Berlin/Stockholm Wiedereinführung der Wehrpflicht: Taugt das schwedische Modell als Vorbild?
Schweden setzt auf eine selektive Wehrpflicht – ein Modell, das auch in Deutschland zur Diskussion steht. Die Erfahrungen der Skandinavier zeigen jedoch: Eine Wehrpflicht garantiert keine langfristige Verstärkung der Truppe. Was bedeutet das für die Bundeswehr?
Die Diskussion um die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland gewinnt an Dynamik und ist auch Thema in den schwarz-roten Koalitionsverhandlungen. Während sich die Union die Rückkehr zu einer echten Wehrpflicht vorstellen kann, setzt die SPD weiterhin auf Freiwilligkeit.
Verteidigungsminister Boris Pistorius will sich im Falle einer Wiedereinführung des Wehrdienstes in Deutschland am Modell Schwedens orientieren. Doch taugt Schwedens Wehrpflicht als Blaupause für Deutschland? Ein Blick auf das skandinavische Modell und seine Stärken und Schwächen.
Schweden hatte die Wehrpflicht 2010 ausgesetzt, doch die Streitkräfte klagten jahrelang über Personalengpässe. Sieben Jahre später erlebte die Wehrpflicht in Schweden ein Comeback. Laut Angaben des Verbands der Reservisten der Deutschen Bundeswehr meldeten sich während der freiwilligen Phase zwischen 2010 und 2017 im Schnitt nur 2200 Freiwillige jährlich, während 3500 benötigt wurden. Dies machte eine verpflichtende Rekrutierung notwendig.
Zum 18. Geburtstag erhalten alle jungen Schwedinnen und Schweden einen Fragebogen, den sie online ausfüllen müssen. Dieser enthält Fragen zur körperlichen und psychischen Gesundheit, zur Fitness, zum schulischen Hintergrund und zur Motivation. Auf Basis der Antworten werden etwa 30 Prozent eines Jahrgangs zur zweitägigen Musterung eingeladen. Von diesen werden letztlich rund 8000 Personen für die Grundausbildung ausgewählt – das entspricht etwa sieben Prozent eines Jahrgangs, wie der Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr vorrechnet.
Formal gilt die Wehrpflicht für Männer und Frauen gleichermaßen. Tatsächlich sind jedoch nur 17 Prozent der Wehrdienstleistenden Frauen. Einer der Gründe: Frauen schätzen ihre Fitness und Fähigkeiten im Fragebogen häufig schlechter ein als Männer. Außerdem leiden sie laut Musterungsbehörde häufiger unter psychischen Belastungen, weshalb sie seltener zur Musterung erscheinen müssen.
Schwedens Streitkräfte sollen im Kriegsfall 116.000 Soldaten umfassen, davon sind nur 18.000 Berufssoldaten. Der Anteil an Wehrpflichtigen soll bei 46.000 liegen, gibt der schwedische Verteidigungsattaché Jonas Hård af Segerstad in einem Gastbeitrag für das Portal „Augen geradeaus!“ an.
Nach der Grundausbildung bleiben die Wehrpflichtigen mindestens acht Jahre in einer Einheit beordert und müssen in dieser Zeit an zwei Wehrübungen teilnehmen. Durch die Stehzeit ergibt sich eine theoretische Anzahl von 64.000 Reservisten aus den Reihen ehemaliger Wehrdienstleistender.
Ein Hauptargument für die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland ist die Hoffnung, dass sich mehr junge Menschen längerfristig für den Dienst verpflichten. Das schwedische Beispiel zeigt jedoch das Gegenteil: Während in der freiwilligen Phase zwischen 2010 und 2017 rund 60 Prozent der Wehrdienstleistenden sich für eine längere Dienstzeit entschieden, sind es unter dem Pflichtsystem nur noch 20 Prozent, teilt der Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr mit. Viele der Einberufenen sehen den Wehrdienst lediglich als zeitlich begrenzte Erfahrung und haben andere Karrierepläne.
97 Prozent der angeschriebenen jungen Schweden füllen den Fragebogen aus. Wer sich verweigert oder falsche Angaben macht, muss mit einer Geldstrafe oder einem Eintrag ins Vorstrafenregister rechnen, heißt es von der Musterungsbehörde. Ein Gremium entscheidet über individuelle Befreiungsgründe, etwa religiöse Gewissenskonflikte.
Die hohe Akzeptanz der Wehrpflicht in Schweden hat mehrere Gründe:
Vorteile:
Nachteile:
Das schwedische Modell zeigt, dass eine selektive Wehrpflicht das Problem der Personallücke lösen kann. Es garantiert aber nicht, dass sich langfristig mehr Menschen für die Bundeswehr entscheiden. Zudem stellt sich die Frage der Wehrgerechtigkeit: In Deutschland wird ein allgemeines Pflichtsystem kritisch gesehen, während Schweden primär den militärischen Bedarf berücksichtigt. Letztlich müsste eine mögliche Reform in Deutschland an die gesellschaftlichen und sicherheitspolitischen Realitäten angepasst werden.