Osnabrück Probleme mit Nackenschmerzen? Diese Therapien können helfen
Nicht mehr richtig in den Rückspiegel schauen können oder eine „Betonhartschale“ vom Hinterkopf bis zur Schulter spüren – Nackenschmerzen können das Leben schwer machen. Knapp jeder zweite Erwachsene erlebt das mindestens einmal pro Jahr. Doch es gibt neue Optionen in der Therapie.
Häufig hört man im Bekanntenkreis: „Ich gehe wieder zu meinem Osteopathen, wegen meiner Nackenschmerzen.“ Oft fällt dabei der Begriff der Faszientherapie. Ihr Ziel sind die Faszien, also die Bindegewebsstränge um Gelenke und Muskeln. Sie sollen mittels spezieller Druck-, Massage- und Bewegungstechniken von Verklebungen und Verhärtungen befreit werden, sodass sich die Beweglichkeit im Nacken verbessert und die Schmerzen zurückgehen. Doch wie sieht die wissenschaftliche Datenlage dazu aus?
Ein Forscherteam um Lea Overmann von der Universität Witten-Herdecke hat sich dieser Frage angenommen. Schwerpunkt lag auf dem sogenannten „Myofascial Release“, bei dem gezielt die Faszien um die Muskeln bearbeitet werden. Zehn Studien mit 549 Probanden belegten, dass die Methode bei Nackenbeschwerden offenbar deutlich zur Schmerzlinderung beitragen kann. Die Bewegungsfreiheit wurde zwar nicht deutlich verbessert, insgesamt aber kommen die Studienautoren zu dem Schluss, „dass Myofascial Release vermutlich eine wirksame Therapie von chronischen Nackenschmerzen darstellt“.
Ähnliches gilt für die – im Unterschied zum Faszientraining schon weitaus länger bekannte – Akupunktur. Chinesische Wissenschaftler haben über 700 Nacken-Patienten in zehn Sitzungen an den dafür vorgesehenen oder nicht dafür vorgesehenen Punkten genadelt. Nur bei den korrekt punktierten Patienten zeigten sich wirkliche Verbesserungen in der Schmerzsymptomatik. Die hielten sogar ein halbes Jahr.
Mit Faszientherapie und Akupunktur gibt es jetzt also zwei weitere Behandlungsoptionen, die im Kampf gegen den schmerzenden Nacken nicht nur eine anekdotische Grundlage haben, sondern auch eine wissenschaftliche Basis. Nackenschmerzen sind weit verbreitet und neigen dazu, chronisch zu werden. Chinesische Forscher haben kürzlich 33 potenzielle Risikofaktoren für Nackenbeschwerden herausgearbeitet: vom falschen Kopfkissen über ungünstige Sitzpositionen bis zum exzessiven Gebrauch von Smartphone.
Für eine ernsthafte Verbesserung sollten die Behandlungsmethoden an möglichst vielen Stellschrauben drehen, die für Nackenbeschwerden verantwortlich sein können. Sport kann laut einer Studie von Forschern der Bochumer Hochschule für Gesundheit die Anzahl der Nackenschmerz-Tage nahezu halbieren. Das Interessante dabei: Der Effekt scheint unabhängig von der jeweiligen Sportart zu sein.
Unter den getesteten Sportprogrammen waren nicht nur gezielte Dehnungs- und Kräftigungsübungen für den Nacken-, Schulter- und Brustbereich. „Auch andere körperliche Betätigungen haben einen Effekt“, betont Studienleiter Daniel Belavy. So wurden in einer Untersuchung die Studienteilnehmer dazu gebracht, ihre gemessene Schrittzahl zu erhöhen. Das senkte ebenfalls die Quote der Nackenbeschwerden.
Sport bewirkt unter anderem die Verbesserung der Durchblutung und des Muskelaufbaus im Nackenbereich. „Es gibt aber auch psychologische Effekte, die in Richtung Selbstwirksamkeit gehen“, so Belavy. Sport erhöht das Vertrauen in den eigenen Körper und dessen Fähigkeit, selbst an der Lösung von gesundheitlichen Problemen zu arbeiten. Wer spürt, dass er mittels Bewegung etwas gegen Nackenbeschwerden unternehmen kann, bleibt gelassener, wenn diese dann doch wieder auftreten.
Eine Wirk-Garantie für die Optionen zur Therapie von Nackenschmerzen gibt es nicht. Dennoch könnte es sich lohnen, nicht nur im Hinblick auf den Nacken. Deutsche und amerikanische Forscher haben deutliche Hinweise darauf gefunden, dass Kopfschmerzen und Nackenproblem weitaus mehr Zusammenhänge zeigen, als oft vermutet wird. Das Team um den Neuroradiologen Nico Sollmann von der TU München hat insgesamt 50 Probanden ausgesucht, von denen 16 unter Spannungskopfschmerzen und 12 unter Spannungskopfschmerzen und Migräne litten. Mittels Magnetresonanztomographie wurde nach Entzündungen im Trapezmuskel gesucht.
Es zeigte sich: Die Kopfschmerz-Patienten klagten häufiger über Nackenschmerzen. Man fand bei ihnen zudem deutliche Anhaltspunkte für Entzündungen im Trapezmuskel – umso mehr, je öfter ihre Kopfschmerzattacken auftraten. Außerdem waren die Entzündungen am stärksten bei den Patienten, die sowohl unter Spannungskopfschmerzen als auch unter Migräne litten.
Patienten mit Spannungskopfschmerzen wissen zwar in der Regel, dass die Nackenmuskulatur bei ihrem Problem eine Rolle spielt. Doch für Migräne hat man das bisher ausgeschlossen, dort gelten nach aktuellem Wissensstand vor allem Veränderungen an den Blutgefäßen als Ursache. Die aktuelle Studie zeigt nun, dass auch sie vom Nacken herkommen könnte. Dies eröffnet weitere Behandlungsoptionen für die rund 1,5 Menschen in Deutschland, die an chronischer Migräne leiden.