Jugend und Politik in Aurich  Große Diskussion im kleinen Klassenzimmer

| | 16.03.2025 13:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Wie politisch die Jugendlichen an der Realschule sind, erfuhr der CDU-Abgeordnete Jens Gieseke bei seinem Besuch in Aurich. Foto: Mieke Matthes
Wie politisch die Jugendlichen an der Realschule sind, erfuhr der CDU-Abgeordnete Jens Gieseke bei seinem Besuch in Aurich. Foto: Mieke Matthes
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Wie politisch sind Jugendliche und wie informieren sie sich über politische Inhalte? Das haben wir bei einem Ortstermin an der Auricher Realschule erfahren.

Aurich - Celina, Lucy, Zoé, Janna, Freja und Noah atmen erst einmal durch, lassen Luft in den Klassenraum der Realschule. Hinter den Zehntklässlern liegen anderthalb Stunden Diskussion und Austausch mit Jens Gieseke, CDU-Abgeordneter im EU-Parlament. Konzentriert sind die sechs Schüler und Schülerinnen gemeinsam mit ihren Klassenkameraden den Worten des Berufspolitikers gefolgt, haben nachgefragt, nachgehakt. Gieseke musste sich rechtfertigen und erklären.

Nicht alles hat die jungen Erwachsenen überzeugt, sie hatten Fragen. Zu Friedrich Merz und seinem Bild der Frau, zum Ukraine-Konflikt und zum richtigen Umgang mit der AfD. Die Bundestagswahl liegt an diesem Freitag knapp zwei Wochen zurück und sie hat viele Fragen aufgeworfen. Auch die, wie die Jugend politisch tickt. Denn viele Erstwähler machten am 23. Februar ihr Kreuz bei der Linken und bei der AfD.

Juniorwahl zeigt einen klaren Trend

Kurz vor der Bundestagswahl hatten deutschlandweit an Schulen freiwillige Juniorwahlen stattgefunden. Schüler und Schülerinnen ab Klasse 7 konnten teilnehmen. Abgestimmt wurde in Wahlkabinen und mit den gleichen Wahlzetteln, genau wie bei der Bundestagswahl. Rund 1,6 Millionen Jugendliche machten deutschlandweit mit. Das Ergebnis auf Bundesebene war eindeutig. Die Linke lag mit 25,3 Prozent klar vorne, gefolgt von CDU/CSU (16,8), SPD (15,5), AfD (14,7) und den Grünen (9,3). Ganz ähnlich sah das Ergebnis an der Auricher Realschule aus. Auch an dieser Schule hatte die Linke klar die Nase vorn.

Linke überzeugen auf mehreren Ebenen

Und die sechs Realschüler aus Aurich wissen auch, woran das liegt. „Die Linke hat kurz vor der Wahl deutlich an Präsenz gewonnen“, sagt Zoé. Vor einigen Monaten habe sie diese Partei noch gar nicht auf dem Schirm gehabt. „Die Linken sprechen einfach Themen an, die für unsere Generation wichtig sind“, sagt Mitschülerin Freja. Sie ist in der Schülervertretung aktiv und macht sich kurz vor dem Schulabschluss unter anderem Gedanken darüber, ob und wie sie später eine eigene Wohnung finanzieren kann. Bezahlbarer Wohnraum, Sicherheit, Frauenrechte, Tierschutz – das alles sind Themen, die die Jugendlichen betreffen und interessieren. Und eines mögen sie: Klartext. Und den haben vor der Wahl vor allem zwei Parteien gesprochen, die Linke und die AfD. Und zwar auf den Kanälen, die die junge Generation nutzt, wenn sie sich informieren will, auch über politische Themen. „Ich nutze Social Media und maximal noch die Tagesschau in 100 Sekunden“, erzählt Schülervertreterin Lucy. Zeitungen, Nachrichtensendungen im Fernsehen oder Radio? Fehlanzeige.

