, offenbar nicht. Es geht ja nicht nur darum, dass immer mehr Kinder und Jugendliche nicht richtig lesen können. Wissenschaftler zeigen, dass zudem das Verhältnis der Leistungsgruppen ins Rutschen gekommen ist. 2015 gehörten rund ein Viertel der Jugendlichen zur stärksten Lesegruppe, zehn Prozent zur Schwächsten. Dieses Verhältnis hat sich gedreht.
Warum gibt es keinen Aufschrei? Warum treibt das außer ein paar Bildungsforschern niemanden um? Kinder müssen lesen lernen: Dieser Appell hat sich längst abgenutzt. Es geht nicht einmal um ein Land der Dichter und Denker. Das ist Deutschland ohnehin nicht mehr. Es geht um junge Leute, die sich nicht am gesellschaftlichen Leben werden beteiligen können, weil sie Texte nicht verstehen.
Ich ärgere mich maßlos über die Gleichgültigkeit, wenn es um das Lesen geht. Es ist einfach, sozialen Netzwerken die Schuld an nachlassender Lesefähigkeit anzulasten. Sicher, das Internet spielt eine Rolle. Viel wichtiger aber sind diejenigen, die das Lesen vorleben müssten: Eltern zum Beispiel, aber auch Lehrer. Warum gelingt es ihnen nicht, die Lust am Lesen zu wecken?
Sagen wir es klar: Bildung zählt nicht. Lesen ist langweilig. Anstrengung wird gemieden. Geduld bringt nur noch eine Minderheit auf. All das gehört aber zum Lesen. Lesen hat etwas mit Disziplin zu tun – und mit der Freude, verstehen und mitreden zu können. Wer liest, verpasst über den Büchern das Leben. So denken viele. Ich finde, dass das Leben mit dem Lesen erst richtig schön wird, weil es Wert und Weite gewinnt.
Wo bleibt der Aufbruch für das Lesen? Wo die neue Lust auf Bildung? Wir brauchen noch ein Sondervermögen, eines des Geistes und der Intellektualität. Das Schönste daran: Es würde keinen einzigen Euro kosten, nur etwas, was Vielen offenbar zu teuer zu sein scheint: Hingabe und gelebtes Miteinander.