Soziale Medien als Quelle hinterfragen

Und so punkteten auch an der Realschule vor allem die Parteien, die auf Tiktok und Instagram präsent waren und sind. „Wenn dazu noch jüngere Personen etwas erzählen, dann sind sie einfach nahbarer für uns“, sagt Jana und meint damit etwa Heidi Reichinnek. Die Linken-Politikerin war kurz vor der Wahl omnipräsent in den Sozialen Medien und erreichte damit offenbar die junge Zielgruppe besonders gut. Ein ähnliches Phänomen spielte sich am anderen Rand des politischen Spektrums bei der AfD ab.

Politisch interessiert und diskussionsfreudig: Celina Grothe, Zoé Schmelzer, Lucy Christians, (hinten von links), Noah Gerdes, Jana Redenius, Freja Pfanne und Lehrer Dustin Nicolaus (vorne von links). Foto: Mieke Matthes
Politisch interessiert und diskussionsfreudig: Celina Grothe, Zoé Schmelzer, Lucy Christians, (hinten von links), Noah Gerdes, Jana Redenius, Freja Pfanne und Lehrer Dustin Nicolaus (vorne von links). Foto: Mieke Matthes

„Es sind viele Informationen über Social Media bezogen worden“, sagt Freja, weiß gleichzeitig aber auch um die Gefahr dahinter. „Diese Medien sind halt nicht die sicherste Quelle.“ Daher sei es wichtig, den Wahrheitsgehalt zu prüfen – am besten in Gesprächen und mit mehr Recherche. Gespräche, wie sie an der Realschule auch im Politikunterricht geführt werden oder auf dem Schulhof. Denn Politik ist ein Thema in der Schulgemeinschaft und das scheint gut zu sein, zeigt das Beispiel von Celina: „Bevor ich Politikunterricht hatte, habe ich mich gar nicht für Politik interessiert“, sagt die Teenagerin. Das habe sich durch den Unterricht geändert.

Schwere Wahlentscheidung

Hätte sie gerne schon an der Bundestagswahl teilgenommen? „Ich weiß noch nicht genug, um mich wirklich festlegen zu können“, sagt Celina. Und ähnlich geht es auch ihren Mitschülern. „Ich würde zwar wählen gehen, wäre mir aber nicht 100 Prozent sicher mit meiner Entscheidung“, sagt Zoé und Jana ergänzt: „In zwei oder drei Jahren sind mir vielleicht schon wieder ganz andere Themen wichtig, als jetzt.“ Und so spüren die Jugendlichen eine Unsicherheit, die auch vielen erwachsenen Wählern nicht fremd ist, wie Politiklehrer Dustin Nicolaus weiß.

Politische Diskussionen im Klassenzimmer

„Wir hatten an der Schule sehr viele Diskussionen besonders im Umfeld der Bundestagswahl“, sagt er. Viele Schüler und Schülerinnen, durchaus auch schon ab der 7. Klasse, hätten nachgefragt, wie manche Aussagen gemeint seien und welche Bedeutung das Wahlergebnis nun habe. „In diesem Zusammenhang kommt man immer wieder auf sehr spannende Diskussionen“, so der Lehrer.

CDU-Abgeordneter Jens Gieseke aus Sögel stellte sich den Fragen der Schüler und Schülerinnen. Foto: Mieke Matthes
CDU-Abgeordneter Jens Gieseke aus Sögel stellte sich den Fragen der Schüler und Schülerinnen. Foto: Mieke Matthes

Diskussionen, wie sie an diesem Vormittag auch zwischen den sechs Schülern und Schülerinnen im Klassenraum entstehen. Warum wird die AFfD nicht einfach verboten und welche Auswirkungen hätte das? Kann und darf man das Votum von Millionen von AfD-Wählern ignorieren oder muss ich versuchen sie zu verstehen? Große Fragen, die auch schon die Schüler in diesem kleinen Klassenraum beschäftigen.

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